Frau auf dem Schützenthron noch die große Ausnahme

Schießen auf den Königs- oder Prinzenvogel: In Meinerzhagen ist das nach wie vor nur männlichen Schützen vorbehalten. In den Nachbarvereinen Valbert, Rinkscheid und im Listertal dürfen auch Frauen ans Gewehr. ▪ Archivfoto: Weber

MEINERZHAGEN ▪ Der Schützenverein der Nachbarstadt Bergneustadt ist der älteste und größte des oberbergischen Kreises. Jetzt gibt es in seiner 660-jährigen Vereinsgeschichte die erste Frau, die sich beim Schießen auf den Königsvogel die Regentschaft sicherte.

Die 29-jährige Verena Schmies erfüllte sich damit einen Jugendtraum – und trägt nun zum Zeichen ihrer neuen Würde sowohl die Königskette als auch das der Königin vorbehaltene Diadem. An ihrer Seite steht mit Patrick Hupertz ein befreundeter Schütze, der selbst zu den acht männlichen Königsaspiranten gehörte und nun zum „Prinzgemahl“ avancierte. Ist eine solche Konstellation auch bei den vier Schützenvereinigungen im Meinerzhagener Stadtgebiet denkbar?

Michael Berkenkopf, Vorsitzender der Schützengesellschaft Meinerzhagen, deren Ursprung bis ins Jahr 1582 zurück geht, kommt nur kurz ins Stocken, als wir ihm die entscheidende Frage stellen: Darf eine Frau Schützenmajestät werden? Im „Regimentsbefehl“, der jeweils zum alle zwei Jahre stattfindenden Schützenfest vom Oberst schriftlich ausgegeben und zum Festauftakt vom Hauptfeldwebel noch einmal mündlich vorgetragen wird, sei das durchaus „eindeutig“ geregelt, erklärt er dann nach kurzem Überlegen. „Der Erwerb einer Königs- und Prinzenkarte kann nur durch ortsansässige männliche Schützen erfolgen“, laute der entscheidende Passus unter Punkt 7 des Regimentsbefehls. Und das werde dann nochmals unter den Punkten 9 und 10 mit den Regelungen zum Erwerb von Prinzen- oder Königskarte eindeutig auf ausschließlich „männliche Schützen“ abgestellt, so Berkenkopf. Es gebe aktuell zudem weder Anlass noch Lust, sich mit dem Thema weiter zu beschäftigen, auch bei der Schützengesellschaft womöglich Abschied vom althergebrachten Gebot des „Patriarchats“ zu nehmen, unterstreicht der Vorsitzende.

In Sachen Emanzipation ist man da beim gleich alten Schützenverein Valbert einen deutlichen Schritt weiter. Zwar hat es auch hier seit der ersten urkundlichen Erwähnung vor 431 Jahren noch keine Frau auf dem Thron gegeben – „aber möglich ist dies sowohl theoretisch als auch praktisch“, betont gegenüber der MZ der Vereinsvorsitzende Dominik Busch. Mitte der 90er Jahre, so erinnert er, hat sich auch tatsächlich mit der begeisterten Schützenfestaktivistin Judita Keine, heute verheirate Berger, eine Frau in die Liste der Königsaspiranten eingetragen und ihre Anwartschaft dann auch mit eindrucksvollen Schüssen auf den Holzvogel deutlich unterstrichen. In der Vereinssatzung werde sowohl bei der Mitgliedschaft als auch bei den Anwärtern auf die Majestätentitel nicht nach männlich oder weiblich unterschieden, stellt Busch klar. Volle Gleichberechtigung also im Ebbedorf!

