Feiertage bei der Demenz-WG Aurelia

 Pflegerin berichtet: „Wir versuchen, die schönen Dinge zu sehen“

Gemeinsam Plätzchen backen – für die Mieter der Demenz-WG Aurelia gehört das zum Advent. Heute werden sie gemeinsam Weihnachten feiern und zuvor gemeinsam den Baum schmücken, zusammen mit Aurelia-Inhaberin Julia Knips.
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Gemeinsam Plätzchen backen – für die Mieter der Demenz-WG Aurelia gehört das zum Advent. Sie werden gemeinsam Weihnachten feiern und zuvor gemeinsam den Baum schmücken, zusammen mit Aurelia-Inhaberin Julia Knips.

In der Demenz-WG wird Heiligabend der Weihnachtsbaum von allen Bewohnern geschmückt. „Alle werden wieder sagen, dass es der schönste Baum ist, den wir je hatten – wie jedes Jahr“, lacht Julia Knips.

Meinerzhagen –Jahr für Jahr steht an der Mühlenbergstraße der schönste Baum. Wie jedes Jahr wird es auch wieder Plätzchen und Kakao geben, am Heiligen Abend Würstchen und Kartoffelsalat. Nur Angehörige werden nicht dabei sein. Eine gemeinsame Feier in größerer Runde ist derzeit undenkbar. Grundsätzlich dürfen Besucher nur nach einem negativen Schnelltest ins Haus – eine von vielen Vorsorgen gegen das Virus.

Für die Senioren mit Demenz spielt Covid-19 dagegen kaum eine Rolle. Dass die Pflegerinnen und Pfleger, die sich um sie kümmern, Masken tragen, daran haben sich alle gewöhnt, „selbst würden es die meisten WG-Mieter aber wohl nicht tolerieren“, erzählt die Geschäftsführerin.

Weihnachtsfreude auch in diesem Jahr

„Corona macht uns Weihnachten nicht kaputt“, das steht für Julia Knips fest. Weihnachtsfreude? Die Aurelia-Inhaberin nickt. Ja, die habe sie natürlich – wie jedes Jahr.

Der Gedanke an das Virus, er sei da, jeden Tag, natürlich. Corona geht an die Substanz, nicht nur für Pflegende, aber für sie besonders. Anstrengend sei die Zeit besonders zu Beginn der Pandemie gewesen. Fünf Wochen hatte sich Julia Knips im Frühjahr zusammen mit Kollegen und den WG-Mietern in eine freiwillige Quarantäne begeben. Das habe an den Kräften gezehrt, „doch zu dem Zeitpunkt war alles noch neu, keiner wusste, was kommen würde. Masken, Desinfektionsmittel, Handschuhe – alles war knapp, daher erschien es uns die beste Lösung damals.“

Masken werden vorerst bleiben

Die Situation ist auch jetzt wieder ernst. Doch die Frage nach dem Warum hilft nicht, findet Julia Knips. „Die Frage ist: Wie gehen wir damit um?“ Ein einigermaßen normales Leben mit Corona, das sei ihr Wunsch. Vielleicht sei es möglich, wenn geimpft wird. Doch ob sich 2021 schon etwas ändern wird? Kopfschütteln. Sie glaube, das nächste Jahr werde genauso bescheiden. „Und die Maske werden wir wohl so schnell nicht wieder los, in der Pflege vermutlich nie mehr.“

Viel Zeit mit der Arbeit verbringen – für die gelernte Steuerfachangestellte nichts Ungewöhnliches. Seit die Marienheiderin vor fünf Jahren ihr berufliches Leben umkrempelte und in Meinerzhagen mit Aurelia die erste Demenz-Wohngemeinschaft in der Stadt, einen Ambulanten Pflegedienst und eine Tagespflege eröffnete, dreht sich bei ihr alles um diejenigen, mit denen sie am liebsten zusammen ist: „Ich hab’ ein Faible für Ältere, einfach einen Draht zu ihnen. Ich mag ältere Menschen“, sagt sie. Freunde redeten ihr zu: „Etwas mit Senioren zu machen, das wäre genau dein Ding.“ Ob es wirklich „ihr Ding“ sein könnte – Julia Knips wollte es genau wissen, nahm sich Urlaub für ein Praktikum in einem Seniorenheim in Bayern – und fuhr nachher „völlig perplex“ wieder nach Hause. „Geflasht“ sei sie gewesen: „Ich hab’ festgestellt, dass ich in meinem Bürojob einfach total falsch war.“

Buchhaltung und Verwaltung beschäftigt sie heute zwar immer noch, jedoch nicht mehr für das Deutsche Rote Kreuz, sondern für ihr eigenes Unternehmen. Etwa eineinhalb Jahre habe der Weg von der Erkenntnis im Pflegeheim in Bayern bis zur Eröffnung von „Aurelia“ gedauert. „Es ging alles ganz schön schnell.“

