Von Wendepunkten und Mosaiksteinchen

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In Holger Teckenburgs Geschichte hinterließ die Begegnung mit einem Kunstwerk tiefe Eindrücke.

KIERSPE ▪ Wie flüchtig, schicksalhaft, gefährlich, spannend oder eintönig Begegnungen sein können, das machten die Geschichtenschmiede der Volkshochschule Volmetal kürzlich im Müllenbacher Erzählkontor eindrucksvoll deutlich.

Passend zum Tag der Deutschen Einheit unterhielten acht Autoren aus Kierspe, Lüdenscheid, Altena, Mülheim, Halver und Schalksmühle ihr Publikum mit Begegnungen ganz unterschiedlicher Art. Begrüßt wurden die Geschichtenschmiede und ihre Gäste von Hausherrin Ute Kaiser, durch das Programm führten Heidemarie Eberle-Ringel und Barbara Hoos.

Welch tiefen Eindruck die Begegnung mit der Kunst hinterlassen kann, davon handelte die Auftaktgeschichte von Holger Teckenburg „Pfarrer Wimsei und die Frau in Blau“. In drei Kapiteln ließ der Autor das Publikum auf witzige Weise an einem Kunstraub aus Liebe teilhaben, der die Protagonisten auf krummen Wegen schließlich doch zu einem versöhnlichen Schluss führte.

„Belanglose Begegnungen“ nannte Doris Petermeier ihre detailgetreue Verhaltensstudie einer Gruppe von Menschen, die zufällig eine gemeinsame Wegstrecke mit der Bahn zurücklegt. Am Ende der Reise verschwanden alle im Gewühl auf dem Bahnsteig. „Niemand erinnert sich an niemanden als hätte es sie nie gegeben“, lautete das Fazit der Erzählerin.

Ganz schön gemeine kleine Augen hatte der Grizzly, dem Barbara Hoos in ihrer Geschichte „Bärli“ da plötzlich im Alaskaurlaub gegenüberstand. Den Impuls wegzulaufen konnte sie heroisch kontrollieren, nicht aber ihren Schließmuskel. Mit ihren vergnüglichen Beschreibungen hatte die Autorin alle Lacher auf ihrer Seite.

Spannend wurde es bei „Das Treffen“ von Jürgen Wilmsen. Als groß, schlank, sportlich mit grauen Strähnen hatte René sich Renate in seinen Briefen beschrieben. Dass das total geschönt sein musste, war ihr natürlich klar. Deshalb rannte sie auch zunächst an dem gut aussehenden Mann vorbei, der da am vereinbarten Treffpunkt auf sie zukam.

Mit einem ungewöhnlichen Rekordversuch auf dem Bochumer Hauptbahnhof konfrontierte Georg Luckmann die Zuhörer in seiner Geschichte „Zug Geständnisse“ nach der Kaffeepause. Geschickt brachte er erst mit seinem Schlusssatz Licht in die verwirrend absurden Begegnungen seines Protagonisten.

Funken der Erinnerung an ein unverschämt glückliches Wochenende in Rheinsberg sprühten in Bärbel Wengenroths Geschichte „Claires Brief“. Klar und gefühlvoll ließ die Protagonistin ihre Freundin Martha an ihren Empfindungen beim Wiedersehen mit dem Ort ihres einstigen Glücks teilhaben.

Nur langsam verblassten die Erinnerungen an die wild entschlossenen Augen des Grenzpostens am Todesstreifen, der seine Gewehrsalven auf die Flüchtenden abfeuerte. Für immer aber blieben ihr die Augen des gütig Blickenden in Erinnerung, der seinen Kollegen ermahnte: „Lass es für heute einmal gut sein.“ In ihrer gleichnamigen Kurzgeschichte schilderte Inge Schmitz eindrucksvoll und bewegend die schicksalhaften Ereignisse einer Republikflucht.

Begreifen die Menschen jemals das Leben, während sie es leben? Dieser Frage widmete sich Werner Sinnwell in seiner Geschichte „Du weißt, was danach geschehen wird“. Im Foyer eines Pflegeheims ließ er einen alten Heimbewohner dem viel beschäftigten Journalisten Breidebach eine wirkungsvolle Lektion in Sachen Lebenssinn erteilen.

Mit diesen nachdenklich stimmenden Tönen klang das 23. Literaturcafé mit viel Beifall vom Publikum für die Autoren aus. Auf die Fortsetzung im kommenden Jahr darf sich das Publikum schon jetzt freuen. ▪ msh

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