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Von Politik enttäuscht: Elon Musk hilft Firma im MK mit schnellem Internet 

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Von: Thomas Machatzke

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Thomas Voss (links) und Anton Chishnjak wünschen sich fürs Tebit-Werk am Schnüffel so sehr schnelles Internet, doch
das Fortkommen bleibt schwierig. Für den Übergang hilft nun eine Starlink-Schüssel.
Thomas Voss (links) und Anton Chishnjak wünschen sich fürs Tebit-Werk am Schnüffel so sehr schnelles Internet, doch das Fortkommen bleibt schwierig. Für den Übergang hilft nun eine Starlink-Schüssel. © Machatzke, Thomas

Auf politische Unterstützung beim Aufbau der digitalen Infrastruktur musste Tebit-Unternehmensgruppe im Industriegebiet am Schnüffel zu lange warten. Anstatt eines Glasfaserkabels sorgt deshalb jetzt eine Starlink-Schüssel auf dem Dach für eine gute Internetverbindung.

Meinerzhagen – Es war Ende November. Pkw und Lkw, die von Norden nach Süden das Sauerland querten, oder eben von Süden nach Norden, fuhren noch über die Talbrücke Rahmede. Florian Müller kam nicht so weit. Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Drolshagen fuhr in Meinerzhagen von der A45 ab und besuchte dort mit einer großen Entourage die Tebit-Unternehmensgruppe im Industriegebiet am Schnüffel. Digitale Infrastruktur – das war das große Thema an diesem Tag. Fehlendes Glasfaserkabel am Schnüffel. „Was uns fehlt, ist eine gute Datenanbindung. Das ist der Wahnsinn in Tüten“, sagte Geschäftsführer Thomas Becker im November.

Florian Müller hörte es, es ist eines seiner großen Themen. Doch ein paar Tage später schluckte der Super-GAU der Talbrücke Rahmede alle anderen Themen. Der Schnüffel spielte keine Rolle mehr. „Seitdem hat sich seitens der politischen Unterstützung zum Thema Internet am Schnüffel herzlich wenig verändert“, erklärt Anton Chishnjak, Head of Finance & Analytics bei Tebit, in einer EMail, „vielmehr ist der gesamte politische und mediale Fokus nun auf die Sperrung der Rahmedetalbrücke verlegt worden. Dies ist in Anbetracht der Auswirkungen nachvollziehbar. Doch für die Tebit-Unternehmensgruppe stellt die fehlende Bandbreite am Schnüffel einen durchaus vergleichbaren Infrastrukturkollaps dar.“ Anton Chishnjak und Thomas Voss, im Unternehmen der Verantwortliche im Bereich Supply Chain (Lieferketten), sitzen nun, viele Monate später, in einer kleinen Sitzgruppe auf dem Außengelände der Firma.

Im Gepäck haben sie eine schöne Neuerung, aber auch alte Klagen. Und auf dem Weg zur Neuerung gab es zunächst viel Beklagenswertes. Die Versuche, die zwei 50- Mbit-Leitungen der Telekom, mit denen man 100 Mbit für die Firma notdürftig zusammengestückelt hat, zu erweitern, haben in den vergangenen sieben Monaten keinen Erfolg gezeitigt. Die Geschichte, die Voss und Chishnjak erzählen, ist eine Geschichte, die vielleicht ein Lehrbeispiel dafür ist, wie es nicht laufen sollte. Wie Behörden und Politik eine Firma im Regen stehen lassen. Fest steht: Die Telekom wird irgendwann Glasfaserkabel am Schnüffel verlegen. Den Prozess beschleunigen oder den Zeitpunkt benennen aber kann sie nicht. Nicht einmal in einem Fenster von einem bestimmten Jahr. Im Industriegebiet Grünewald passiert gerade etwas, hier müssen noch Reste der Firmen ans schnelle Netz angeschlossen werden.

Diese Firmen freuen sich dieser Tage gerade, aber die Umsetzung, sie fiel in diesem Gebiet quasi vom Himmel – wie ein plötzlicher Segen. So etwas würde sich Voss auch für den Schnüffel wünschen. Nur: Geschenke, die vom Himmel fallen, sind wenig planbar. „Wir hatten viele Gespräche mit einem tollen Telekom-Mitarbeiter, aber dem sind auch die Hände gebunden“, sagt Voss. Die Telekom hat Tebit auch eine „eigenwirtschaftliche Lösung“ vorgeschlagen. Mit anderen Worten: Den Ausbau für das gesamte Gebiet hätte dann die Tebit-Gruppe quasi selbst finanziert. 70 000 Euro allein fürs Kabelziehen? Und dabei noch nicht enthalten auch nur ein Mbit Leistung pro Monat? Das Unternehmen hat dankend abgelehnt. Stattdessen kam Richtfunk als Übergangstechnologie ins Gespräch. Unweit der Firma steht ein größerer Turm, an dem schon drei Antennen hängen. Die Tebit hätte gerne eine weitere drangehängt.

