Altes Handwerk hat Tradition in der Brennerei

Wolfgang Becker und Karen Becker-Steinert schreiten wieder mal zur Tat. Vater und Tochter sind ein eingespieltes Team, „Meister“ und „Lehrling“ gehen heute einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nach – sie brauen Bier. - Fotos: Schildchen

Rönsahl - Ein unverschämt leckerer Duft erfüllt die Räume der Historischen Brennerei. Der Grund: Wolfgang Becker schreitet zur Tat. Mollige Wärme, es riecht nach frisch gebackenem Brot. „Eher malzig, süßlich“, ergänzt Karen Becker-Steinert. Vater und Tochter sind ein eingespieltes Team, „Meister“ und „Lehrling“ gehen einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nach – sie brauen Bier. Genauer: „Rönsahler“, frisches Landbier.

Von Stefanie Schildchen

Passend zum Tag des deutsches Bieres öffnen sie ein paar Türen, ausnahmsweise auch jene, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Aus Hygienegründen, erklärt die „Auszubildende“. Karen Becker-Steinert hat sich von der Begeisterung ihres Vaters anstecken lassen und springt gerne als Braugehilfin ein. Ihr Bruder Jan Becker, 28, angehender Diplombraumeister, schreibt gerade seine Diplomarbeit und lässt als Experte in Sachen Getränketechnologie und Brauwesen Fachwissen einfließen.

„Eine schöne Sache“, lobt die 34-Jährige die Tätigkeit in diesem traditionellen Handwerk. „Mit Brotzeit zwischendurch.“ Doch bei aller Nostalgie - „Das ist richtig harte Arbeit.“ Und eine Frau von zarter Statur stößt dabei schon mal an körperliche Grenzen. Bottiche schrubben, Fässer heben, die Böden reinigen. Das alles sei anstrengend, aber enorm wichtig. „Wir produzieren hier ein Hygieneprodukt.“

Die Herstellung beginnt mit vorbereitenden Maßnahmen. Am Tag zuvor „lege ich das Wasser vor“, erklärt der Braumeister, sprich – er füllt 1600 Liter Wasser in die Sudpfanne, den großen Braukessel mit der schmucken Kupferhaube.

So ein Brautag beginnt morgens um vier. Der Brenner wird eingeschaltet. Wenn 58 Grad erreicht sind, „maische ich ein“. Wolfgang Becker schüttet 250 Kilogramm Malzschrot in das warme Wasser. Ein Motor übernimmt das Rühren, der Maischprozess setzt ein. Nach zwei Stunden haben sich die im Malz vorhandenen Stärken in Zucker umgewandelt. „Den Zucker vergären wir hinterher zu Alkohol und Kohlensäure.“

Nicht jeder darf lustig Bier brauen, wie es ihm gefällt. Das begehrte Produkt unterliegt der Biersteuer, der Zoll verlangt ein detailliert geführtes Sudprotokoll. Becker notiert deshalb kleinlich jeden Arbeitsschritt. Im Sudbuch muss er akribisch alles festhalten, Datum, Uhrzeit, Temperatur und wieviel Malz gekauft wird.

Wolfgang Becker, Chef einer Stanzerei, ist Seiteneinsteiger. Der 64-Jährige kam durch Zufall mit der Materie in Berührung, ein Buch war schuld und das Zusammentreffen mit einem Braumeister, in dessen alter Brauerei er an den Wochenenden mitarbeiten durfte. Von da gab’s kein Zurück mehr, die Faszination an der Jahrhunderte alten Handwerkskunst führte zu neuen Ideen und mittlerweile zu immerhin 150 Hektolitern Bier im Jahr. „Das macht man gut nebenbei“, sein Ziel sei aber doppelt so viel, wenn sich die Zeit dafür finden ließe. Die ist aber nötig.

Eile gibt es nicht in diesem Metier. „Geduld ist die Grundzutat beim Brauen“, weiß Wolfgang Becker. Außer Malz, Hefe und Hopfen, dem deutschen Reinheitsgebot entsprechend, braucht es dann noch das entsprechende Feingefühl. Und eine gewisse Portion Zuversicht, gemäß dem Brauersinnspruch „Gott gebe Glück und Segen drein.“

Zurück im Sudhaus: Die Maische wird inzwischen in den Läuterbottich umgepumpt und dort nach dem Kaffeefilterprinzip in Würze (flüssig) und Treberbestandteile (fest) getrennt. Das Läutern dauert dreieinhalb Stunden. Die Würze wird gekocht, Hopfen kommt dazu. Heruntergekühlt landet das Ganze im Gärbottich im Keller. Die Hefe sorgt dafür, dass es drei Tage lang ordentlich brodelt und zischt und dann ist das „Jungbier“ fertig. Umgefüllt in Drucktanks tief unten in Kellern mit niedrigen Decken gärt es weiter vor sich hin, überschüssige Kohlesäure entweicht.

Dann ist fünf Wochen Ruhe. Aber nicht für den Braumeister. Der muss jeden Tag anrücken, um nach dem Rechten zu sehen.

Nun endlich: Der gelbe Saft wandert als obergäriges Landbier, hell oder dunkel, in Fässer oder bauchige Zweiliterflaschen, gelangt gut gekühlt in schmale Gläser und schließlich auf geschmacksverwöhnte Gaumen, die das leicht Herbe zu schätzen wissen. Aber jetzt wird selber probiert, die Farbe begutachtet, das Prickeln, der Schaum. Wolfgang Becker: „Ein richtig frisches Frühstücksbier“. Für Karen Becker-Steinert ist es die Qualität, die zählt, ihr Urteil lautet: „Gutbier.“

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