Wenn die Wahlhelfer richtig nervös werden

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Am Freitagabend vor dem Wahltermin werden die Wahlvorsteher im Rathaus eingewiesen.

KIERSPE ▪ Ihre Oma, ihre Mutter und auch ihr Onkel betätigten sich schon als Wahlhelfer und bei der Landtagswahl vor zwei Jahren hat es Sarah Wülfrath dann ebenfalls zum ersten Mal ausprobiert. „Meine Mutter hatte mich gefragt, ob ich das machen wollte“, berichtet die inzwischen 18-jährige Gymnasiastin.

Hauptbeweggrund, dass sie sich dazu entschloss, war damals, weil sie so ihr Taschengeld ein wenig aufbessern konnte.

Viel gibt es dafür allerdings nicht, wie sich schon an der Bezeichnung „Erfrischungsgeld“ erkennen lässt, sondern für den ganzen Tag sind es gerade 25 Euro. Trotzdem: Aus Sicht der Schülerin lohnte sich das. Und am Ende steckten die anderen Wahlhelfer ihr und noch einem weiteren Mädchen im Wahlvorstand in Bollwerk, wo sie eingesetzt worden war, sogar noch ein paar Euro mehr zu, um sie für ihr Engagement zu belohnen. Derzeit suchen Hauptamtsleiterin Dorette Vormann-Berg sowie ihre Mitarbeiterin Anja Kluth, die in der Verwaltung für die Organisation der Wahl und deren Durchführung zuständig ist, dringend weitere Helfer.

Wenn bei der Landtagswahl am 13. Mai die Wahllokale öffnen, sind alle wieder zur Stelle: Meist haben die Wahlhelfer dann sogar bereits die erste halbe Stunde hinter sich, um die Stimmabgabe der Bürger in den einzelnen Stimmbezirken und Wahllokalen vorzubereiten. Die Wahlhelfer geben die Stimmzettel aus, beobachten die ordnungsgemäße Wahl der Bürger und zählen danach das Ergebnis aus. In Deutschland ist dies ein Ehrenamt, die Ausführenden bekleiden ein öffentliches Amt auf Zeit und sind somit Amtsträger. Die Wahlhelfer werden von der kommunalen Wahlbehörde, in Kierspe der Stadt, bestimmt und verpflichtet.

Zum Wahlvorstand gehören der Vorsteher oder Vorsitzende, sein Stellvertreter, der Schriftführer und dessen Stellvertreter und mehrere Beisitzer. Vor Ort wird darauf geachtet, dass die einzelnen Wahlvorstände aus sieben Personen bestehen.

Besonders unterhaltsam fand Sarah Wülfrath die Arbeit an ihrem ersten Wahlsonntag übrigens nicht, zumal alle anderen bis auf das Mädchen deutlich älter waren als sie. „Ich war richtig froh dass außerdem noch Lena Amling mitmachte. Ich kannte sie aus der Grundschule. Mit ihr hatte ich genügend Gesprächsstoff. Denn manchmal kommt lange keiner, um zu wählen“, berichtet sie. Es gibt Stoßzeiten wie vor und nach der Kirche und dann nochmals in der letzten Stunde.

Diesmal hofft die 18-Jährige, im Dorf eingeteilt zu werden, so dass sie es näher nach Hause hat. Über die anfallende Arbeit wie die Ausgabe der Stimmzettel an die Wähler und nach Schließung der Wahllokale das Auszählen der Stimmen wusste sie im Vorfeld duch ihre Mutter Bescheid und letztlich war dann auch alles so wie erwartet.

Die Wahlvorstände teilen sich die Zeit auf und arbeiten in zwei Schichten. Nur am Abend beim Auszählen der Stimmen sind alle wieder dabei. „Bei uns gab es damals Probleme. Wir mussten diverse Male nachzählen, weil die Herren sich verzählt hatten. Am Ende stimmte dann das Ergebnis von uns Mädchen“, lacht Sarah Wülfrath, die es ganz wichtig findet, wählen zu gehen, da jeder nur so mitbestimmen könne, was in Nordrhein-Westfalen passiert. Sie ermuntert gerade junge Menschen, sich von den vielen negativen Schlagzeilen nicht beeindrucken zu lassen, sondern die Möglichkeiten, die beispielsweise auch das Internet bietet, zu nutzen und sich über die Programme der Parteien zu informieren.

