Tschernobyl-Zeitzeugen besuchen Gymnasium

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Vera Vaschtschyla (Mitte) und Iwan Borschtschow berichten von ihren Erlebnissen. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Im Rahmen der Aktionswochen „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ besuchten jetzt zwei Zeitzeugen aus Tschernobyl das Evangelische Gymnasium. Iwan Borschtschow und Vera Vaschtschyla berichteten den Schülern, wie sie den Atomunfall im Jahr 1986 erlebten.

Die Religionskurse der Jahrgangsstufe 11 verknüpften das Zeitzeugengespräch mit ihrer Unterrichtseinheit zum Thema Theodizee. „Wie kann Gott Leid zulassen?“, fragten sie sich auch mit Blick auf diese Katastrophe.

In Prypjat, nur drei Kilometer vom Atomkraftwerk in Tschernobyl entfernt, wohnte Vera Vaschtschyla, als sich im April 1986 die Nuklearkatastrophe ereignete. „Alles ging normal weiter“, erzählt die 51-Jährige, Iwan Borschtschow übersetzt ins Deutsche. Am Morgen nach dem Reaktorunfall sei sie sogar noch mit ihrer Familie in den Park gegangen.

„Wir waren einfach ahnungslos“

Später hörte sie Gerüchte, dass etwas passiert sei. „Und wir konnten aus der Ferne Dampf über dem vierten Block des Kraftwerks sehen“, erinnert sie sich. Am späten Abend klopften zwei Ärzte an ihre Tür. Die brachten ihrer Familie Kaliumiod-Tabletten – aber immer noch keine Informationen. „Hatten Sie da keine Zweifel?“, fragt eine Schülerin Vera Vaschtschyla. „Ich meine, man schluckt ja nicht einfach so Tabletten?“ Die Zeitzeugin nickt und sagt etwas zu Physiklehrerin Rena Sondermann, die auch Russisch spricht. „Sie konnte sich das Ausmaß der Katastrophe nicht vorstellen“, übersetzt die Lehrerin. „Die Familie war einfach ahnungslos und hat die Pillen genommen.“

Prypjat sei zu diesem Zeitpunkt schon abgeriegelt gewesen, die Behörden wollten eine Massenpanik unter den 50 000 Bewohnern vermeiden.

Erst am Tag nach dem Reaktorunfall kündigte eine Durchsage im Radio an, die Stadt Prypjat solle evakuiert werden. „Wir durften nur warme Kleidung, unsere Papiere und Lebensmittel für drei Tage mitnehmen“, erzählt die ehemalige Bewohnerin der Geisterstadt weiter. „Wir glaubten, wir könnten drei Tage später zurückkommen.“ Aber es kam anders. Nach ein paar Tagen in einem Dorf 25 Kilometer von Tschernobyl und in Kiew zog Vera Vaschtschyla mit ihrem Mann und ihren Kindern in ihren Heimatort. In Minsk fanden die Eltern schließlich Arbeit.

Veras Mann und auch ihre Mutter mussten außerdem als „Liquidatoren“ arbeiten. „So nannte man die Leute, die in Tschernobyl nach dem Unglück aufräumen mussten“, erklärt Iwan Borschtschow. „Die meisten trugen aber nicht die richtige Schutzkleidung.“ Viele Helfer wurden krank, einige starben schon kurz nach der Nuklearkatastrophe. Auch Veras Familie hatte und hat bis heute unter den Folgen des Unglücks zu leiden: Ihre Mutter starb schon 1996, ihr Mann erlag im Jahr 2005 einer Krankheit des Blutkreislaufes. „2006 ist meine Schwester im Alter von 35 Jahren gestorben“, erzählt die Zeitzeugin. „Auch meine Kinder und ich haben Probleme mit der Schilddrüse.“

Beeindruckt hören die Schüler der elften Klassen dem Bericht zu und kommen dann mit Vera Vaschtschyla ins Gespräch. „Sind Sie religiös?“, will ein Schüler wissen. Ja, sie gehöre der orthodoxen Kirche an, antwortet die 51-Jährige.

„Das sollte eine Lehre für alle Menschen sein“

„Haben Sie sich denn schon einmal die Frage gestellt, warum Gott dieses Leiden zugelassen hat?“, fragt der Meinerzhagener weiter. „Ich glaube, das sollte eine Lehre für uns und für andere Menschen sein. Das wollte Gott zeigen“, findet Vaschtschyla.

Dieser Meinung schließt sich auch Iwan Borschtschow an. „Das Atomkraftwerk war der Stolz der Sowjetunion“, erklärt er die Bedeutung des Unglücksreaktors in Tschernobyl. Doch die Nuklearkatastrophe hätte den Blick auf diese Energiequelle verändern müssen. Sie hätte den Begrifft von der „friedlichen Atomkraft“ zerstört. „Es gibt dabei immer Gefahren“, mahnt der Lehrer und Gesundheitsexperte. ▪ Constanze Raidt

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