"Schiffeversenker" aus Meinerzhagen

Claus Körbi leitete den Spreng-Einsatz am Deich

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Innenminister Holger Stahlknecht und Bundeswehr-Oberst Claus Körbi nach dem geglückten Einsatz.

MEINERZHAGEN ▪ Dass er in seiner auch bislang schon ereignisreichen Bundeswehrdienstzeit einmal in die Situation geraten würde, verantwortlich zu sein für das Versenken von Schiffen – das hätte sich Oberst Claus Körbi (57) wohl kaum vorstellen können.

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Die Sprengung von zwei Lastkähnen, um einen massiven Deichbruch bei Fischbeck mit verheerenden Folgen für ein weites Umfeld auf unkonventionelle Weise zu verschließen, sorgte am Wochenende für Aufsehen und spektakuläre Bilder. Der diese durchaus riskante Aktion verantwortlich zu leiten hatte, stammt aus dem Sauerland. In Meinerzhagen ging er zur Schule – und der größte Kindheitstraum, den er sich aber dann doch nicht erfüllen konnte, war „hier einmal Schützenkönig zu werden“, wie Körbi in einem Gespräch mit der MZ verriet.

Den Hinweis, dass da „ein Meinerzhagener Junge“ als handelnde Person mitten im dramatischen Hochwassergeschehen an der Elbe stand, erhielt die MZ am Montag. Bäckermeister Karl-Jörg Voß hatte im Verkaufsraum seiner „Voß-Mühle“ einen Blick auf den dort aufgestellten Bildschirm mit der aktuellen Berichterstattung des Nachrichtensenders ntv geworfen – und erkannte in einem Beitrag aus dem Krisengebiet in Sachsen-Anhalt seinen alten Schulkollegen. Gleich informierte er davon die MZ-Redaktion. Über die Mutter von Oberst Körbi, Lieselotte, die jetzt in Kierspe wohnt, gelang es nur einen Tag später, in telefonischen Kontakt mit ihm zu treten. Wir erreichten den Bundeswehroberst an seinem Dienstsitz in Magdeburg. Dort ist der Stabsoffizier seit September 2011 als Chef des Landeskommandos unter anderem direkter Ansprechpartner der Landesregierung von Sachsen-Anhalt für alle Fälle zivil-militärischer Zusammenarbeit.

"Endlich auch ein paar Stunden Schlaf"

Das für 14 Uhr verabredete Telefon-Interview kommt pünktlich zustande. „Ich habe in der Nacht zuvor endlich auch mal ein paar Stunden Schlaf bekommen“, berichtet Körbi. Nur langsam weicht nach Tagen mit stressigem Kriseneinsatz an der Hochwasserfront auch bei ihm die Anspannung.

Körbi macht keinen Hehl daraus, dass das am Ende geglückte Unternehmen „Schiffssprengung“ auch zum Fiasko hätte werden können. So etwas hatte es zuvor noch niemals gegeben. „Trial and Error“, das Prinzip vom Versuch mit einkalkuliertem Irrtum habe in diesem Ausnahmefall gegolten. Der etwa 90 Meter lange Deichbruch bei Fischbeck war ausgerechnet an der höchsten Stelle erfolgt – mit verheerenden Folgen: Das Hochwasser der Elbe und einiger Nebenflüsse hatte sich in ein Gebiet von etwa zehn mal 20 Kilometern ergossen. 10.000 Menschen waren betroffen, mehr als 8000 mussten ihre Wohnungen verlassen. Alle konventionellen Bemühungen, das riesige Deichleck zu schließen, waren ergebnislos geblieben. Bei einem Krisengespräch von drei Experten kam die Idee für die in dieser Form so noch niemals erprobte Schiffsversenkung auf. Beteiligt waren je ein Vertreter des Innenministers, der Wasserwirtschaft und für die Bundeswehr Oberst Körbi.

Landesinnenminister Holger Stahlknecht gab schließlich das OK. Doch ehe er vor der versammelten Presse und laufenden Kameras am vergangenen Samstag gegen 20.30 Uhr Erfolg vermelden und den Verantwortlichen eine „operative Meisterleistung“ bescheinigen konnte, gab es noch drei bange Tage, angefüllt mit aufwändigen Vorarbeiten. Rund 800 Einsatzkräfte von THW, Bundespolizei und Bundeswehr waren beteiligt. „Das THW musste zum Beispiel 500 Tonnen Pflastersteine zur Beschwerung der zur Versenkung vorgesehenen Lastkähne heranschaffen“, berichtet Oberst Körbi. Die letzten Stunden und dann auch die Minuten „sind mir und dem Minister wie Ewigkeiten vorgekommen“.

Stahlknecht und Körbi hatten sich auf der Terrasse eines Wirtshauses am Kloster bei Jerichow niedergelassen und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. „Nach zwei aufeinanderfolgenden Explosionen haben wir zunächst keine Rückmeldung vom Einsatzort erhalten“, so Körbi. Schließlich seien er und der Minister kurzerhand in einen Hubschrauber gestiegen, um sich selbst ein Bild zu machen. „Was wir sahen, hat uns sehr erleichtert.“ Der Effekt war am Ende so messbar: „Vorher sind rund 1000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Bruchstelle geflutet – nach Abschluss unserer Aktion hatten wir das auf unter 100 Kubikmeter reduzieren können – das war ein Resultat, das alle Erwartungen in den Schatten stellte“, berichtet Oberst Körbi am Telefon.

Auch der Verteidigungsminister gratulierte

Lob gab’s nicht nur vom Innenminister Stahlknecht. Auch der oberste Chef, Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière, gratulierte. Mit rund 18.000 in den Hochwassergebieten insgesamt eingesetzten Soldaten hat sich die Bundeswehr einmal mehr als wirkungsvoller Helfer im Katastropheneinsatz bewähren können. Das macht auch Oberst Claus Körbi stolz. Nach dem Schulbesuch hatte er in Meinerzhagen zunächst eine Lehre als Starkstromelektriker bei der Firma Battenfeld absolviert. Danach erwarb er die Fachoberschulreife in Lüdenscheid und dient nun schon seit 1976 in der Bundeswehr.

Seine Laufbahn begann nach dem Betriebswirtschaftsstudium an der Bundeswehrhochschule München 1983 als Batteriechef in Gießen und Wuppertal. Mittlerweile blickt der er auf eine Laufbahn „mit 27 Verwendungen an 15 Standorten“ zurück. Körbi ist unter anderem Träger des Ehrenkreuzes in Silber und Gold, der Einsatzmedaillen Oderflut 1997 und SFOR (Einsatz in Bosnien-Herzegowina).

Mit der in Kierspe aufgewachsenen Ehefrau Beatrix hat er seinen Wohnsitz derzeit bei Hannover. Drei inzwischen erwachsenen Töchter sind längst aus dem Haus. Nach der Pensionierung möchte man dann den endgültigen Lebensmittelpunkt in Rees am Niederrhein finden, wo er die längste Zeit stationiert war. Mit Meinerzhagen verbindet ihn heute noch die Liebe zum Schützenfest. „Ich halte immer noch Mütze und Kittel meines Großvaters August Körbi in Ehren.“ Auch 2014 beim nächsten Fest möchte er mit den alten Schulkameraden Peter Krugmann und Henner Dönneweg wieder im Festzug mitmarschieren. ▪ -fe

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