Die Wahlvorstände sind meist eingespielte Teams, die seit Jahren in oft nur leicht verändernder Besetzung zusammenarbeiten. Lore Harbig, die wie auch die Mutter und Oma von Sarah Wülfrath bei der Kommune tätig war, macht den Job seit zwei Jahrzehnten. Vor zehn Jahren übernahm sie dann auch die Funktion des Vorstehers im Wahllokal Altes Amtshaus von ihrem Vorgänger Siegfried Wommer.

Eine einzige Panne gab es mal, die sie daher nie vergisst: Obwohl sie ständig neu nachzählten, hatten sie eine Stimme zu viel, es blieb einfach dabei. Als sich das Auszählen stark in die Länge zog, wurde jemand aus dem Rathaus geschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Doch letztlich kam der Wahlvorstand selbst auf die Idee, mal das Wählerverzeichnis zu überprüfen, und es zeigte sich, dass da ein Fehler passiert war. „Man wird ziemlich nervös. Seitdem kontrolliere ich bei jeder Wahl das Wählerverzeichnis“, erzählt Lore Harbig, die sich mittlerweile die notwendige Routine angeeignet hat. Ihr macht die Aufgabe als Wahlhelfer Spaß. So freut sie sich, die anderen Helfer wiederzusehen, und auf die Gespräche am Wahlsonntag. Es sei meist ganz lustig. Stressig seien allein Termine, an denen mehrere Wahlen gleichzeitig stattfinden. „Da war ich einmal erst um 22 Uhr zuhause“, erinnert sich die 62-Jährige.

Als Vorsitzende hat sie die Aufgabe, morgens aufzuschließen und abends wieder abzuschließen. Die Wahlurne wird aufgestellt und nochmals nachgesehen, ob sie wirklich leer ist. Nach der Begrüßung unterweist Harbig besonders die neuen Wahlhelfer. So müsse darauf geachtet werden, dass keine politische Beeinflussung stattfinde, auch nicht unter Ehepartnern oder Verwandten.

„Ich habe es erlebt, dass der Ehemann mit seiner Frau in die Wahlkabine wollte, um darauf zu achten dass sie richtig wählt“, Guido Jürgens ist seit 15 Jahren Wahlhelfer in der Jahnhalle am Haunerbusch. Er war bereits Vorsteher, dessen Stellvertreter, aber auch Beisitzer. Damals hatte er selbst bei der Stadt nachgefragt, ob er für diese Tätigkeit infrage komme. Er stellte sich zur Verfügung, weil er dies in der Demokratie als wichtige staatsbürgerliche Aufgabe ansieht.

Jürgens erinnert sich noch gut an die vergangenen Wahlen, die NRW-Landtagswahl am 9. Mai 2010 sowie auch an das Superwahljahr 2009 mit der Europawahl am 7. Juni, der Kommunalwahl am 30. August und der Bundestagswahl am 27. September. In den Jahren lernte er nicht nur zahlreiche Menschen kennen, sondern auch deren politische Ansichten und, was sie bewegt, hier oder da ihr Kreuzchen auf dem Stimmzettel zu machen. Das fand er interessant.

Vieles verlaufe immer gleich und doch sei jede Wahl unterschiedlich, betont der 41-Jährige: Manche machten auf dem Stimmzettel kein Kreuz, sondern einen Kringel, andere vergäßen das Ausfüllen ganz. Es gebe Bürger, die gleich nach Öffnung der Wahllokale kämen und andere praktisch auf den letzten Drücker. Jürgens berichtet, dass immer mal wieder die Polizei im Rahmen von Kontrollen vorbeikommt. Um jedes Wahllokal gebe es eine Bannmeile, in der jegliche Wahlwerbung verboten ist. Randalierer seien am Haunerbusch bislang glücklicherweise ausgeblieben. Pannen gab es während seiner Zeit nie. „Wir sind immer in rund einer Stunde mit dem Auszählen fertig“, sagt er . Bloß einmal sei es passiert, dass der Wahlvorstand einen falschen Koffer mit Unterlagen hatte und ein anders Mal nicht den richtigen Schlüssel für die Urne. Doch konnte alles schnell behoben werden.

Interessierte an der Aufgabe des Wahlhelfers können sich noch bei Anja Kluth unter Telefon (0 23 59) 6 61-1 12 melden. ▪ Rolf Haase

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