Eine wertvolle Aufgabe

Sie habe heute das Gefühl, eine wertvolle Aufgabe auszuführen, „die anderen Menschen etwas bringt“. Wer emotional so eingestellt ist, den erfüllt das, davon ist Julia Knips überzeugt. Bei der 47-jährigen ist das der Fall, genau wie bei ihren Mitarbeitern. „Alle hier machen Ihren Beruf leidenschaftlich gerne.“ Wenn sie von den Sommernachmittagen erzählt, die sie mit den WG-Bewohnern auf der Terrasse verbracht hat – „mit Sonnenhut und Sonnenbrille“ – dann entsteht ein fröhliches, inniges Bild. „Wir hatten tatsächlich viel Spaß“, schmunzelt Julia Knips.

Spaß – ein wichtiges Wort im Hause Aurelia. Den Menschen, für die sie verantwortlich ist, ihr Leben „so schön wie möglich“ zu machen, darauf komme es an. „Sie sollen sich zuhause fühlen, auch wenn es ein etwas anderes Zuhause ist.“

Die körperliche Pflege sei ein Schwerpunkt, ja, aber sie lege ebenso viel Wert darauf, den zwölf Senioren – elf Frauen und ein Mann – schöne Stunden zu bereiten, sie zu umsorgen und ihnen Geborgenheit zu schenken. „Ich mache es so, wie ich es mir auch für meine Eltern wünschen würde.“

Feier ohne Familie

Ihre Eltern in Wilhelmshaven und ihre Geschwister in Köln – beide wird sie an Weihnachten nicht sehen. Ein wenig traurig sei das schon, aber mit ihrem Gewissen – den Eltern und den Bewohnern gegenüber – auch nicht zu vereinbaren. Die privaten Kontakte – seit Monaten liegen sie auf Eis. Treffen mit Freundinnen? „Vielleicht mal zum Spaziergang.“ Mehr Zeit bleibe durch die Selbständigkeit nicht. „Zum Glück haben meine Freunde Verständnis.“

„Mal nach Köln fahren, Live-Musik hören, das würde ich schon gern mal wieder machen“, gibt sie zu, weiß aber: Beides wird auf längere Sicht nicht möglich sein. Für Jugendliche wie ihren 17-jährigen Sohn tue ihr die Corona-Situation besonders leid. „Es wird ihnen etwas ihrer Jugendzeit genommen.“

Wunsch nach Abwechslung

Für sie selbst sei es wichtig, Ablenkung zu bekommen und Kraft zu tanken, sagt Julia Knips. Denn neben der Leitung ihrer Einrichtung macht die Aurelia-Chefin gerade eine Ausbildung als Pflegefachfrau. „Ich komme aus der Verwaltung und möchte mir einfach noch mehr Hintergrundwissen aneignen.“ Wie sie die Doppelbelastung stemmt? „Wenn man etwas gerne macht, kann man auch an seine Grenzen gehen“, antwortet sie.

Auszeiten gönnt sich der Bewegungsfan auf dem Stepper zuhause oder bei Spaziergängen mit den beiden Schäferhunden Wanda und Bonsai und Dackel Micki oder bei einer Tasse Kaffee – im Hühnerstall. „Morgens zwischen meinen vier Hühnern zu sitzen und ihr beruhigendes Gackern hören zu können, das ist pure Entspannung“, lacht Julia Knips.

Lachen ist wichtig

Lachen, das sei übrigens auch außerordentlich wichtig. Julia Knips lacht gerne und sie lacht viel. Man dürfe eben seinen Humor niemals verlieren. Auch nicht während der Pandemie.

„Jammern bringt uns nicht weiter“, das ist ihre Überzeugung. Das Virus dürfe einen nicht runter drücken – trotz allem.

Immer die schönen Dinge sehen

„Wir müssen versuchen, die schönen Sachen zu sehen“, lautet ihre Devise. Grundsätzlich sei die Angst, krank zu werden, doch größer, als das Wissen, bestimmte Dinge nicht tun zu können. „Man sollte einfach dankbar sein für die Dinge, die vielleicht gut laufen. Es gibt auch schöne Sachen. Man muss sie nur sehen“, das ist ihre Überzeugung. Genau wie die, dass „bei einer positiven Einstellung auch positive Dinge passieren.“

Einige der WG-Mieter leben in ihrer eigenen Welt, Corona spielt hier keine Rolle. „Sie wissen aber, dass Heiligabend ein besonderer Tag ist. Und wenn wir zusammen den Baum schmücken, dann ist Weihnachten.“ Mit dem schönsten Baum, den es je gab. Wie jedes Jahr.

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