Und das gilt auch bei den beiden dörflichen Schützenvereinen im Lister- und im Ihnetal. Für den 1897 gegründeten Schützenverein Rinkscheid legt der Vorsitzende Carsten Hoff jedoch Wert auf eine den dortigen Verantwortlichen nach wie sehr wichtige Festlegung: „Ein Königspaar muss unbedingt aus Mann und Frau bestehen!“ Das, was 2011 in Münster geschah und im Schützenwesen bundesweit für Aufregung und reichlich Diskussionen sorgte, kann es in Rinkscheid demnach nicht geben: Ein gleichgeschlechtliches Königspaar ist laut Vereinsstatuten beim Schützenverein Rinkscheid nicht zulässig. Ansonsten gilt diese Regelung: „Jedes aktive Vereinsmitglied (Mann/Frau) ist berechtigt, auf den Königs- oder Prinzenvogel zu schießen.“

Harald Lüsebrink, amtierender Schützenkönig des 1908 gegründeten und damit jüngsten heimischen Schützenvereins Zur Listertalsperre mit Sitz in Hunswinkel und zugleich auch dessen langjähriges Vorstandsmitglied, stellt für seinen Verein fest: „Wir hatten bislang noch nicht den Fall, dass eine Frau auf den Königsvogel schießen wollte. Bislang war es immer so, dass unsere Frauen sich freuten, wenn sie durch ihren Mann oder Lebensgefährten zur Schützenkönigin gemacht wurden.“ Satzungsmäßig sei es zwar nicht ganz so eindeutig festgelegt, aber für den Fall der Fälle wohl durchaus möglich und zulässig, dass auch eine Frau mitschießen könnte, stellt Lüsebrink klar.

Was aber durch Vorstands- und Mitgliedsbeschluss im Listertal festgelegt sei: „Sowohl bei König als auch Königin muss sich um eine natürliche Person handeln.“ Mit dieser Festlegung habe man auf einen kuriosen Vorfall reagiert, der im oberbergischen Gummersbach vorgekommen sei, erklärt er dazu: „Dort hatte ein frisch gebackener Schützenkönig seinen Hund zur Schützenkönigin machen wollen.“

Die neue Bergneustädter Regentin Verena Schmies ist sich der zumindest vereinshistorischen, wohl aber auch für das nach wie vor sehr traditionell ausgerichtete Schützenwesen generell bedeutsamen Tragweite ihres Coups sehr wohl bewusst. Für sie stand der Entschluss schon lange fest, sich irgendwann einmal als erste Frau überhaupt die Königskette zu sichern. Die 29-Jährige ist mit dem Schützenwesen aufgewachsen. „Als kleines Mädchen bin ich an der Seite meines Vaters durch die Stadt marschiert.“ Im Jahr 2005 schoss sie den Prinzenvogel, seitdem hatte sie das große Ziel Königsadler vor Augen. Auf den wollte sie eigentlich erst in zwei Jahren anlegen. Doch weil sich am Pfingstsonntag zwei weitere Frauen in die Schießliste eintrugen, kam sie in Zugzwang.

Die erste Königin in 660 Jahren Bergneustädter Vereinsgeschichte steht nun vor ganz praktischen Problemen. Nach traditioneller Rollenverteilung bekam der König die Kette, seine Königin das Diadem. Schmies trägt nun beides – was sie als unpraktisch empfindet: „Die Kette wiegt stolze anderthalb Kilo und schneidet in den Nacken ein, wenn man ein Kleid trägt.“ Daher soll künftig der Regent an ihrer Seite die Kette tragen. Welchen Titel der trägt, weiß sie nicht so genau: „Wahrscheinlich Prinzgemahl, so heißt der Mann von Queen Elizabeth ja auch“, verriet sie der örtlichen Lokalzeitung, dem Oberbergischen Anzeiger.

Weil sie den Königsvogel ihres Vereins geschossen hat, darf Schmies übrigens künftig auch am Königsvogelschießen des Oberbergischen Schützenbundes teilnehmen. Bislang habe diesen Titel noch keine Schützin errungen, sagt dessen Präsident Klaus Büser: „Es wird höchste Zeit. Unsere Satzung steht einer Königin natürlich nicht im Weg.“ ▪ -fe

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