Werk von Annette Gonserowski findet Aufnahme im Landesarchiv

Spurensuche: In der MZ veröffentlichte Annette Gonserowski 1961 ihr erstes Gedicht. Um dieses zu finden, blieb ihr nichts anderes übrig, als ganze Jahrgänge durchzuschauen.

KIERSPE - Was bleibt, wenn ich nicht mehr da bin? Eine Frage, die viele Menschen umtreibt – und auf die Annette Gonserowski eine Antwort gefunden hat. Zumindest für ihren künstlerischen Nachlass, der jetzt noch ein Vorlass ist. Seit einigen Tagen stehen ihre Gedichte, Briefe, Bücher und sogar Teile ihres Mailverkehrs im Westfälischen Literaturarchiv in Münster.

Tagelang hat die Kiersper Autorin Annette Gonserowski in dem kleinen – mehr zweckmäßigen als schönen – Konferenzraum der Meinerzhagener Zeitung gesessen, auf der Suche nach dem ersten von ihr veröffentlichten Gedicht, um es zu den anderen Arbeiten packen zu können und ins Westfälische Literaturarchiv zu bringen. „Ich muss so elf gewesen sein, als die Zeilen erschienen“, erinnerte sie sich vor Beginn der Suche. Und tatsächlich, nach dem Wälzen zahlreicher Zeitungsbände ist sie fündig geworden, am 11. März 1961 wurde das Gedicht, das vom Verkauf eines geliebten Pferdes handelt, abgedruckt. Rückblickend sagen diese Zeilen schon viel über die Kiersperin aus, die im Elternhaus in Höferhof auswuchs – mit zwei Geschwistern, ihren Eltern und Großeltern unter einem Dach. „Meine Mutter hat uns immer Bücher gekauft, um uns ruhig zu bekommen“, erinnert sie sich an die drangvolle Enge. Verlassen hat sie den Ort ihrer Kindheit nie. Bis auf ein paar Jahre in einer Mietwohnung an der Kölner Straße hat sie immer in Höferhof gewohnt. Bereits 1980 zog sie mit ihrem Mann in das geräumige eigene Haus, gleich im Garten ihres Elternhauses. Und die Brüder blieben auch in der Nähe, der eine im Elternhaus, der andere baute gleich nebenan. Und genau wie das erste veröffentlichte Gedicht viel über den Weg von Gonserowski zeigt, so zeigt auch die Wahl der Wohnung viel über ihr Seelenleben. Gern hat sie die Menschen, die sie liebt, in ihrer Nähe und wer aufmerksam liest, der erfährt viel über die Frau, deren Verstand heute in der ganzen Welt beheimatet ist.

Nach dem Besuch der Bismarckschule und einer Ausbildung zur Industriekauffrau lernte sie ihren Mann kennen – natürlich beim Reiten, der zweiten großen Leidenschaft der Autorin. Jahrzehnte übte sie dieses Hobby gemeinsam mit ihrem Gerd aus. Als dieser vor einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in den Sattel steigen konnte, da war auch für sie Schluss. Natürlich wurden die geliebten Tiere nicht verkauft, erst ritten noch die Patenkinder und später kamen die Pferde dann auf einen Gnadenhof – alles andere hätte wohl auch nicht gepasst.

Vom Schreiben hatte sich Annette Gonserowski als junge Frau verabschiedet. Anderes war wichtiger geworden, die Pferde, die Liebe. Doch mit 27 Jahren erkrankte Gonserowski schwer – so schwer, dass sie danach ganz anders über ihr Leben dachte. Und dieses Denken hielt sie fest. In Worten, Zeilen und Gedichten. Doch übertrieben hat sie dieses Festhalten nicht, sie hat ihr Schreiben immer geteilt, mit allen, die es lesen wollten. Als sie 30 Jahre alt war, erschien ein Gedicht in der Zeitschrift Brigitte, immerhin 100 Mark gab es dafür. Und die Redaktion der Zeitschrift hat Gonserowski auch einen Verlag vermittelt. „Aufatmen“ hieß das Büchlein, mit dem in der Buchhandlung Timpe ein ganzes Schaufenster dekoriert wurde. Doch die Reaktion verschlug ihr den Atem. Erst nach dem Erscheinen des Werkes wurde ihr bewusst, dass ihr Leben damit ein ganzes Stück öffentlich geworden war, dass Menschen, die sie kaum kannte, Zugang in ihre Welt des Fühlens und Denkens gefunden hatten. Eine Arbeitskollege nannte dies sogar „Prostitution der Seele“, ohne zu erkennen, dass er nur eine Seite der Autorin vermeintlich kennengelernt hatte. Aber zumindest ein bisschen Striptease ist es wohl gewesen. Das wurde Annette Gonserwowski schnell klar, hielt sie aber nicht davon ab, weiter zu schreiben und weiter zu veröffentlichen, erst in dem Siegener Verlag einer Freundin, die sie über ihr künstlerisches Schaffen kennengelernt hatte, später im eigenen Verlag, in dem sie auch Bücher von anderen Autoren verlegte, um diese zu fördern und auch, um ihr Netzwerk auszubauen. Denn längst waren ihr die Kontakte, die sich aus dem Schreiben ergaben, genauso wichtig, wie das Schreiben selbst.

