Bescheinigung statt Führerschein

Meinerzhagen - Von 8.15 bis 9.15 Uhr hatte der Angeklagte am 2. September 2015 den letzten Teil eines Aufbauseminares abgeleistet, um seinen Führerschein zurückzubekommen. Um 9.30 Uhr des selben Tages wurde er von der Polizei auf der Heerstraße in Meinerzhagen angehalten. Statt einer gültigen Fahrerlaubnis zeigte der 23-Jährige die Bescheinigung über die Teilnahme an dem Aufbauseminar vor. Denn mit dieser war er auf dem Weg zur Straßenverkehrsbehörde, um sich dort seinen Führerschein abzuholen.

„Ich konnte es einfach nicht mehr abwarten, den Führerschein zurückzubekommen, da habe ich mir den Wagen meines Vaters geliehen, um nach Gummersbach zu fahren. Dort wollte ich den Führerschein abholen“, erzählt er vor dem Meinerzhagener Amtsgericht.

Von diesem Plan wollte er auch nicht ablassen, nachdem ihn die Polizei angehalten hatte. Denn noch am selben Tag machte er sich auf den Weg zur Zulassungsbehörde, um das begehrte Papier endlich in Händen zu halten. Doch daraus wurde nichts. Denn der Polizist aus Meinerzhagen hatte damit schon gerechnet und die Behörde in Gummersbach von dem Fahren ohne Fahrerlaubnis in Kenntnis gesetzt.

Nach diesem Vorfall hatte der junge Mann, der im Oberbergischen Kreis einen Gastronomiebetrieb betreibt, einen Strafbefehl erhalten, der neben der Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von 900 Euro auch eine sechsmonatige Sperrfrist enthielt. Vor allem an der Sperrfrist störte sich der junge Mann und wollte nun vor Gericht ein Urteil erwirken, dass die Strafe milderte. Allerdings war er nur bedingt erfolgreich.

Leidenschaftlich argumentierte der Kiersper Rechtsanwalt Gerrit Wolf, dass eine Sperrfrist nicht notwendig sei, da der Angeklagte sich nicht als unfähig erwiesen habe, ein Fahrzeug zu führen, „er hat im Gegenteil durch das Aufbauseminar weitere Kenntnisse erworben und stellt kein größeres Risiko im Straßenverkehr dar, als jeder andere.“

Dieser Argumentation wollte sich der Richter nicht entziehen und verzichtete auf die Sperrfrist, setzte die Geldstrafe aber auf 1500 Euro hoch. „Ich weiß aber nicht, ob auch die Straßenverkehrsbehörde von Auflagen beim Führerschein absieht, denn schließlich sind sie nicht das erste Mal im Straßenverkehr aufgefallen.“

Dass das stimmte, wurde am Rande des Verfahrens deutlich. So wurde der junge Mann schon mal mit einem „frisierten“ Roller auf der Landstraße gestoppt. Das Zweirad war eigentlich für Flugplatzrennen konzipiert. Dass er das Aufbauseminar besuchen musste, verdankte er einem Unfall im Jahr 2013. Damals war er als Auslieferungsfahrer für einen Imbissbetrieb tätig. Im Rahmen dieses Arbeitsverhältnisses hatte er mit dem „Dienstwagen“, der mit vier abgefahrenen Reifen bestückt war, einen Unfall verursacht. Weil er sich damals das Aufbauseminar nicht leisten konnte, hatte er seinen Führerschein „freiwillig“ abgegeben. Im vergangenen Jahr hatte er endlich das Geld für das Seminar zusammengespart und dieses auch besucht.

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