Die größte Gefahr geht vom Strom aus

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Die Handschuhe, die die Wehrleute vor dem Strom bei Hilfeleistungen an einem Elektroauto schützen sollen, sind sicher eine untypische Arbeitskleidung für Wehrleiter Georg Würth.

Kierspe - Bei Strom niemals mit Wasser löschen – diese eingängige Regel mag zuhause eine Berechtigung haben, wenn der Fernseher in Flammen steht, bei brennenden Elektroautos hat sie keine Bedeutung. Meist ist das Löschwasser das Mittel der Wahl, um eine weitere Zersetzung der Zellen im Akku zu verhindern – so schildert es Georg Würth, Chef der Kiersper Feuerwehr. Wobei auch er bislang noch kein brennendes Elektorauto gesehen hat oder auch nur bei einem Unfall im Einsatz war, in den ein Elektro- oder Hybridfahrzeug verwickelt war.

„Ich glaube, dass der Umstieg auf Elektrofahrzeuge nicht weniger gravierend ist, als der Umstieg vom Pferd auf Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor“, sagt Georg Würth, Leiter der Kiersper Feuerwehr und ist damit auch dafür verantwortlich, dass sich seine Wehrleute den neuen Aufgaben stellen können. Seit drei Jahren bereitet sich seine Wehr schrittweise auf Einsätze vor, in die Elektroautos verwickelt sein könnten oder werden. „Das fängt schon damit an, dass der Helfer vor Ort ein Elektro-Auto oder Hybrid-Fahrzeug erkennt. Im Moment ist das noch relativ einfach, weil es nur wenige Modelle gibt, in einigen Jahren sieht das sicher schon ganz anders aus, wenn 20 oder 30 Prozent der Autos mit Akkus für den Antrieb ausgerüstet sind“, sagt Würth. Doch die Vorbereitung auf die neue Gefahrensituation ist schon alleine deshalb nicht so einfach, weil es nur wenige Weiterbildungsangebote gibt. Derzeit setzt die Kiersper Wehr auf Schulungen des Tüv Nord in Düsseldorf oder Dortmund und auf die einmal jährlich stattfindenden Rescue-Days. „Wobei diese Schulungen recht teuer sind. So betragen alleine die Gebühren für die mehrtägigen Rescue-Days rund 1200 bis 1400 Euro pro Teilnehmer – ohne Unterkunft und Verpflegung“, so Würth.

Trotz der hohen Kosten wird die Kiersper Wehr auch in diesem Jahr wieder vier Leute dort schulen lassen. Würth: „Ich hoffe, dass in drei Jahren rund zehn Prozent der Wehrleute dann Weiterbildungen in diesem Bereich bekommen haben.“

Grundsätzlich möchte Würth die Gefahr durch den Strom bei den neuen Fahrzeugen aber nicht überbewerten: „Damit haben wir auch bei jedem Gebäudebrand zu tun.“ So wäre auch das Löschen mit Wasser kein Problem, wenn der Abstand stimmt. Sollte jedoch die Batterie (Akku) Schaden durch einen Unfall vor dem Brand Schaden genommen haben, sieht das anders aus „Die Zellen der neuen Akku-Generation können sich bei einer Beschädigung extrem schnell entladen und dann in Brand geraten. Das kann zu einer Zersetzung des Löschwassers und damit zur Bildung von Wasserstoff führen. Im Freien sorgt der Wind für eine Verteilung des Gases. Doch im Gebäude sieht das schon ganz anders aus.“ Damit zielt Würth auf die sogenannten Pufferspeicher ab, die zukünftig in immer mehr Häusern stehen sollen, um dann Strom abzugeben, wenn er benötigt wird.

Trotz dieser Gefahr sei das Wasser oft das einzige Mittel, um die geschädigten Zellen zu kühlen. Würth: „Es gibt natürlich auch noch Metallbrand-Pulver, das kann aber nicht eingesetzt werden, wenn sich noch Menschen im Auto befinden – und es kühlt auch nicht die beschädigten Zellen.“

Bei einem Unfall ohne Brandgefahr geht die Gefahr nicht von den Akkus aus, sondern von den Stromkabeln, die durchs Fahrzeug führen. „Nähert sich nach einem Crash der Helfer dem Fahrzeug, muss er spezielle Handschuhe tragen, die bis zu einer Spannung von bis zu 1000 Volt zugelassen sind. Erst wenn der Wagen stormlos ist, kann ohne dieses Hilfsmittel gearbeitet werden“, erklärt der Wehrleiter.

An speziellen Trennstellen lässt sich dieser Zustand erreichen, wenn der Schlüssel nicht greifbar ist oder sein Drehen nicht den gewünschten Effekt hat. Außerdem dürfe keinesfalls der Schweller eines Autos so sorglos zerschnitten werden, wie das bei einem Wagen mit Verbrennungsmotor möglich sei, weil dort meist die Stromkabel mit einer Spannung von mehreren Hundert Volt verlaufen würden.

Dass die Situation, technische Hilfe bei Unfällen mit Elektro- oder Hybridfahrzeugen leisten zu müssen oder auch die Brandbekämpfung bei solchen Fahrzeugen keine Zukunftsmusik ist, zeigt auch das Vorhaben der Post, diese will zukünftig alle Pakete im Innenstadtbereich mit E-Lieferwagen zustellen – und rüstet der Zeit die eigene Flotte komplett um.

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