Als Mitglied im Autorenkreis Ruhr-Mark, deren Schatzmeisterin sie später wurde und den sie als Vorsitzende heute selbst leitet, bekam sie Kontakt zu anderen Schriftstellern, nicht nur Lyrikern, sondern auch Menschen, die sich der Prosa verschrieben hatten.

Diese neuen Freundschaften führten die Autorin später auch über die Landesgrenzen hinaus. So las sie auf Einladung der zypriotischen Regierung im Nordteil der Insel auf einem internationalen Schriftstellertreffen und auf Einladung der deutschen Botschaft in Warschau. Dort aber nicht nur in der Vertretung ihres Heimatlandes, sondern auch in der Willi-Brand-Schule in Warschau und im Haus der Kultur vor polnischen Schriftstellern. Sie lernte Schriftsteller kennen, deren Heimat im zerstörten Bagdad lag und Menschen, die im Norden Europas zum Schreiben gefunden haben. Per Mail hält sie zu vielen Kontakt, tauscht sich aus, lernt und lehrt.

Unbemerkt blieb dieses Schaffen nicht. Was sicher auch an ihren Veröffentlichungen lag. Sieben Bücher sind es mittlerweile geworden, die nicht nur von deutschensprachigen Lesern genossen werden können. Denn längst wurden Gedichte der Kiersperin ins Englische, Spanische, Polnische und Französische übersetzt. Selbst ukrainisch sprechende Leser können einige ihrer Gedichte lesen. Durch die Mitwirkung ihrer Freunde Andreas Koch und Sebastian Funke wurden einige Werke zu Liedern. Lob und Anerkennung gab es fürs Schreiben, (Vor)-Lesen und Veröffentlichen aber nicht nur von den Freunden ihrer Lyrik, sondern auch von Kulturschaffenden, die über die Vergabe von Preisen entscheiden. So gab es bereits 1984 eine Anerkennung der Jury beim Literaturwettbewerb „Soli deo Gloria“ in Witten, 2001 den ersten Preis beim Literaturwettbewerb „Bäume“ der Schule der Stadt Halver, 2003 die Aufnahme in die Bestenauswahl beim Literaturwettbewerb des Behindertenbeauftragten der Bundesrepublik, verbunden mit der Aufnahme in eine Anthologie und einer Einladung nach Berlin, bei der eine Fernsehaufzeichnung ihrer Lesung stattfand und 2006 schließlich erhielt sie den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur.

Eine ganz andere Ehre wurde ihr bereits ein Jahr zuvor zuteil, als eines ihrer Gedichte zum Schrecken des 11. September Aufnahme in ein Schulbuch für Gymnasien fand. Dort steht es gleichberechtigt neben Gedichten von Erich Fried und Rose Ausländer.

Ohne wirklich innezuhalten und längst nicht angekommen am Ende ihres Schaffensprozesses, hat Annette Gonserowski jetzt einen Schnitt gemacht, hat Bilanz gezogen und versucht, eine Antwort auf die Frage „Was bleibt, wenn ich nicht mehr bin?“ zu finden. Wenn auch ihr Literaturblog, den sie seit Jahren im Internet führt, von Deutschen Literaturarchiv in Marbach archiviert wird, für das Bewahren ihres lyrischen Schatzes, ihrer Notizbücher, ihrer Briefwechsel mit Künstlerkollegen und auch für die wichtigsten Mails hat sie sich einen anderen Ort ausgesucht, an dem dieser sie überdauern soll: das Westfälische Literaturarchiv in Münster. Doch reichte ihr Werk, um den Qualitätsstandards des Archives zu entsprechen? Diese Angst wurde ihr bereits beim ersten Besuch Katharina Tiemanns vom westfälischen Archivamt und Dr. Jochen Grywatsch von der Literaturkommission genommen.

In vier säurefreie, stabile aber auch behördlich graue Kartons verpackte Gonserwowski in der Folgezeit all das, von dem sie glaubt, dass es der Nachwelt Aufschluss über ihr künstlerisches Leben geben könnte. Nun stehen die Kisten gemeinsam mit denen von gerade einmal 45 anderen Autoren, die in den zehn Jahren seit Bestehen des Archivs Aufnahme gefunden haben, im klimatisierten Keller des Archivs. Im Lesesaal können die Arbeiten von jedem Interessierten eingesehen werden, allerdings nur die Werke, die auch bereits veröffentlicht wurden. Die Notizbücher, Briefe und Mails bleiben bis einige Jahre nach dem Tod der Kiersperin der Öffentlichkeit verborgen. „Dabei geht es weniger um mich, sondern eher um den Schutz der Menschen, deren Gedanken als Teil ihrer Briefe nun zum Bestandteil des Archivs geworden sind“, so Gonserowski.

Vorlass nennen die Archivare diese Art der „Einlagerung“ zu Lebzeiten des Künstlers. Und Annette Gonserowski hofft, dass noch viele Seiten in den kommenden Jahren dazukommen und das Lebensbild längst noch nicht seinen letzten Pinselstrich gefunden hat – genau wie ihre Freunde und Fans, wenn die Künstlerin die Menschen, die ihre Werke lesen und lieben, auch nie so nennen würden. - Johannes Becker

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