„Kommunen haben das Problem verschlafen“

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Ein Arzt während der Untersuchung. Die fachärztliche Behandlung in Meinerzhagen ist insbesondere für ältere Mitbürger ausbaufähig, sagt die in dieser Sache engagierte Rentnerin Giesela Sziegoleit. Die Kassenärztliche Vereinigung kritisiert die Kommunen.

Lange Fahrten nur für einen Arztbesuch auf sich zu nehmen, ist gerade für ältere Meinerzhagener eine Belastung. Vor Ort mangelt es nämlich an Fachärzten, sagt Giesela Sziegoleit, die sich schon seit mehreren Jahren dafür einsetzt, dass sich die Versorgung vor Ort verbessert.

„Es muss sich jetzt mal endlich etwas tun.“ Die fachärztliche Versorgung – oder aus ihrer Sicht Unterversorgung – ist Sziegoleit schon seit 2013 ein Anliegen, mit dem sie sich regelmäßig an die Lokalpolitik richtet. Insbesondere geht es ihr darum, dass sich ein Augenarzt in Meinerzhagen niederlässt, wenn möglich ein chirurgischer Augenarzt. 

Ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt fehle vor Ort ebenfalls, sagt sie. Bisher müssen sie und andere Patienten lange Wege auf sich nehmen, etwa nach Lüdenscheid. „Wenn man zum Beispiel eine OP wegen Grauem Star hatte und am nächsten Tag eine Nachuntersuchung hat, müsste man zwei Tage hintereinander nach Lüdenscheid fahren.“ 

„Man kann es alten Leuten nicht zumuten, 20 Kilometer zu fahren und dann noch stundenlang beim Arzt zu warten“, sagt die Rentnerin aus Meinerzhagen. Nicht alle älteren Menschen könnten mit eigenem Auto fahren oder ein Taxi nehmen. „Viele Leute haben Grundsicherung, die müssen dann den Bus nehmen.“ Sziegoleit wandte sich mit ihrem Anliegen nicht nur an die Politik, sondern auch an die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe. 

Dr. Martin Junker, Leiter der Bezirksstelle Lüdenscheid, ist die Problematik bekannt. Dass für die Sicherstellung der medizinischen Versorgung die Kassenärztliche Vereinigung (KV) zuständig sei, sei eine Standardantwort von Politikern von der lokalen bis auf die Bundesebene, erklärt Junker in seinem Antwortschreiben an Sziegoleit, das der MZ vorliegt. Ein Grund für den Ärztemangel sei die Bedarfsplanung, wie Junker schreibt. 

Bei der fachärztlichen Versorgung gehört der Märkische Kreis mit dem Planungsbereich Bochum/Hagen zusammen. Die Facharztdichte in den Ballungsgebieten lasse keine neuen Zulassungen bei dem in Berlin festgelegten Grad der Überversorgung zu. Außerdem hielten Politik, Krankenkassen und die Rechtsprechung eine Entfernung von 25 Kilometern zum nächsten Facharzt für zumutbar. 

„Wir können uns die Kollegen, die nicht da sind, nicht aus dem Hut zaubern“, sagt Junker gegenüber der MZ. „Wir können auch keinen verdonnern ins Sauerland zu ziehen.“ Seit zehn Jahren erkläre er in den Kreisen und Städten, was in den nächsten Jahren auf sie zukomme in puncto Ärztemangel. „Die Kommunen haben das Problem verschlafen und immer auf die KV verwiesen“, sagt Junker. 

Damit sich am gegenwärtigen Zustand und damit auch der fachärztlichen Versorgung vor Ort etwas ändere, müsste es massiven Druck von der Bevölkerung gemeinsam mit Lokalpolitik, Kommunen und den niedergelassenen Ärzten geben, sagt Junker. In den Wahlprogrammen der Parteien stehe wenig zur Gesundheitspolitik, nach Wahlen würde man lediglich über Marginalpunkte sprechen.

„Das gesamte Gesundheitssystem wird seit Jahrzehnten von der Politik stiefmütterlich behandelt“, sagt der Lüdenscheider Bezirksstellenleiter. Seit der Wende würden in Gesamtdeutschland jährlich mehr als 2000 Mediziner weniger ausgebildet als vor der Wende allein in Westdeutschland. „Die Schere ist dadurch immer größer geworden. Wir sollen dann aber in der Peripherie für den Nachwuchs sorgen, der gar nicht ausgebildet wurde.“ 

Gerade im ländlichen Bereich sei es schwierig, Nachfolger zu finden, erklärt Junker. „Wir kommen langsam in Bereiche, wo es zahlenmäßig nicht mehr zu leisten ist“, sagt Junker. „Es gibt keinen Berufsstand mit einer so hohen Burnout-Rate.“ Er könne verstehen, dass viele Leute nicht mehr das Risiko einer Niederlassung eingehen wollten. „Der Beruf als niedergelassener Arzt ist wunderbar, aber die Rahmenbedingungen sind miserabel“, sagt Junker. 

Es gebe eine Misstrauenskultur und immer neue Dokumentationspflichten, die Ärzte frustriere. Viele ausgebildete Ärzte gingen auch ins Ausland, weil es dort eine andere Wertschätzung gebe als in Deutschland. Dennoch hoffe er, dass mehr junge Ärzte den Weg in die Niederlassung finden würden, denn es sei ein sehr erfüllender und auch heute noch „lohnenswerter“ Beruf.“

Zur Sache:

Ärzte in Meinerzhagen und Kierspe

Es gibt in Meinerzhagen und Kierspe 16 Allgemeinmediziner, von denen sich einige auch auf Innere Medizin, Gastroenterologie, Osteopathie, Chirotherapie, Geriatrie und Palliativmedizin spezialisiert haben. Des Weiteren gibt es zwei Fachärzte für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie zwei mit dem Fachgebiet Kinder- und Jugendmedizin. Zudem gibt es eine kinder- und jugendpsychiatrische und psychotherapeutische Praxis. Es gibt je einen Facharzt für Orthopädie, Chirurgie, Urologie und Neurologie, einen Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten sowie einen für Arbeitsmedizin.

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