Anne Gesthuysens Tanten im Wandel der Zeit

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Anne Gesthuysen plauderte in der Stadthalle aus dem „Nähkästchen“.

MEINERZHAGEN -   „Heute Abend machen wir es uns so richtig gemütlich“, gab Anne Gesthuysen am Donnerstag im vollbesetzten Foyer der Stadthalle dem überwiegend weiblichen Publikum die Richtung vor, galt es doch, wohl gehütete Familiengeheimnisse aus ihrer niederrheinischen Familie auszuplaudern.

Von Luitgard Müller

Auf Einladung von KuK las sie aus ihrem im November des vergangenen Jahres erschienenen Buch „Wir sind doch Schwestern“, das schnell zum Bestseller wurde.

Die Lebensgeschichten ihrer drei Großtanten, Gertrud, Paula und Katty, stehen im Mittelpunkt des Debütromans der Journalistin, die vor allem als Moderatorin des ARD-Morgenmagazins und der Aktuellen Stunde bekannt wurde, für die sie auch einen kurzen Beitrag im Stil der US-Serie „Golden Girls“ über den 100. Geburtstag von Gertrud auf dem Tellemannshof in Wardt drehte. Und mit den Vorbereitungen zu diesem Fest beginnt auch der Roman, den sie später auf Wunsch ihres Verlages in Angriff nahm.

Keine ganz leichte Aufgabe, denn auf zusammen rund 300 Lebensjahre und damit auf ein gutes Stück Zeitgeschichte konnten die drei Frauen, die die Autorin schon als Kind faszinierten, am Ende ihres Lebens zurückblicken. „Ach, das sind doch alte Kamellen, das ist schon so lange her“, sei häufig die Antwort bei ihren Recherchen zu den drei völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten und Schicksalen gewesen, dennoch enthüllte sie bei ihrer Spurensuche so manches pikante und gern verschwiegenen Detail aus der Familiengeschichte. Wo Dokumente und Zeitzeugen fehlten, habe sie kombinieren müssen, berichtete Anne Gesthuysen.

Gut belegt ist allerdings der monatelange Scheidungsprozess des ehemaligen CDU-Landtagsabgeordneten Heinrich Hegmann, in dem ihre lebenslustige und trinkfeste Großtante Katty eine tragende Rolle spielte. Ob sie nur die Haushälterin oder doch mehr für den Herrn des Tellemannhofes war, dem sie seine zweite Ehefrau aussuchte, ließ Gesthuysen die Zuhörer selbst entscheiden, indem sie aus der Prozessakte vorlas, die als Familienerbstück mit dem Vermerk „Nicht lesen, sondern verbrennen!“ die Zeiten überdauerte. Die Niederschrift, die die Autorin im Nachlass ihres Vaters entdeckte und nach der Veröffentlichung ihres Buches dem Haus der Geschichte im Bonn überließ, besitzt sie heute nur noch als Kopie.

Neben dem lebenshungrigen Nesthäkchen Katty, die auch mit 84 Jahren noch kein Fest ausließ, Adenauer verehrte und sich als versierte PR-Agentin bewies, die den Besuch von Heinrich Lübke geschickt für ihre Ziele zu nutzen wusste, ist da noch Gertrud, die 16 Jahre ältere Schwester, die zwei Jahrhundertwenden miterlebte.

Sie wurde Lehrerin und war die Erzieherin und die moralische Instanz der drei Schwestern, die noch weitere acht Geschwister hatten. Ihre Liebesbeziehung zu Franz, dem Bruder Heinrich Hegmanns, der diese Verbindung ablehnte, endet tragisch, als der Zukünftige als Pilot im ersten Weltkrieg umkommt.

Eine weitere Liebe scheitert an der antisemitischen Einstellung der damaligen Zeit. Im Zweiten Weltkrieg versteckt Gertrud, möglicherweise auch aufgrund von Schuldgefühlen, einen Spion.

Und dann ist da noch Paula, warmherzig und fürsorglich. Sie heiratet und zieht Kinder groß, verliert ihren Mann Alfred aber dann an die Männer.

Anne Gesthuysen spricht schnell, mit lebhaften Gesten, als sie von der Entstehung des Buches und ihren Protagonistinnen erzählt. Und auch ihr Gesicht spiegelt ihre Empfindungen wider, als sie die drei Leben und Lieben mit ihren Hoffnungen und Wünschen skizziert.

Geistig rege und vielseitig interessiert beobachteten und kommentierten die drei famosen Großtanten den Wandel der Zeit. Und allen Schwierigkeiten, Schicksalschlägen und Verletzungen zum Trotz behielten sie ihren Humor, den eine gute Portion Selbstironie auszeichnete, bis ins hohe Alter. Für Anne Gesthuysen ist das das Rezept für ein langes Leben.

Nach der Lesung, der die Zuhörer mit Interesse und Amüsement folgten, hatten sie Gelegenheit Fragen zu stellen und ihre Buchexemplare von der Autorin signieren zu lassen.

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