Waldarbeit mit nur einem PS

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Bis zu zwei Tonnen und damit das Doppelte des eigenen Gewichts kann ein gut trainiertes Rückepferd ziehen. Doch solche Lasten mutet Wolfgang Scheider seinem Max nicht zu. ▪

KIERSPE ▪ Eigentlich möchte Max viel schneller laufen, möchte zeigen, was er kann. Doch Wolfgang Scheider bremst seinen siebenjährigen Hengst. Er weiß nur zu gut, würde er seinen Quater-Araber-Mix machen lassen, wäre dieser zu schnell am Ende seiner Kräfte angelangt. Denn auch wenn Max ein ausgebildetes Holzrückepferd ist, so fehlt ihm doch doch das tägliche Training im Wald. Ist doch das Transportieren schwerer Stämme aus dem Wald zu den Holzlagerplätzen für seinen Besitzer nur ein Hobby, wenn auch eines, das er mit viel Leidenschaft ausübt.

Bereits in Kindertagen war Wolfgang Scheider mit den Pferden im Wald, rückte doch sein Vater noch hauptberuflich für die Waldbesitzer in Kierspe. „Sechs Pferde hatten wir damals“, erinnert sich Scheider an diese Zeit. Die Anzahl der Tiere ergab sich aus der Belastung. Nur rund vier Stunden war ein Pferd im Einsatz. Und jeden zweiten Tag sollten sich die Tiere erholen.

Das alles hat Max nie kennengelernt. Der Hengst ist erst seit drei Jahren im Wald unterwegs – nach einer gründlichen Ausbildung durch seinen Besitzer. Und die Einsatztage, die Pferd und Besitzer mit dem Holzrücken verbringen, lassen sich meist an zwei Händen abzählen, im vergangenen Jahr waren es gerade einmal zehn.

„Für den Wald wäre es besser, wenn mehr mit Pferden gerückt würde“, da ist sich Scheider sicher. Doch auch er weiß, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Das längst an die Stelle der Pferde die Vollernter getreten sind, die mit ihren hydraulischen Armen die Bäume umfassen, sie absägen und anschließend in einem Arbeitsgang entasten und auf Maß bringen.

Vor allem nach dem Orkan Kyrill vor mehr als drei Jahren kamen die mächtigen Maschinen zum Einsatz. Damals musste auch kaum Rücksicht auf den Wald genommen werden, denn dieser lag größtenteils danieder. Da mussten die Harvester auch nicht auf Rückestraßen fahren, sondern konnten die Waldgebiete von vorne bis hinten in einem Arbeitsgang aufarbeiten.

Doch außerhalb solcher Ausnahmesituationen würden sich auch Umweltschützer einen verstärkten Einsatz von Rückepferden wünschen. Denn zum einen würden diese den Boden nicht so verdichten, zum anderen wären die Schäden an den Bäumen, die im Wald verbleiben, geringer. Als Hauptargument für den Einsatz der Pferde und gegen den Betrieb der schweren Maschinen führen die Umwelt- und Interessenverbände aber Schlammlawinen an, die zu einer Gefahr auf den Talstraßen werden könnten. In einem Interview warnte Elmar Stertenbrink, stellvertretender NRW-Vorsitzender der Interessengemeinschaft Zugpferde, vor solchen Auswirkungen: „Das rührt daher, dass oben im Berg schwere Maschinen die Rückegassen zerfahren haben und sich Sturzbäche bilden.“

Im Abstand von etwa 25 Metern müssen diese Rückegassen angelegt werden, die dann eine Breite von fünf bis sechs Metern haben, um den Vollerntern genügend Bewegungsfreiheit zu geben. Für die Waldbauern bedeutet dies aber auch einen enormen Verlust an Fläche. Auch dieses Argument spricht für viele Freunde des traditionellen Rückens für die Pferde. Und in Zeiten der rot-grünen Landesregierung gab es sogar in Nordrhein-Westfalen Unterstützung für die Bewirtschaftung mit Rückepferden. In Folge dieser Subventionen stiegt die Anzahl der Festmeter, die in NRW mit Pferden „vorgeliefert“ wurden, auf 85 000 im Jahr 2006. Nach dem Wechsel auf Schwarz-Gelb sank diese Zahl auf gerade einmal 10 000 Festmeter, die mit Pferden gerückt wurden. Nach Angaben des NRW-Umweltministeriums gebe es heute gerade noch 20 Betriebe mit mindestens zwei Pferden, die als Lohnunternehmer im Land tätig seien.

Doch all das interessiert Scheider nur am Rande. Für ihn ist diese Art des Holzrückens, die er auf eigenen Flächen und denen von Verwandten anwendet, in erster Linie Freizeitbeschäftigung.

Für größere Flächen fehlt dem Mann aus Hemecke, der im Hauptbeuf als Betriebsschlosser arbeitet, die Zeit und seinem Pferd das Training. Von den zwei Tonnen Zuglast, die hinter Brustblattgeschirr mit Schwengel bei Holzrückepferden, die im nahezu täglichen Training sind, hängen ist Max weit entfernt. Dafür kann er seinen nächsten Einsatz kaum erwarten. ▪ jobek

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