Waldheimat feiert Weihnachten

+
Und auch der Nikolaus ist gekommen, hat kleine Geschenke im Gepäck und wird entsprechend freudig in Empfang genommen.

Rönsahl - Das „Drum und Dran“ ist am Samstag nur bedingt dazu angetan, weihnachtliche Stimmung aufkommen zu lassen. Wenig weihnachtlich ist das Wetter. Da nützt auch die Aussicht auf Schnee am 1. Advent wenig. Doch die Laune im evangelischen Gemeindehaus in Rönsahl lässt sich davon keiner trüben. Denn dort findet die Weihnachtsfeier des Wohnverbundes Volmetal statt.

Eine zünftige Weihnachtsfeier gehört eben zu den selbstverständlichen Dingen im Jahresablauf für die Menschen mit Behinderungen, die in der Einrichtung leben, die sich in Trägerschaft des Evangelischen Johanneswerkes befindet. Diese Feier ist deshalb für alle hier von besonderer Bedeutung. Schon lange zuvor freuen sich die Menschen, die im Kreis der großen Gemeinschaft im Wohnverbund Volmetal leben, auf das Fest im Dezember. Die Waldheimat – oder besser gesagt, der Wohnverbund Oberes Volmetal – ist für die meisten der hier in der Regel schon seit vielen Jahren betreuten Menschen mit unterschiedlichen Behinderungsgraden so etwas wie die eigene Familie.

Etliche der Bewohner haben zwar noch Kontakt zu ihrer Ursprungsfamilie, einige bekommen auch mehr oder minder regelmäßig Besuch von Eltern oder Verwandten und können, wenn‘s denn besonders gut läuft, zu einem solch speziellen Anlass wie Weihnachten sogar ein paar Tage im Kreise ihrer Verwandten verbringen. Wenn‘s – wie gesagt – gut läuft und es diese Familie überhaupt noch gibt. Für viele der Waldheimatbewohner besteht diese Möglichkeit aus unterschiedlichen Gründen aber eben nicht. Sie sind bereits älter, die Eltern leben nicht mehr – und die Geschwister, falls vorhanden, haben ihre eigenen Familien, ihre eigenen Sorgen und Probleme.

Doch heute läuft‘s mal besonders gut. Denn zur Weihnachtsfeier sind auch die Eltern eingeladen. Viele sind gekommen. Manche sogar von weither. Gut 100 Menschen haben an der liebevoll gedeckten und mit Christstollen und reichlich Kleingebäck bestückten Kaffeetafel Platz gefunden. Schließlich ist ja in wenigen Tagen Weihnachten, und da soll doch Freude aufkommen. So wie bei vielen hier.

Auch bei Friederike (Name geändert) ist das so. Mama und Papa sind nach Rönsahl zur Weihnachtsfeier gekommen. Friederike, die von Geburt an stark behinderte, etwa 40-jährige Frau, lebt schon seit mehr als 20 Jahren in der Waldheimat. Sie kann sich zwar kaum artikulieren, aber ihre Augen glänzen. Sie wird Weihnachten – wie in jedem Jahr – bei der Familie in ihrer Heimatstadt verbringen. Doch spätestens nach einer Woche will sie dann wieder nach Hause. Ihr Zuhause ist die Waldheimat, wie die Mutter sagt. Und das ist auch gut so. Doch heute feiern sie erst mal gemeinsam die Weihnachtsfeier in Rönsahl. Währenddessen sind alle Mitarbeiter der Wohneinrichtung voll im Einsatz. Sie wissen, wie unverzichtbar wichtig die Gabe ist, mit dem Herzen zu sehen – gerade in ihrem Beruf und auch an einem solchen Abend. Alle Schutzbefohlenen sind ein wenig aufgeregt.

Irgendwann ist es so weit. Alle haben Platz gefunden, warten voller Spannung darauf, dass die Feier endlich beginnen kann. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brennen, verströmen ein anheimelndes Licht im großen Raum, als Wohnverbundsleiter Thomas Cordt die große Waldheimatfamilie begrüßt und zur Gitarre greift, um ein erstes Weihnachtslied anzustimmen. Das wird nichts, denn die Gitarre ist total verstimmt. Aber da ist ja zum Glück auch noch Heilerzieherin Waltraud Schöttler, die spontan einspringt und ein Weihnachtslied anstimmt. Viele singen mit, die Feier kann beginnen.

Und spätestens, als irgendwann der Nikolaus erscheint und für jeden Bewohner ein kleines Geschenk mitbringt, stimmt die Richtung vollends. Die Teller mit den selbst gebackenen Plätzchen leeren sich merklich und werden mehrmals neu gefüllt.

„Oh du Fröhliche“ schallt später durch den Raum. Viele kennen die Melodie und sind sogar einigermaßen textsicher. Alle freuen sich darüber, dass der Bläserchor der Baptistischen Brüdergemeinde für die musikalische Begleitung der Feier sorgt. Ein weiterer Höhepunkt an diesem Nachmittag ist das von der Theatergruppe der Seniorenabteilung mit viel Liebe zum Detail eingeübte und nun aufgeführte Anspiel der Weihnachtsgeschichte, so wie sie sich von rund 2000 Jahren in Bethlehem zugetragen hat.

Einkehr gehalten hat zu diesem Zeitpunkt längst zumindest ein Hauch von Weihnachtsfreude. Auch bei denen, die an diesem besonderen Tag keinen Besuch erhalten haben und über deren Gesicht jetzt hin und wieder ebenfalls ein leichtes Lächeln huscht, das Alltagsnöte und den grauen Dezembertag scheinbar und zumindest für den Augenblick in den Hintergrund treten lässt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare