Rap-Therapie in der sozialpsychiatrischen Praxis

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In der Praxis von Dr. Barbara Wüst an der Krim 1 in Meinerzhagen leitete der Dortmunder Rapper und Sozialarbeiter Eymen den außergewöhnlichen Kurs. 

Meinerzhagen - Dr. Barbara Wüst ist Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. In ihrer sozialpsychiatrischen Praxis an der Krim 1 steht eine Couch – natürlich.

Dass die heimische Medizinerin allerdings auch eine Vorliebe für Behandlungsformen hat, die der Norm überhaupt nicht entsprechen, erschließt sich nicht auf den ersten Blick, ist aber eine Tatsache. In den vergangenen Tagen etwa schallten Rap-Rhythmen durch die gediegene Praxis und sieben Kinder beziehungsweise Jugendliche übten sich fleißig in dem Sprechgesang. 

„Spaß haben, Selbstbestätigung finden, mit anderen kommunizieren, zuhören.“ So beschreibt Dr. Wüst das Ziel des Kurses, der bis Freitag von 11 bis 16 Uhr in ihrer Praxis stattfand. „Dozent“ war der Dortmunder Rapper Eymen. Und ganz nebenbei: Der 29-Jährige ist ausgebildeter Sozialarbeiter. Die sieben jungen Kursteilnehmer kamen nicht aus Meinerzhagen, sondern reisten aus dem Ruhrgebiet und auch aus dem Märkischen Kreis an. Ein Fahrdienst brachte sie täglich zur Krim. 

Sie wurden zur Teilnahme an dem Angebot in Meinerzhagen ausgewählt, weil sie fast alle ein Krankheitsbild eint: „Fetales Alkoholsyndrom“ (FASD), erläutert Dr. Barbara Wüst. Dahinter steckt ein Handicap, mit dem die Betroffenen seit ihrer Geburt leben müssen: „Die Mütter haben in der Schwangerschaft Alkohol konsumiert – mit Folgen für ihre Kinder. Die sind nun oft unkonzentriert, hibbelig und bleiben häufig unter ihrem Niveau. Die Nervenzellen im Gehirn sind schlechter vernetzt“, erklärt Dr. Wüst. Deshalb sei auch der Verein „Halbinsel Meinerzhagen“ bei dem Projekt mit „im Boot“. Der Zusammenschluss, dem auch Dr. Barbara Wüst angehört, unterstützt und begleitet FASD-Betroffene. 

Dass sie auch unkonventionelle Wege bei der Behandlung ihrer 11- bis 17-jährigen „Rap-Patienten“ geht, ist für Dr. Wüst einen Versuch wert: „Diese Kinder und Jugendlichen sind garantiert nicht in einem Alter, in dem sie sich auf die Couch legen und über ihre Probleme nachdenken. Wir müssen ihre Integration unterstützen und ihnen ermöglichen, zu erleben wie es ist, Erfolg zu haben. Ich habe mich am Ende des Tages gefreut, wenn hier jemand zufrieden rausging“, erläutert die Ärztin. Letztlich waren für sie die Rap-Stunden aber auch ein Versuch: „Wir wollten mal sehen, wie es angenommen wird. Eine medizinische Heldentat war dieses Angebot sicherlich nicht. Aber es ging für die Teilnehmer darum, Freude zu haben und Erfolg zu erleben. Wir haben während der Stunden sogar einen kleinen Film gedreht. Den können die Kinder dann ihren Eltern zeigen. Denn auch die sollen erfahren, dass ihre Kinder etwas können.“

Damit möglichst alle Teilnehmer das „Lernziel“ erreichen, dafür hat auch Eymen alles getan. Er wollte die Nachwuchsrapper „mitnehmen“. Dass er dabei auf den einfachen Sprechgesang – der ursprünglich aus den amerikanischen Gettos kommt – setzte, war kein Zufall: „Rap ist einfach. Man braucht keine musikalische Ausbildung. Es gibt keine Regeln, man muss die Töne nicht einmal treffen. Und man kann aus wenig ganz viel machen. Das Ganze hat ein wenig davon, Quatsch zu machen.“ Dass er in Meinerzhagen mit Kindern arbeitete, die ein Handicap haben, hat Eymen dabei nicht gemerkt: „Das war für mich eine Gruppe wie jede andere. Und ich habe bereits mit einigen Gruppen gearbeitet, so mit Menschen mit Fluchtbiografien.“ 

Jemanden zur Teilnahme zwingen, das kommt für den Sozialarbeiter mit dem Spezialgebiet „soziale Gruppenarbeit“ aber auf keinen Fall in Frage. Und was passiert, wenn ein Jugendlicher bei dem Rap-Projekt nur teilnahmslos herumsteht? „Kein Problem. Dann baue ich ihn einfach in die Performance ein, so wie er sich gibt, mit den Händen in den Taschen.“ Aber das ist in dem Turnzimmer in der Praxis an der Krim 1 nicht passiert. Und Eymen war schon am ersten Tag begeistert: „Ich glaube, dass mindestens drei Teilnehmer heute nach Hause gehen und den Rap noch im Kopf haben. Einer von ihnen hat während der Stunden sogar schon einen eigenen Text geschrieben – und der war wirklich gut.“

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