Anklage: Fahrlässige Tötung

Tödlicher Gabelstapler-Unfall - Tränen im Gerichtssaal

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Symbolbild

Meinerzhagen/Halver – Er soll noch gerufen haben. Doch das hatte der Gabelstaplerfahrer in einer Lagerhalle in Meinerzhagen nicht mehr gehört. Er erwischte den 63-Jährigen am Bein und stieß ihn zu Boden. Der Mann schlug mit dem Hinterkopf hart auf und zog sich schwere Hirnverletzungen zu.

Mit einem Hubschrauber wurde er ins Bergmannsheil-Krankenhaus nach Bochum gebracht. Während der folgenden Monate kam es immer wieder zu Komplikationen. Der Halveraner musste künstlich ernährt werden. Schließlich kam der 14. Juli. Der letzte Tag im Leben des 63-Jährigen. Er erlag den Folgen des Unfalls, verstarb an einer septischen Hirnhautentzündung mit multiplem Organversagen. 

Fahrer muss sich im Amtsgericht verantworten

Der Gabelstaplerfahrer musste sich im Amtsgericht Meinerzhagen wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Auf der Anklagebank ein blasser, zerbrechlich wirkender 20-jähriger Auszubildender im dritten Lehrjahr. Von Beginn des Prozesses an, hatte er offenbar damit zu kämpfen, nicht von seinen Gefühlen übermannt zu werden. Den Blick meist gesenkt, folgte er der Verhandlung überwiegend schweigend, antwortete nur mit wenigen Worten auf die Fragen der Prozess-Beteiligten.

Gabelstapler überladen

„Es tut ihm äußerst leid“, übernahm der Verteidiger das Reden. Sein Mandant befinde sich in psychologischer Behandlung, leide sehr unter dem Vorfall. Laut Vorwurf hatte der Angeklagte am 23. Februar um 6.05 Uhr mit dem Gabelstapler 30 Europaletten transportiert und das Gefährt damit laut der Betriebsanweisung überladen. Sein Mandant habe 15 Paletten auf der Gabel gehabt und 15 weitere vor sich hergeschoben. Dadurch war sein Blick nach vorn versperrt. Außer einem „Hey“ habe er auch kein Rufen gehört. „Es war im Unternehmen Usus, es so zu machen“, gab der Verteidiger bezüglich des Umgangs mit dem Gabelstapler an. Der 63-Jährige sei unerwartet vor einer Mauer vorgekommen und auf die Fahrspur geraten. 

Bei der Ausbildung zum Gabelstaplerfahrer habe er gelernt, dass, wenn der Blick nach vorn hin versperrt ist, der Stapler rückwärts bewegt werden muss, gab der Angeklagte aus Herscheid zu. Doch das hatte er an dem Tag nicht getan. Denn: „Es war Gang und Gebe“, so der Mann. 

Sicherheitsmaßnahmen unter der Lupe

Das Gericht hatte den damaligen Lagerleiter sowie den Geschäftsführer des Unternehmens als Zeugen geladen. Der Richter fühlte den Männern bezüglich vorschriftsmäßigen Sicherheitsmaßnahmen auf den Zahn. Dabei biss er jedoch teilweise auf Granit. Der Geschäftsführer machte bei Fragen zu vorhandenen Fahrbahnmarkierungen, Sicherheitsunterweisungen von betriebsfremden Personen und Arten des Transportes von Paletten von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch. Diese stand ihm im Falle, dass er sich durch seine Aussage selbst hätte belasten müssen, zu. Der Lagerleiter redete beim Thema, wer für die Ausbildung des Angeklagten zuständig war, um den heißen Brei herum.

Am Ende waren sich Richter, Vertreterin der Staatsanwaltschaft und Verteidiger einig, dass in dem Unternehmen nicht alles richtig laufe. Auch wenn der Umgang mit dem Gabelstapler im Betrieb so üblich sei und der Angeklagte sich als Auszubildender nicht gegen Vorgesetzte habe stellen wollen, könnte ihn das nicht vollends entlasten, erklärte der Richter. „Schließlich haben wir einen Toten.“ Aufgrund seiner Ausbildung habe der 20-Jährige gewusst, dass er hätte rückwärts fahren müssen.

Konnte sich der Herscheider während der Verhandlung noch halbwegs zusammenreißen, gab’s nun kein Halten mehr für seine Tränen. „Es ist schon ein außergewöhnlicher Fall“, gab der Richter zu. Nach gründlichem Abwägen, was für und gegen den Angeklagten sprach, entschied das Gericht schließlich, das Verfahren vorläufig einzustellen. Als Auflage muss der Azubi mit einer Vergütung von 700 Euro im Monat nun 600 Euro an Ärzte ohne Grenzen zahlen.

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