Dietmar Schwarze: Ausländische Mitarbeiter konnten das Land verlassen

Vor allem Frauen in Gefahr: Kiersper sorgt sich um afghanische Mitarbeiter

Der Kiersper Dietmar Schwarze, Leiter von People International Deutschland, ist bereits mehrfach durch Afghanistan gereist.
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Der Kiersper Dietmar Schwarze, Leiter von People International Deutschland, ist bereits mehrfach durch Afghanistan gereist.

Gerade noch so und mit viel Glück konnte ein Mitarbeiter der internationalen christlichen Hilfsorganisation People International (PI) Afghanistan am Dienstag noch verlassen. Eine amerikanische Maschine flog den Mann, der drei Jahre lang Menschen in Kabul geholfen hatte, eigene Geschäfte aufzubauen, und seine Familie aus.

Kierspe - Der Kiersper Dietmar Schwarze, der die deutsche Sektion von PI leitet, ist zwar froh, dass nach dem Abflug dieses Mitarbeiters keine ausländischen Kräfte mehr im Land sind, macht sich aber große Sorgen um die Afghanen, mit denen über viele Jahre hinweg zusammengearbeitet wurde. „Früher gab es unter den Taliban noch so eine Art Ehrenkodex, der gerade westlichen Frauen einen gewissen Schutz bot. Doch diese Zeiten sind vorbei. Mittlerweile werden alle Frauen von Mitgliedern der Taliban verschleppt, vergewaltigt oder auch getötet“, erzählt Schwarze. Vieles, was jetzt geschehe, ähnele dem, was der sogenannte Islamische Staat in anderen Ländern angerichtet habe. „Durch unsere Kontakte ins Land haben wir erfahren, dass die Bürgermeister für die Taliban Listen anfertigen müssen, auf denen dann alle unverheirateten Mädchen unter 12 Jahren gemeldet werden müssen. Diese Mädchen müssen den Taliban übergeben werden. Wir haben von einem Vater erfahren, der seine Tochter noch in der Nacht mit einem Verwandten verheiratete, damit er sie nicht den Taliban ausliefern musste“, erzählt der Kiersper.

Früher gab es unter den Taliban noch so eine Art Ehrenkodex, der gerade westlichen Frauen einen gewissen Schutz bot. Doch diese Zeiten sind vorbei. Mittlerweile werden alle Frauen von Mitgliedern der Taliban verschleppt, vergewaltigt oder auch getötet.

Dietmar Schwarze, People International

Der PI-Deutschland-Chef schätzt, dass derzeit allein 12 000 Menschen auf der Flucht nach Tadschikistan und Usbekistan seien. Diese Flüchtlinge würden von einheimischen Mitarbeitern unterstützt, so gut es möglich sei. Allerdings seien auch diese PI-Mitarbeiter in großer Gefahr, auch und vor allem die, die sich in der Vergangenheit für Frauen eingesetzt hätten. Das letzte Projekt in dieser Richtung hat die deutsche PI-Sektion bereits vor fünf Jahren beendet. Eine Deutsche hatte rund fünf Jahre in Faisabad, einer Stadt, in der auch die Bundeswehr viele Jahre aktiv war, Computer- und Englischunterricht gegeben. Die Menschen, die dort unterrichtet wurden, sieht er in keiner größeren Gefahr als andere auch, weil sie schon vor Jahren aus der Provinzhauptstadt in ihre Heimatorte zurückgekehrt seien. Er hofft, dass das auch für die Menschen zutrifft, mit denen PI damals zusammengearbeitet haben.

