Es wächst viel mehr Holz nach, als geschlagen wird

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Rund die Hälfte des Kiersper Stadtgebietes besteht aus Wald. Und dieser wird nach wie vor von der Fichte dominiert, die den Waldbauern immer noch den höchsten Ertrag beschert. ▪

KIERSPE ▪ Tag für Tag verschwinden riesige Mengen Regenwald. Die Abholzung von Wäldern in China sorgt für verheerende Sandstürme in Städten, die hunderte Kilometer von den Wüsten entfernt sind, und sogar im nahen England kann man heute noch erkennen, wie fatal sich der Raubbau am Wald auf die Landschaft ausgewirkt hat. Grund genug für die Vereinten Nationen ein Jahr der Wälder auszurufen. Daran beteiligt sich auch Deutschland, wo es um den Wald gut bestellt ist. Wie es in den Kiersper Wäldern aussieht, erklärt Förster Uwe Treff.

Es sind meist nur wenige hundert Meter, manchmal nicht einmal zehn, die die Kiersper gehen müssen, um im Wald zu stehen. Kein Wunder, besteht doch knapp die Hälfte des Stadtgebietes aus Wald. Von den 72 Quadratkilometern, über die sich Kierspe erstreckt, sind rund 35 Quadratkilometer oder auch 3500 Hektar mit Wald bedeckt. Nach wie vor ist das in erster Linie die Fichte. Mit 67,4 Prozent der Waldfläche beansprucht dieser Baum rund zwei Drittel der Fläche. „Noch, aber das wird sich mit den Jahren ändern“, da ist sich Förster Uwe Treff sicher. Denn um Stürmen zu widerstehen und dem Klimawandel zu begegnen, sind die Fichten mit ihren flachen Wurzeltellern am schlechtesten geeignet. Besser schlagen sich da Laubbäume wie Buche oder Eiche. Und es ist sicher nicht nur das besondere Verhältnis der Deutschen zu den beiden Laubbäumen, das dafür sorgt, dass diese Bäume auf dem Vormarsch sind. So bedeckt die Eiche in Kierspe eine Fläche von 246,41 Hektar. Das entspricht 12,3 Prozent der Waldfläche, die Buche bedeckt zehn Prozent (200,03 Hektar) der Waldfläche. Gerechnet wurden hierbei allerdings nur die Baumarten, die von der Forstbetriebsgemeinschaft bewirtschaftet werden. Dazu kommen noch die Waldflächen im Besitz der Wuppertaler Stadtwerke und Wälder, die aufgrund ihrer Größe von den Besitzern selbst vermarktet werden.

Ein ganz geringer Teil der Fläche wird von der Douglasie bedeckt – gerade einmal 16,71 Hektar (0,8 Prozent). Doch das soll sich ändern – gilt der Baum doch als besonders widerstandsfähig und so als gut vorbereitet auf die erwarteten Klimaveränderungen.

Doch längst nicht überall wo die Hauptbaumarten der heimischen Wälder wie Fichte, Buche, Ahorn, Eiche, Esche, Erle, Birke, Kiefer, Lärche, Tanne, Douglasie und Ahorn wachsen, wird auch regelmäßig die Motorsäge angesetzt. Treff schätzt, dass von den 3500 Hektar Wald rund 300 Hektar nicht bewirtschaftet werden. „Zum Teil haben Waldbesitzer ganz einfach vergessen, dass sie noch – meist abgelegene – Flächen besitzen oder sie haben kein wirtschaftliches Interesse an den Bäumen“, so der Förster. Dort kann sich der Wald völlig frei entwickeln. Vor allem in Gebieten, in denen Kyrill wütete, betrachtet Treff die Entwicklung mit Interesse.

„Wenn der Mensch nicht eingreift, dann werden sich langfristig vor allem Buche und Eiche durchsetzen und in den Tälern werden es Esche und Ahorn sein“, erklärt der Waldfachmann.

Zu diesen unbewirtschafteten Waldstücken kommen dann noch 250 Hektar, die als Naturschutzfläche ausgewiesen sind. Diese sind meist in Tallagen mit Wasserläufen zu finden, wie beispielsweise das Tal der Jubach von der Einmündung in die Talsperre bis zur Autobahn. Treff: „Dort ist zwar grundsätzlich eine Bewirtschaftung möglich, allerdings dürfen nach der Entnahme von Nadelholz nur Laubbäume gepflanzt werden.“

Trotz der zunehmenden Kritik an der Fichte sieht Treff diesen Baum aufgrund seiner Wirtschaftlichkeit als unverzichtbar an. „Mit einer Umtriebzeit von rund 80 Jahren (die Zeit zwischen Pflanzen und Fällen) erreicht die Fichte eine hohe Wirtschaftlichkeit.“ Deutlich macht er das an einem Vergleich dieses Baumes mit der Buche, die zwar genauso groß werde, bei der aber 160 Jahre zwischen dem Pflanzen und der Fällung lägen. Bei der Eiche betrage die Umtriebzeit gar 180 Jahre. „Die Eichen, die den größten Ertrag bringen, sind rund 300 Jahre alt. Allerdings sucht man solche Bäume in Kierspe vergeblich. Hier gibt es einzelne Eichen, die schon 200 Jahre alt sind“, so der Förster.

Doch auch mit solchen und deutlich jüngeren Bäumen lässt sich Geld verdienen. Treff: Furnierhölzer aus Esche, Eiche und Bergahorn haben bei Versteigerungen bereits 1400 Euro je Festmeter gebracht. Zum Vergleich, für einen Festmeter Fichte gibt es rund 100 Euro – bis zum nächsten Sturm.“

Fragt man nach dem Wald der Zukunft, hat Treff ein klares Bild vor Augen: „Wir werden viel mehr Buchen und Eichen haben. Und das wird dann auch der Wald sein, in dem sich die Erholungssuchenden in erster Linie aufhalten werden. Aber auch Nadelhölzer werden in einem wirtschaftlich genutzten Wald immer eine große Rolle spielen, weil wir auf den Rohstoff Holz nicht verzichten können.“

Grundsätzlich sieht der Förster aber noch viel Potenzial in den heimischen Wäldern. Das ergebe sich allein daraus, dass seit Jahrzehnten viel mehr Holz nachwachse als geschlagen werde. So würden im Bereich des Forstamtes Lüdenscheid rund 150 000 Festmeter pro Jahr entnommen, möglich seien aber rund 300 000. In Kierspe liegt die Entnahme mit rund 10 000 Festmetern rund 8000 Festmeter unter dem Möglichen.

Allein aus diesem Grund sieht der Förster keine zwingende Notwendigkeit für ein Jahr des Waldes in Deutschland. Hinzu käme das besondere Verhältnis der Deutschen zu ihren Wäldern. „Allerdings ist es durchaus sinnvoll, solch ein Jahr zum Anlass zu nehmen, um auf Besonderheiten des Waldes aufmerksam zu machen. Das geschieht auch in zahlreichen einzelnen Maßnahmen im ganzen Land“, so Treff. ▪ Johannes Becker

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