Rollstuhl: Die Kraft kommt aus den Rädern

+
Testen und zeigen die neuen Rollstühle: Zeitungspraktikant Paul Ackerschott an der Schiehilfe, Awo-Seniorenzetrumsleiter Ulrich Borchert, Bewohnerin Doris Fittig, Selimed-Kundenbetreuer Björn Picker, Bewohner Hans-Jürgen Grezelka, Aler-Bezirksleiter Sascha Küpper und Bewohner Ralf Krause (von links).

Kierspe - Das E-Bike hat das Fahrradfahren revolutioniert – und Menschen aufs Rad gebracht, die nie auf ein „normales“ Fahrrad gestiegen wären. Nun soll die gleiche Technik auch das Rollstuhlfahren erleichtern und älteren Menschen ihre Mobilität und Selbstständigkeit erhalten.

Mit Rollstühlen ist das ein bisschen wie mit Hausschuhen. Die leichten Latschen werden im Haus getragen, geht‘s raus, wird zu den schweren Tretern gegriffen. Beim Rollstuhl sind üblicherweise im Gebäude die schlanken, beweglichen Modelle im Einsatz. Geht es auf große Fahrt, steht ein schwerer Fahrstuhl mit Blei-Akkus, Beleuchtung und Versicherungskennzeichen vor der Tür.

Jeder Wechsel ist mit Aufwand verbunden, bei älteren Menschen auch noch meist mit der Hilfe Dritter. Ulrich Borchert, Leiter des Awo-Seniorenzentrums, ist deshalb auf der Suche nach Rollstühlen, die dem Bewohner mehr Mobilität verschaffen, kleine Ausfahrten mit elektrischer Unterstützung erlauben, im Haus aber nicht mehr Platz beanspruchen wie Gefährte ohne Antrieb.

An diesem Morgen stehen gleich drei Fahrstühle im Erdgeschoss des Seniorenzentrums – und einem sieht man nun wirklich nicht an, dass er elektrisch angetrieben wird. Aber auch die beiden anderen Rollstühle sind kaum größer als ihre Verwandten ohne Motor.

Doris Fittig ist eine der Bewohnerinnen, die die neuen Gefährte ausprobieren möchte. Die Dame möchte gerne noch mobil bleiben, sich selbst im Rollstuhl bewegen – doch sie weiß auch um ihre Kraft, die schnell zu Neige geht, wenn sie ihren konventionellen Fahrstuhl durch die Flure und Außenanlagen des Zentrums bewegt. „Ich finden den E-Motion super“, da ist sich Fittig nach dem Test sicher. Sie ist begeistert, dass sie den Fahrstuhl selbst antreiben kann, aber auch Unterstützung bekommt. Diese Unterstützung liefert der Rollstuhl aus den Rädern, denn an den Naben sitzen Antriebe, über Sensoren an den Rädern erkennt die Steuerung die Kraft, mit der der Fahrer sein Gefährt antreibt und unterstützt diesen. Dabei reicht diese elektrische Hilfe von geringer Unterstützung bis zu einem Programm, in dem der Stuhl von alleine geradeaus fährt, bis er von seinem Fahrer gebremst wird. Am Berg verhindert der Stuhl ein Zurückrollen und ermöglicht so Fahrten auch durchs hügelige Sauerland. Aber auch der Weg vom Zimmer in den Speisesaal oder in Gemeinschaftsräume wird unterstützt.

Eingestellt wird der Grad der Unterstützung über eine Fernsteuerung oder eine Smartphone-App. Von einem Bewohner 2.0 will Sascha Küpper nicht reden, doch er weiß auch, dass sich die Bewohner auf neue Technik einlassen müssen, wenn sie neue Technik nutzen wollen. „Das Fahren mit einem solchen Rollstuhl muss man lernen, doch es ist nicht schwer“, sagt der Betriebsleiter des Herstellers. Dass er damit Recht hat, wird klar, als Zeitungspraktikant Paul Ackerschott in dem Gefährt Platz nimmt. Es dauert nur Minuten, bis der 14-Jährige geradezu mit Selbstverständlichkeit über die Flure fährt, enge Kurven nimmt und das Gefährt millimetergenau abstoppt.

Trotzdem würde er sich für einen anderen Rollstuhl entscheiden, der komplett selbstständig fährt, über einen Joystick gesteuert wird, dessen Antrieb aber auch auf den Achsen sitzt und damit ebenfalls nicht mehr Platz beansprucht als ein antriebsloser Fahrstuhl. Probleme, mit diesem klar zu kommen, hat er natürlich auch nicht. Über einen fehlenden Trainingseffekt macht er sich keine Gedanken. Ulrich Borchert aber schon: „Für die Bewohner ist es wichtig, ihre Kraft zu erhalten und so mobil wie möglich zu sein.“ Er geht von rund 20 Prozent der Bewohner aus, die mit neuen Rollstühlen gewinnen würden.

Aber auch an die Angehörigen, die oft selbst schon betagt sind, ist gedacht. Mit einer Schiebehilfe können sie hinter dem Patienten hergehen und diesen ohne Kraftaufwand mit dem eigenen Tempo schieben – möglich durch einen stufenlosen Drehregler am Griff. Im Heim selbst lässt sich die Schiebehilfe mit zwei Handgriffen demontieren.

Björn Picker vom Sanitätshaus Selimed in Meinerzhagen hat darauf gedrungen, dass auch dieser Rollstuhl vom Hersteller Alber mitgebracht und von Mitarbeiter Küpper vorgestellt wird. Vor allem die Pflegekräfte hat er im Blick, genau wie Borchert. „Diese sind es, die den meisten Kontakt zu den Patienten und den Angehörigen haben. Sie wissen um die Kraft der Bewohner und deren Wünsche. Also müssen die Pflegekräfte auch wissen, welche Hilfsmittel es gibt“, erklärt Borchert.

Dass der Einrichtungsleiter mit seiner Idee zur Vorführung den Nerv der Bewohner getroffen hat, bestätigt auch Ralf Krause, der sich für den Fahrstuhl mit Joystick entscheiden würde: „Der ist einfach super.“ Gedacht ist dieser vor allem für Menschen, die beispielsweise nach einem Schlaganfall nicht mehr beide Hände zum Schieben einsetzen können. Aber wie Bewohner Krause und Praktikant Ackerschott zeigen, löst er auch bei anderen Begeisterung aus.

Kundenbetreuer Picker hat der Termin vor Ort aber auch viel Freude gemacht. Gerne ist er bereit, einen solchen Testtag zu wiederholen: „Für uns ist das nicht aufwendig, wir sind seit Jahren Partner des Seniorenzentrums und immer vor Ort.“

Weniger gut gefallen dürften solche Anschaffungen den Krankenkasse, die dafür zahlen müssen, wenn der Bedarf festgestellt wird. Rund 5500 Euro kostet die Umrüstung eines herkömmlichen Stuhls auf einen E-Motion.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare