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Kein Stein blieb in dieser Nacht allein

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Von: Luitgard Müller

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Rund 40 Menschen hatten sich in der Innenstadt versammelt, um am 83. Jahrestag an den zehn Verlegestellen von Stolpersteinen der Opfer des Naziterrors zu gedenken.
Rund 40 Menschen hatten sich in der Innenstadt versammelt, um am 83. Jahrestag an den zehn Verlegestellen von Stolpersteinen der Opfer des Naziterrors zu gedenken. © Luitgard Müller

„Kein Stein bleibt in dieser Nacht allein.“ Um dieses Versprechen der Initiative Stolpersteine zu halten, hatten sich am 83. Jahrestag der Pogromnacht, in der der Naziterror einen neuen Höhepunkt erreichte, rund 40 Menschen in der Meinerzhagener Innenstadt versammelt.

Meinerzhagen – Erstmals konnte bei einem Rundgang aller 47 jüdischen Mitbürger vor ihrem letzten freigewählten Wohnsitz gedacht werden, denn vor einem Monat waren endlich auch die letzten neun Stolpersteine verlegt worden.

Ein Stein, ein Name, ein Mensch: Die 47 Meinerzhagener waren tief in ihrer Heimatstadt verwurzelt. Geschäftsleute, Soldaten im Ersten Weltkrieg, Sanges- und Schützenbrüder, Ehrendamen. Dennoch wurden sie ausgegrenzt, verunglimpft, verhöhnt und verachtet, ihrer Rechte und Existenzgrundlagen beraubt. Und in den Morgenstunden des 10. Novembers 1938 aus ihren Häusern gezerrt, ihre heiligen Kultgegenstände und ihre letzte Habe zerstört. Familienväter wurden geschlagen, verhaftet und abtransportiert nach Sachsenhausen, ins Konzentrationslager.

Lügen als wahr verkauft

Dietmar Först, Sprecher der Initiative, am Dienstagabend: „Bis vor wenigen Jahren dachte ich, wir hätten aus diesen furchtbaren Ereignissen gelernt. Bis auch bei uns in Deutschland wieder der Hass, die Parolen und Anschläge ihr menschenverachtendes Gesicht zeigten. Menschen werden verachtet, verhöhnt, Fakten verdreht und Lügen als wahr verkauft. Sie müssen nur oft genug wiederholt werden, dann werden sie geglaubt. Das wusste auch Joseph Goebbels, Propagandaminister der Nazis.“

Först zitierte die Schauspielerin Iris Berben: „Meinungsfreiheit – Ja! Aber Hass ist keine Meinung. Und das Verdrehen der Geschichte ebensowenig. Ich bin überzeugt, dass der Großteil unserer Gesellschaft sich nicht damit identifiziert. Aber es gibt eine gewisse Nachlässigkeit: Man selbst gehört ja nicht dazu, man weiß ja, wo man steht. Ich denke, das reicht nicht mehr.“

Laut Stellung beziehen

Dietmar Först forderte dazu auf, sich nicht einlullen zu lassen vom „man wird doch noch sagen dürfen“, wenn es um Ausgrenzung geht: „Wenn es um die Würde und Rechte von Menschen geht, müssen wir laut und vernehmlich Stellung beziehen.“

Für jeden Stolperstein, jeden Menschen, dessen einziges „Vergehen“ seine Geburt war, wurde eine Kerze entzündet, eine Rose niedergelegt, sein Name genannt und seine Kurzbiografie von Christina Först verlesen.

Nicht nur für die Juden wurde es nach der Pogromnacht lebensgefährlich. Es traf alle: Oppositionelle, Gläubige, Menschen mit anderen Lebensentwürfen. Ob „arisch“ oder nicht. Ob Künstler oder einfacher Arbeiter, Inländer oder Ausländer.

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