Vorzeitiger Abschied von japanischen Freunden

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Annika Reiffert mit einigen Mitschülern im Dezember 2010 in Tokio.

KIERSPE ▪ „Wohlbehalten zurück in Kierspe.“

Diese Nachricht freut nicht nur die Eltern Jochen und Jutta Reiffert. Auch Nachbarn und Freunde atmen auf. Die 16 Jahre alte Annika Reiffert hat Japan verlassen. Am Mittwoch um 17 Uhr landete sie – aus Osaka kommend – in Frankfurt.

Die Schülerin des evangelischen Gymnasiums Meinerzhagen verbrachte im Rahmen des Rotary-Austauschprogrammes sieben Monate in der Kleinstadt Minowa, ehe die Situation sich nach Erdbeben, Tsunami und atomarer Katastrophe so verschärfte, dass für Eltern und Rotarier klar wurde: „Annika muss nach Hause kommen – so schnell wie möglich.“

Die 16-Jährige selbst hatte die Situation in Japan zunächst als gar nicht so bedrohlich empfunden. „Es begann am Freitag, 11. März, um 14.45 Uhr Ortszeit. Ich hielt mich im Haus meiner Gastfamilie im zweiten Stock auf, bei den Großeltern. Im Zimmer vibrierte der Boden – aber es war nicht das erste Beben, das ich miterlebte. Ich habe mich zunächst bei den Großeltern erkundigt, ob alles in Ordnung sei. Das war der Fall und dann bin ich raus – die Großeltern sind im Haus geblieben. Bei uns hatte das Beben nur eine Stärke von drei auf der Richterskala. Später habe ich sogar gehört, dass das Fußballteam der Schule weiter trainiert hat“, erinnerte sich Annika Reiffert heute im Gespräch mit der MZ.

Noch am selben Tag wurde der Schülerin aus Kierspe aber klar, dass etwas vor sich ging, was die Normalität bei Weitem sprengte: „Am Fernseher haben wir dann Bilder des Bebens gesehen und die Ankündigung gehört, dass die Flutwelle kommt. Jeder Kanal hat berichtet, im Fernsehstudio wackelte bei einem Nachbeben sogar der Boden.“ Und der Tsunami kam – für Annika Reiffert war er allerdings keine Gefahr, weil ihr Heimatort weit im Landesinneren, umgeben von Bergen, lag. Um so schockierender waren die Fernsehbilder: „Da sah man zum Beispiel, wie Autos und Baumstämme aus einem Sägewerk weggespült wurden. Schrecklich. Wir haben das in der Familie zusammen geschaut. Ständig kamen neue Nachrichten herein.“ Und dann waren da noch die Sorgen, die Annika Reiffert quälten: Wie ging es einer ihr bekannten deutschen Austauschschülerin aus Lübeck, die in Yokohama an der Küste untergebracht war? „Ich habe ihr eine Mail geschrieben. Die ist erst acht Stunden nach dem Absenden angekommen – aber Bridget hat geantwortet, dass es ihr gut gehe“, erinnert sich Annika Reiffert.

Die junge Kiersperin spricht zwar japanisch und versteht vieles was sie hört – doch perfekt beherrscht sie die Sprache noch nicht. „Deshalb habe ich auch im Zusammenhang mit den nachfolgenden Ereignissen in den Atomkraftwerken nicht alles verstanden. Da wurden im Fernsehen viele mir nicht bekannte Fachausdrücke verwendet. Und weil ich zeitweise auch nicht auf das Internet zurückgreifen konnte, war ich schon überrascht, als dann auf einmal die Rede davon war, dass wir vielleicht abreisen müssen“, blickt die Kiersperin zurück. Dass durch die Kernschmelze eine große Gefahr droht, wurde ihr erst richtig bewusst, als sie eine amerikanische Freundin – ebenfalls Austauschschülerin – am Samstag, 12. März, traf. „Die brachte mich auf den neuesten Stand. Bis dahin hatte ich mir noch keine Gedanken über die Heimfahrt gemacht.“

Ganz konkret wurde Annika Reiffert in der Nacht von Sonntag auf Montag mit dem vorzeitigen Ende ihres Japan-Aufenthaltes konfrontiert. „Da rief Papa an. Er sagte, dass die Rotarier empfehlen, so schnell wie möglich heimzukommen.“ Und dann ging alles ganz schnell: „Ich habe mit allen persönlich gesprochen oder sie angerufen. Die Lehrer meiner Schule, die Klassenkameraden, Gasteltern und Freunde und ihnen mitgeteilt, dass ich abreise. Es gab so viel zu tun, ich war bestimmt 20 Stunden lang wach.“ Und der Abschied tat weh. Annika Reiffert wurde mit vielen Geschenken bedacht und sie hörte immer wieder einen Satz: „Komm bald zurück.“

Von der 340 Kilometer langen Fahrt von Minowa zum Flughafen nach Osaka bekam die Kiersperin nicht viel mit: „Ich habe geschlafen.“ Dass sie aber gut ankam, dafür sorgten zwei Fahrer, beide Mitglieder im örtlichen Rotary-Club. „Es war ein großes Glück, dass ich mit dem Rotary-Austauschprogramm unterwegs war. Die haben sich ganz toll gekümmert, ebenso wie Gasteltern und japanische Freunde“, bedankt sich Annika Reiffert heute .

Zurück in der Heimat beschleicht sie inzwischen aber ein merkwürdiges Gefühl: „Ich habe erst hier richtig erkannt, was dort konkret vor sich geht und wie schlimm das alles wirklich ist. Viele Japaner haben mir vor Ort zum Beispiel gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen. Minowa sei von Bergen umgeben, deshalb sei man dort nicht gefährdet. Auch meine Gasteltern waren dieser Überzeugung. Japaner zeigen selten Gefühle in der Öffentlichkeit. Erst hier habe ich im Fernsehen viele weinende Japaner gesehen, da war ich sehr erschrocken.“

Jutta und Jochen Reiffert jedenfalls sind froh, dass ihre Tochter wieder zu Hause ist. Der ohnehin bereits für den Sommer gebuchte Rückflug konnte von Deutschland aus vorverlegt werden. Diese Umbuchung hat zwar Geld gekostet, aber Tausende von Euro wurden dafür nicht verlangt. Und für Annika Reiffert steht eines felsenfest: „Ich werde wieder nach Japan fliegen. Ich habe dort so viele Freunde und liebe, hilfsbereite Menschen kennengelernt.“ In der Krisensituation wendet sie sich mit einem großen Anliegen an ihre Mitbürger: „Helfen Sie durch Spenden. Die Menschen dort brauchen jetzt Hilfe.“ ▪ beil

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