Aggerkurven entschärfen – aber wie?

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Am Unfallort: Polizeihauptkommissar Michael Stumpe (l.) und der Verkehrsdienst-Beamte Josef Pille. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Blumen zeugen mittlerweile von dem tragischen Unfall, der sich am Sonntag um 13.40 Uhr auf der Landstraße 323 in den Aggerkurven ereignete.

Ein 20 Jahre alter Motorradfahrer aus Bergneustadt starb dabei exakt an jener Stelle, als er die Kontrolle über seine Maschine verlor und gegen den eisernen Befestigungspfeiler der Leitplanke prallte. Der junge Mann erlag noch an der Unfallstelle seinen Verletzungen (wir berichteten).

Sichtlich bewegt nahmen am Mittwoch Polizeihauptkommissar Michael Stumpe, Leiter der Wache Meinerzhagen, und Josef Pille, Erster Polizeihauptkommissar und Verkehrsdezernent der Kreispolizeibehörde, den Unfallort noch einmal unter die Lupe. Die Szenerie ist noch immer beklemmend: Zwei im Boden einbetonierte Pfeiler wurden bei dem Aufprall umgebogen – einer von dem schweren Motorrad, der andere durch die Wucht des Körpers.

Hätte der Unfall verhindert werden können? Wenn ja, wie? Diese Fragen stellen sich nicht nur die beiden Beamten, auch im Internet und „auf der Straße“ wird zurzeit heftig diskutiert. Ein durchaus verfügbarer weicher Aufprallschutz für Leitplanken-Pfosten? Die Vollsperrung der Aggerkurven für Motorradfahrer? Das sind nur zwei Schutzmaßnahmen, die in Frage kommen.

Umso erstaunlicher, was die beiden Polizisten beim Ortstermin am Mittwoch mitzuteilen hatten: „Diese Strecke ist kein Unfallschwerpunkt.“ Michael Stumpe kann das mit Zahlen belegen: „Im Jahr 2010 hatten wir hier keinen einzigen Motorradunfall zu verzeichnen. 2009 ereigneten sich in den Aggerkurven fünf Unfälle, einer davon mit einem Krad. 2008 wurden zwei Unfälle registriert, bei einem war ein Motorrad beteiligt. Und 2007 waren es vier Unfälle, die Hälfte davon unter Beteiligung eines Motorrades. Das macht elf Unfälle in vier Jahren, nur vier Motorräder waren involviert.“ Diese Statistik spielt durchaus eine Rolle bei den Überlegungen, was in den Aggerkurven nun zu tun ist, um die Motorradfahrer zu schützen – auch vor sich selbst. Denn: Die Unfallkommission, die regelmäßig tagt und in der Vertreter von Polizei, Straßenverkehrsamt, Städten und anderen Behörden mitarbeiten, entscheidet in der Regel streng nach dem Kriterium „Unfallschwerpunkt“. Eine Sperrung für Motorräder – auch angesichts des jüngsten Todesfalls – ist also für die Aggerkurven eher unwahrscheinlich. Doch Josef Pille weiß aus langjähriger Erfahrung: „Eigentlich führen nur zwei Maßnahmen sicher zum Erfolg: Verstärkter Überwachung der betreffenden Strecke durch die Polizei oder eben eine Sperrung.“ Gute Erfahrungen hat die Polizei mit diesem letzten Mittel bereits im Bereich „Schälk“ zwischen Letmathe und Schwerte gemacht. Auch die Aggerkurven wurden schon einmal gesperrt, das ist allerdings etwa zwei Jahrzehnte her. Nach massiven Protesten – im Wesentlichen von Motorradfahrern – wurde diese Maßnahme aber wieder aufgehoben.

Anwohner kennen das Problem auf der Aggerstrecke – erst am Mittwoch meldete sich wieder eine Leserin, diesmal aus Niederbadinghagen, bei der MZ und beklagte: „Wir müssen ständig aufpassen wenn wir vom Grundstück auf die Landstraße fahren oder umgekehrt. Hier werden regelrechte Motorrad-Rennen gefahren. Das ist mitunter lebensgefährlich.“ Dass einige wenige „Biker“ die Aggerkurven tatsächlich als Rennstrecke missbrauchen, ist bekannt. Solche Raser sind sogar auf Videos im Internetportal „youtube“ verewigt. Manchmal werden hier von „Begleitpersonen“ sogar Zeiten von Motorradfahrern gestoppt, die dann gegeneinander um die Bestzeit „kämpfen“.

Warten und auf Einsicht vertrauen – diese Option kommt für die Polizei jetzt allerdings nicht in Frage. „Wir werden in den Aggerkurven noch stärker kontrollieren“, kündigt der Meinerzhagener Polizeichef Michael Stumpe an. Und auch Aufklärung der Motorradfahrer ist eine Option. „Just am vergangenen Wochenende waren Beamte im Rahmen des ,Netzwerks Kradfahrer' im Einsatz. In Zusammenarbeit mehrerer Kreise werden dabei Motorradfahrer angehalten, kontrolliert und über Gefahren aufgeklärt“, berichtet Stumpe. Radarmessungen sprechen sich allerdings unter „Bikern“ schnell herum. „In Zeiten, in denen jeder ein Handy dabei hat, ist das rasend schnell bekannt“, weiß Stumpe. Fahrer, die tatsächlich illegale Rennen fahren wollen, treffen sich dann anderswo – das Sauerland hat viele kurvige und gut ausgebaute Strecken zu bieten.

Nach tödlichen Unfällen tagt stets die Unfallkommission. So auch in diesem Fall. Was dabei herauskommen wird, bleibt abzuwarten. Die Möglichkeiten der Behörden sind begrenzt – was zählt, ist letztlich also doch die Einsicht der Fahrer. ▪ beil

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