Wehrleute müssen Rettungsdienst immer häufiger Zutritt zur Wohnung ermöglichen

Mit Spezialdraht und Akkuschrauber gehen die Kiersper Wehrleute Christian Schwanke (links) und Oliver Knuf gegen die verschlossene Tür vor. -  Foto: Becker

KIERSPE - Längst vorbei die Zeiten, als die Feuerwehr nur ausrückte, um Brände zu löschen. Mittlerweile sind die Wehrleute als Spezialisten gefragt, wenn Menschen bei Verkehrsunfällen eingeklemmt sind oder der Rettungsdienst vor einer verschlossenen Tür steht, hinter der ein Mensch dringend auf Hilfe wartet.

„In den vergangenen drei bis vier Jahren hat die Zahl der Einsätze mit ,Hilfloser Person hinter Tür’ stark zugenommen. Sicher ist dies auch dem demografischen Wandel geschuldet. Viele ältere Menschen leben alleine und werden vom Pflegedienst betreut. Stürzt der Patient aber in der Wohnung oder fällt aus dem Bett, dann stehen die Pflegekräfte vor der verschlossenen Tür“, erklärt Georg Würth einen Aufgabenbereich, mit dem seine Wehrleute immer häufiger zu tun haben. Um dieser Anforderung begegnen zu können, wurden in den vergangenen drei Jahren 15 Leute geschult, um im Einsatzfall möglichst schnell in die Wohnung zu gelangen.

Zwei dieser „Spezialisten“ sind Oliver Knuf und Christian Schwanke. Nach dem Besuch des Einsteiger- und Aufbaukurses hat Knuf bereits so manche Tür für den Rettungsdienst öffnen müssen. „Wenn die Tür nur ins Schloss gezogen und nicht verschlossen wurde, dann nutzen die Rettungssanitäter einen speziellen Draht, mit dem sich die Tür meist öffnen lässt. Doch spätenstens wenn die Tür abgeschlossen wurde, ist für den Rettungsdienst Schluss“, erklärt Knuf, der im Auftreten der Tür auch keine Alternative sieht: „Viele Haustüren sind so stabil, da bricht man sich eher den Fuß als die Tür aus der Zarge.“

„Wir nutzen dann den Zieh-Fix. Dabei wird eine Schraube in den Zylinder des Schlosses gedreht. Mit einem speziellen Gerät wird der Zylinder dann herausgezogen, anschließend lässt sich die Tür mit einem sogenannten Bauschlüssel öffnen“, erklärt Christian Schwanke, der vor einiger Zeit den Einführungskursus besucht hat. Aber er macht auch deutlich, dass die Wehrleute schnell an ihre Grenzen kommen, wenn die Haustür mit mit einem „Hochsicherheitsschloss“ ausgerüstet ist: „Dann lässt sich die Schraube kaum in das gehärtete Material des Schlosses drehen. Und selbst wenn das gelingt, zerreißt der Zylinder beim Ziehen. Dann ist Schluss und wir müssen einen anderen Weg ins Haus suchen.“

Auf den Fachlehrgängen haben die Wehrleute auch gelernt, gekippte und verschlossene Fenster in kürzester Zeit zu öffnen. „Diesen Weg müssen wir auch gehen, wenn der Patient unmittelbar hinter der Tür liegt und diese nicht aufgeschoben werden kann“, so Knuf, der in dieser Aufgabe keine zusätzliche geschweige denn unnötige Belastung sieht: „Würde der Rettungsdienst Aufgaben wie die Tür- oder Fensteröffnung übernehmen, dann verschwimmen die Grenzen. Außerdem müssen sich die Rettungsanitäter auf den Patienten konzentrieren. Wer soll dann ein Schloss einbauen, wenn der Verletzte oder Erkrankte abtransportiert wurde? Die Feuerwehr kann dann in Ruhe ein neues Schloss einbauen und so die Wohnung wieder sichern.“ Der Schlüssel wird dann bei der Polizei abgegeben, wenn kein naher Angehöriger erreichbar ist.

In dem Herbeirufen des Schlüsseldienstes sieht Wehrleiter Würth auch keine Alternative: „Meist sind diese Fachleute nicht so schnell verfügbar. Und wenn sich die Tür dann nicht öffnen lässt, dann müsste die Feuerwehr nachalarmiert werden, um ein Fenster zu öffnen. Denn spätestens, wenn sich die Wohnung im ersten oder einem höheren Stock befindet, werden Leitern und Sicherungspersonal benötigt. Außerdem nutzt der Rettungsdienst gerne die Hilfe der Feuerwehr, um den Patienten durchs Treppenhaus zu tragen. Auch wenn dieser kein Übergewicht hat, ist das eine ziemlich anstrengende Arbeit. Außerdem können sechs Leute einen Patienten schonender und schneller die Treppe hinunter tragen als zwei.“

Schwanke erklärt, dass die Alarmierung einer ganzen Gruppe auch den Vorteil habe, dass einige der Wehrleute schon mal ums Haus gehen könnten, um eine alternative Einstiegsmöglichkeit zu suchen, wenn der Kamerad mit seinem Werkzeug an der Tür nicht klarkomme.

Knuf weist aber auch daraufhin, dass das Öffnen einer Tür auch noch einen anderen Aspekt habe: „So eine Tür ist ein bisschen wie eine Wundertüte, man weiß nie, was einen dahinter erwartet. Deshalb sollten auch möglichst einsatzerfahrene Wehrleute die Wohnung mit dem Rettungsdienst betreten, denn der Anblick, der uns erwartet, ist manchmal auch mehr als unangenehm. Denn in einigen Fällen wird die Tür auch deshalb nicht mehr vom Bewohner geöffnet, weil dieser schon ein paar Tage tot ist.“ Dann kommt es auf ein paar Minuten auch nicht an, wenn sich die Tür nicht gleich öffnen lässt. Doch bei einem Verletzten, der hinter der Tür auf medizinische Hilfe wartet, sieht das natürlich anders aus. Deshalb wünschen sich die „Türöffnungsspezialisten“ auch eine spezielle Fräse, mit der der Schlosszylinder in wenigen Sekunden herausgefräst werden kann und die auch vor Hochsicherheitsschlössern nicht kapitulieren muss. Doch bei Kosten von 1500 Euro pro Stück ist das ein Wunsch, der bei der Wehr noch einige Zeit zurückgestellt werden muss. - Johannes Becker

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