Faisabad kennt Schwarze von eigenen Reisen in das Land. Aber auch Kundus, ebenfalls ein Ort, der durch die Bundeswehr in Deutschland bekannt wurde, und natürlich Kabul lagen auf seiner Route. Damals, so berichtet Schwarze, habe man sich dort noch relativ sicher bewegen können. „Wir kleiden uns wie die Einheimischen und verhalten uns möglichst unauffällig. Das hat uns immer gut geschützt, vor allem vor Entführungen. Die Alternative wären bewaffneter Schutz und gepanzerte Fahrzeuge, dafür haben wir kein Geld“, erzählt der Leiter der Hilfsorganisation. Natürlich habe man aber auch Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, um sich zu schützen. So sei es üblich, einheimischen Fahrern die Handys für die Dauer der Fahrt abzunehmen und ihnen erst dann die Route zu nennen. Beim Eintreffen am Ziel seien die Mobiltelefone dann zurückgegeben worden. Schwarze: „So konnte niemand unseren Standort durchgeben.“

Grundsätzlich habe er aber keine schlechten Erfahrungen mit den Afghanen gemacht, im Gegenteil: „Die Menschen dort sind sehr freundlich und extrem gastfreundlich. Gastfreundschaft geht ihnen über alles, sogar über ihre Religion. Und es wird als Schande betrachtet, wenn sie nicht die Mittel haben, Gastfreundschaft anbieten zu können.“

Noch immer warten Tausende Menschen auf dem Kabuler Flughafen darauf, ihr Land verlassen zu können. Der letzte ausländische Mitarbeiter, der für People International noch im Land war, konnte Afghanistan am Dienstag verlassen.

Darin liege nun auch das Drama begründet. Niemand würde in den Taliban so etwas wie Befreier sehen. Für die Afghanen seien diese viel eher nur eine politische Gruppe, die bei ihrer Machtausübung keine Gnade kennen würden. „Viele erinnern sich noch an die Taliban-Herrschaft, die es noch bis vor 20 Jahren gab. Das wollen die Menschen nicht mehr erleben. So wollen sie nicht wieder leben. Das ist sicher auch ein Grund, warum so viele Menschen nun versuchen, das Land zu verlassen. Sicher verlässt niemand seine Heimat gerne, vor allem aber nicht die Afghanen. Doch es bleibt ihnen nichts anderes übrig, wenn sie ein menschenwürdiges Leben leben wollen“, ist sich Schwarze sicher.

Allerdings befürchtet der Kiersper, dass es nicht bei der Unterdrückung der Afghanen bleiben wird: „Ich denke, die Taliban werden versuchen, auch in Tadschikistan ihren Einfluss auszubauen. In Pakistan sind sie ja bereits seit Jahrzehnten aktiv und haben die Grenzregion lange als Rückzugsort genutzt.“

Deshalb habe man jetzt auch eine Mitarbeiterin aus Pakistan abgezogen, weil sie für ihre Aufgabe immer wieder durch Talibangebiet fahren musste.

Spenden

Wer die Arbeit von People International und vor allem die Flüchtlinge, die versuchen von Afghanistan nach Tadschikistan oder Usbekistan zu gelangen, unterstützen möchte, kann unter dem Stichwort „Notfilfe Afghanistan – Projekt 206“ an People International spenden. Möglich ist das über ein Konto bei der Sparkasse Kierspe-Meinerzhagen, IBAN: DE30 4585 1665 0008 0019 01.

Die Taliban

Die Taliban sind eine im September 1994 gegründete deobandisch-islamistische Terrorgruppe, die von September 1996 bis Oktober 2001 erstmals große Teile Afghanistans beherrschte und seit August 2021 wieder die Macht im Land hält. Der Name ist die paschtunische Pluralform des aus dem Arabischen stammenden Wortes talib (Schüler, Suchender). Das Islamische Emirat Afghanistan der Taliban wurde seinerzeit von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt.
Die Talibanbewegung hat ihre Ursprünge in religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan, die meist von der politischen pakistanischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam geführt wurden. Die Ideologie der Bewegung basiert auf einer extremen Form des Deobandismus und ist zudem stark vom paschtunischen Rechts- und Ehrenkodex, dem Paschtunwali, geprägt.
Der Anführer der Taliban war bis 2013 Mullah Mohammed Omar. Omars Nachfolger Akhtar Mansur wurde 2016 bei einem Drohnenangriff getötet. Mansurs Nachfolger ist Hibatullah Achundsada.

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