Lehrgang gegen das flaue Gefühl im Magen

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Im Simulator ist der Stamm so eingespannt, dass dem Arbeiter auch dann nichts passieren kann, wenn er die Säge vollkommen falsch ansetzt. Doch auch die wenigen Zentimeter, die das Holz in der Vorrichtung springen kann, reichen für eine Schrecksekunde aus. ▪

KIERSPE ▪  In der Theorie ruft die Feuerwehr einen Fachmann, wenn es zu gefährlich wird, einen Baum zu fällen. In der Praxis fehlt meist dafür die Zeit. Dann müssen die Wehrleute selbst zur Kettensäge greifen. Wie gefährlich ein solcher Einsatz sein kann, wurde bei dem Lehrgang klar, den die Fortwirte der Wuppertaler Stadtwerke (WSW) für die Kiersper Wehr anboten.

Wenn die Feuerwehrleute im Einsatz zur Kettensäge greifen, dann nur, weil sie Menschen retten oder vor größerem Schaden bewahren wollen. Meist in sturmumbrausten Wälder nehmen die Männer dann Säge zur Hand. Fallender Schnee oder massiver Regen und eisglatter Boden erschweren oft die Arbeit. Zu gut haben die Mitglieder der Kiersper Wehr noch die Kyrill-Nacht vor Augen, als ein Linienbus und weitere Fahrzeuge auf der L 528 kurz vor dem Abzweig Berkenbaum zwischen umgestürzten Bäumen festsaßen. „Da war keine Zeit, einen Fachbetrieb mit der Beseitigung der Bäume zu beauftragen. Die Wehrleute mussten zur Säge greifen und die Straße so weit freischneiden, dass die Fahrzeuge den Gefahrenbereich verlassen konnten. Doch unter solchen Umständen hat jeder ein flaues Gefühl im Magen, wenn es ans Sägen geht“, erklärt Wehrleiter Georg Würth.

Dabei meint der Wehrleiter nicht nur das ungute Gefühl, dass die Helfer durch weitere umfallende Bäume in ihrem Leben bedroht sein könnten, sondern, dass die Bäume, niedergedrückt von Wind oder Schneelast, meist derart unter Spannung stehen, dass sie beim Sägen zurückschnellen und den Sägenden verletzen können oder – im günstigeren Fall – das Arbeitsgerät einklemmen.

Um zumindest ein Stück weit Routine im Umgang mit der Kettensäge zu ermöglichen, müssen alle Wehrleute, die die Maschine benutzen, den sogenannten Motorsägenführerschein W1 besitzen. Erworben wird dieser im Rahmen eines zweitägigen Lehrgangs. „Dabei lernen die Teilnehmer einiges über Unfallverhütung, Schutzkleidung und den Umgang mit liegendem Holz“, erklärt Forstwirtschaftsmeister Martin Spettmann. Er ist mit seinem Kollegen Robert Hiehel nach Rönsahl gekommen, um zehn Wehrleuten den Umgang mit Baum und Säge zu zeigen, wenn das Holz nicht spannungsfrei auf ebenem Boden liegt, sondern verworfen und unter Spannung zwischen anderen Stämmen eingeklemmt wurde.

Normalerweise arbeiten der Fortwirt und der der Forstwirtschaftsmeister bei den Wuppertaler Stadtwerken. Ihr Dienstsitz ist an der Kerspe-Talsperre, wo sie sich um die Bewirtschaftung des gesamten Waldes innerhalb der Wasserschutzzone 1 kümmern. Häufig genug müssen sie dabei am Hang arbeiten und auch die Sturmschäden werden von den Fachleuten selbst aufgearbeitet.

Sollte aber – beispielsweise durch einen Unfall im Einzugsgebiet der Sperre – die Qualität des Wassers in Gefahr sein, dann wechselt das Arbeitsgebiet der Forstleute schlagartig. Dann geht es mit speziellen Abwehrmitteln zum Ort des Geschehens, um dort beispielsweise Ölsperren im Gewässer zu errichten. Unterstützt werden sie dabei meist von der Feuerwehr.

So verwundert es nicht, dass es für Spettmann mehr als selbstverständlich war, der Bitte der Kiersper Wehr nach einer Fachausbildung im Umgang mit der Kettensäge nachzukommen: „Wir sind häufig genug auf die Hilfe und das Fachwissen der Feuerwehrleute angewiesen. Da ist es schön, auch mal etwas zurückgeben zu können.“

Dieses Zurückgeben drückt sich auch in dem Preis aus, der der Kiersper Wehr und damit der Stadt in Rechnung gestellt wird. Wehrleiter Würth: „Wir sparen mit diesem Lehrgang aber nicht nicht nur Geld. Denn die Plätze an der Forstwirtschaftlichen Bildungsanstalt in Arnsberg sind rar. Dort könnte ich keine zehn Leute zur Schulung anmelden.“

W2 und W3 nennen sich die beiden Module, in denen die Wehrleute aus allen vier Löschzügen der Kiersper Wehr unterwiesen wurden. Los ging es am ersten Tag dabei auch wieder mit der Unfallvermeidung und einer theoretischen Einweisung.

Nachmittags griffen die Kursteilnehmer dann zur Kettensäge. Denn die WSW-Mitarbeiter hatten einen ganzen Lastwagen voller Fichtenstämme mitgebracht. Ein Stamm nach dem anderen wurde in einen von der Forstwirtschaftlichen Bildungsanstalt ausgeliehenen Simulator gespannt, in dem ein Hydraulikzylinder Druck ausübte. Alle Gefahrensituationen beim Sägen konnten so geübt werden, ohne dass der Stamm beim Zerteilen die Möglichkeit hatte, weit zu „springen“. Allerdings reichte der Knall beim Zerreißen bereits, um den Sägenden einen kleinen Schrecken einzujagen.

Und während vor dem Gerätehaus die eine Hälfte der „Azubis“ sägte, wurde im Haus die Instandsetzung der Säge und das Schärfen der Kette geübt.

Am Freitag ging es dann an die Kerspetalsperre, wo die Wehrleute dann unter realen Bedingungen Bäume fällen und Wege freischneiden konnten. Zum Einsatz kam dabei auch eine Winde, um die Arbeit abzusichern und den Bäumen beim Fallen eine Richtung zu geben. Dabei wurden auch bewusst Bäume so eingekeilt und unter Spannung gesetzt, dass das Erlernte in seiner ganzen Bandbreite zur Geltung kam.

„Ich hoffe, die Schulung lässt die Wehrleute in Zukunft mit einem besseren Gefühl zur Kette greifen, wenn es der Einsatz erfordert“, so Würth. ▪ Johannes Becker

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