Mit Hochgeschwindigkeit durch die Geschichte

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Der bekannte Kabarettist Mathias Richling gastierte in der Stadthalle. ▪

MEINERZHAGEN ▪ In der Mitte eine schwarz-rot-goldene Tafel, dahinter ein rotes, dreigeknöpftes Sakko auf einem „stillen Butler“ – das ließ schon erahnen, was das Thema von Mathias Richling am Freitagabend in der Stadthalle werden sollte.

Es war das letzte Abendmahl der Kanzlerin mit prominenten Tischnachbarn aus Politik und Kirche, bei dem Richling dank des „Richling-Codes“ Verschwörungen am Tisch von Angela Merkel aufdeckte.

Es war dunkel auf der Bühne, nur ein schummerig wirkender Bühnenstrahler warf sein Licht auf Richling. Leise, wie für sich, ging er vor sich hinmurmelnd umher, kontrollierte die Deko und sprach aus, was das Publikum erwartete. Kein Fotografieren während der Vorstellung, keine Pause, auch kein Essen während des Programmes und Punkt 22 Uhr Ende des Abendmahls. Kaum ein Satz zu Ende gesprochen, immer wieder von neuen Gedankensprüngen weitergetrieben, so wirkte nicht nur sein Auftakt. Ein wenig durcheinander wirkte alles, doch bei richtigem Hinhören war jedes Wort auf den Punkt gesetzt.

Und nun ging es im Hochgeschwindigkeitstempo parodistisch durch mehr als zwei Jahrtausende menschlicher Geschichte, besser Politik. „Pontifix ging es bei Papst Benedikt. Nach nicht einmal acht Jahren hatte er gekündigt und das, obwohl er vor seinem Rücktritt Merkel nicht einmal angerufen hatte“, sinnierte Richling und jonglierte mit Worten. „Wie Wulff, Guttenberg, Köhler und andere zurückgetretene Politiker“, setzte er nach.

Stuttgart 21 war das nächstes Thema, das Richling stark interessiert, auch wenn es für die Volmetaler uninteressant sein dürfte, mutmaßte Richling. Erzählen wollte er trotzdem darüber. Um 90 Grad sollte der Bahnhof gedreht werden, unter die Erde sollte er kommen. Dort könnte er wachsen. „Oder vielleicht sollte besser Stuttgart unter die Erde kommen? Dann könnte die Stadt dort wachsen“, gingen seine Überlegungen in eine gänzlich andere Richtung. „So wurde der Bahnhof der Dschihad im eigenen Land“, schloss er. „Ein Glaubensbekenntnis.“

Bekannte Persönlichkeiten kamen nun nach und nach an die lange Tafel in Schwarz-Rot-Gold. Joachim Gauck sprach im Predigtstil eines evangelischen Pfarrers. „Wahrlich, ich sage euch...“. Wolfgang Bosbach isst nicht viel, daher hat er so viel Zeit zu talken, Pofalla hat nach Richling eine beeindruckende Fähigkeit zur Farblosigkeit und er ist der Albino jeder Pressekonferenz.

Treffend bis ins kleinste Detail stellte Richling Altbundeskanzler Helmut Schmidt dar, obwohl als „Raucher“ angekündigt und namentlich nicht erwähnt, wusste jeder im Saal, wer gemeint war. Jede Bewegung saß, auch jede Antwort. Genauso gut gelang es ihm, Gerhard Schröder zu treffen, für den das Amt des Bundeskanzlers lediglich Lehrjahre waren für seine jetzige Aufgabe. „Vorteilsannahme? Spätestens seit Kohl und La Fontaine gehört sie zum Grundgesetz“, schloss Richling. „Gegen Korruption hilft nur Bestechung“, resümierte er über dieses Thema. Und auch die Euro-Rettungsschirme blieben bei Richling aufgespannt und nicht ohne eigene Überlegungen. „Wer hätte gedacht, dass wir in einem Urlaubsland viel Geld ausgeben, obwohl wir gar nicht hinfahren“, „streifte“ er Griechenland.

Es war eine Ein-Mann-Show, die Mathias Richling präsentierte. Eine Ein-Mann-Show, in der Richling perfekt in viele Rollen schlüpfte. Er hatte seinen Tischgästen nicht nur aufs „Maul“ geschaut, er hatte sie sorgfältig studiert. Nur so konnte er sie überzeugend vorführen, sprachlich, in der Gestik und charakterlich. Neue Zusammenhänge schuf Richling hier ebenso, warf einen neuen Blick auf die Erschaffung des Menschen durch Gott. „Am sechsten Tag, dem letzten Arbeitstag, erschuf er ihn“, warf Richling ein. „Da war er schon geschafft von seiner Arbeit und hat ihn husch, husch hingewichst.“ Oder er beleuchtete die Evolutionstheorie von Charles Darwin und erweiterte sie auf die Spezies Politiker, die Richling nicht in die Gruppe der Menschen einordnen mochte.

Mit Richling schenkte KuK den Gästen einen unterhaltsamen Abend, der keineswegs anspruchslos dahinplätscherte. Konzentration über fast 120 Minuten war gefordert. Nur so entging dem Zuhörer auch nicht die feinste Nuance einer Pointe. Denn das wäre schade gewesen. Was Richling zwischen den Zeilen sagte, war ebenso wichtig wie unterhaltsam. ▪ geg

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