Unverständnis über Unbeweglichkeit der Telekom

„Richtfunk ist nicht so schnell wie Glasfaserkabel, aber auch schon ordentlich“, sagt Chishnjak. Nicht ganz billig wäre dies zudem gewesen, aber ein gangbarer Weg für den Übergang. Es scheiterte indes daran, dass das Aufhängen der weiteren, vierten Antenne am Turm der Statik wegen untersagt wurde. Voss lacht, wenn er dies erzählt. Es ist kein fröhliches Lachen. Eher eines, das für Unverständnis steht. Unverständnis für das Problem der Statik des Turmes, für die Unbeweglichkeit der Telekom. Aber eben auch die Ignoranz derjenigen, die auch ein Interesse haben müssten, dass ein 140-Mann-Unternehmen, das seit 30 Jahren am Ort ist und gute Geschäfte macht, auch weiterhin am Ort bleibt. Im November hatte Florian Müller auch die Meinerzhagener CDU im Gefolge. Es war ein Besuch, der das Potenzial hatte, in der Stadt aufzurütteln. Doch es hat niemand geholfen. Es hat auch niemand nachfragt, wie die Probleme gelöst werden könnten, ob es Fortschritte gibt. Niemand von der Stadt, niemand aus den Parteien, auch niemand aus dem Büro von Florian Müller. Doch damit genug der Klage, Voss und Chishnjak wollen ja eigentlich ihre Übergangslösung präsentieren.

Ein Mitarbeiter von Tebit hat die Idee an die Verantwortlichen herangetragen. Inzwischen ist sie umgesetzt. Seit knapp drei Wochen steht auf dem Firmendach eine Starlink-Schüssel. Sie speist über einen Router Satelliten-Internet in die Firmenrechner ein. Es ist optisch alles andere als spektakulär, aber es hilft. Ganz enorm sogar. Starlink ist seit einigen Wochen und Monaten in aller Munde, seitdem Starlink-Gründer Elon Musk rund 15 000 Starlink-Kits ins Kriegsgebiet in der Ukraine geliefert hat. So halten ukrainische Truppen und die Zivilbevölkerung die Kommunikation mit ihren Landsleuten aufrecht. Es gibt viele, die diese Unterstützung für genauso grundlegend wichtig halten wie Waffenlieferungen. Die Tebit-Gruppe also kaufte sich auch ein Starlink-Kit. Die Kosten sind überschaubar: 600 Euro für die Schüssel und den Router, danach 100 Euro im Monat fürs schnellere Internet. Im Download-Bereich agiert die Tebit-Gruppe nun mit einer 500-Mbit-Satelliten-Leitung. Fünfmal so schnell wie die bisherigen Leitungen der Telekom. Die laufen auch deshalb weiter, weil das Satelliteninternet im Upload-Bereich bei weitem nicht an die Download-Werte herankommt (nur 150 bis 300 Mbit).

Übergangslösung ist längst nicht perfekt

So ist die Übergangslösung längst nicht perfekt, aber doch ein großer Fortschritt. In der Firma wird nun intelligent gesteuert, welche Bereiche mit welcher Internet-Ressource arbeiten. „Die Standbilder, die wir vor kurzem noch in Videokonferenzen gehabt haben, gibt es nicht mehr“, sagt Voss. „Mich hat überrascht, wie einfach die Installation gewesen ist – die Schüssel musste nicht groß ausgerichtet werden, der Router einfach nur angeschlossen: plug and play“, sagt Chishnjak, „und technische Probleme haben wir seit dem Start noch gar keine gehabt.“ So arbeitet ein 140-MannUnternehmen im Sauerland nun mit einer ausgewiesenen Konsumentenlösung eines US-Milliardärs, denn mehr ist Starlink im Moment noch nicht, um irgendwie mitzuhalten und Pläne umzusetzen.

„Wir brauchen für die Zukunft natürlich Glasfaser am Schnüffel“, sagt Voss. Eine Glasfaserlösung würde 1000-Mbit bei Down- und Upload garantieren. Ein Quantensprung. „Aber Starlink kann eine stabile Backup-Technik für die Zukunft sein, auch deshalb haben wir uns damit beschäftigt. Zum Beispiel für den Fall, wenn einfach mal eine Glasfaserleitung durchgehackt wird.“ Die Digital-Strategie des Unternehmens ist vom Zeitfenster her bis 2030 ausgelegt. Bis dahin sollen alle Daten in sicheren Cloud-Lösungen gesammelt und gespeichert werden. Große Datenserver am Schnüffel wird es nicht mehr geben. Doch der Weg in die Cloud führt bei den Datenmengen, mit denen das Unternehmen arbeitet, nur über einen Datenhighway, gerade auch im Upload-Bereich. „2023 soll die Umsetzung der neuen Strategie beginnen. Es geht immer darum, langfristig zu denken und kurzfristig zu handeln“, sagt Thomas Voss. „Dann brauchen wir Glasfaserkabel, um zukunftssicher aufgestellt zu sein“, ergänzt Anton Chishnjak.

Trotz aller Enttäuschung darüber, dass sich so wenig tut, kommt ein Standortwechsel für die Verantwortlichen übrigens nicht in Frage. „Wir fühlen uns hier wohl, haben viele Mitarbeiter aus Meinerzhagen und auch ein hohes Interesse an Meinerzhagen“, sagt Voss und verweist auf Sponsoring-Engagements in Sport und Kultur, „wir haben eine tiefe Verbundenheit zum Standort.“ Und gerade deshalb hoffen Voss und Chishnjak nun darauf, dass sich bald etwas tut. „Wir setzen drauf, dass wir nicht vergessen werden“, sagt Voss, „wir glauben fest daran, dass es klappt. Und bis dahin setzen wir auf unsere Übergangstechnologie.“

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