Die Volkshochschule im Wandel

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Marion Görnig unterrichtet seit den 1980er Jahren bei der VHS. Im Jahr 2000 fand sie dort eine Festanstellung und seit 2004 leitet sie den Zweckverband im Volmetal. Sitz der Verwaltung ist im Alten Amtshaus in Kierspe.

Der Name klingt nach Diplom, in der Wahrnehmung steht er oft für ein Weiterbildungsangebot unterbeschäftigter Hausfrauen – doch tatsächlich verbirgt sich dahinter das dezentralste und vielseitigste Bildungsangebot, das es in Deutschland gibt: Die Rede ist von der Volkshochschule.

Keine andere Bildungseinrichtung kann so flexibel auf die Strömungen der Zeit reagieren wie die Volkshochschule. Das liegt an der besonderen Struktur der Einrichtung, bei der in allererster Linie nebenamtliche Referenten tätig sind. 

So ist es sicher auch zu erklären, warum sich die VHS immer wieder neu erfinden konnte, ohne ihre Geschichte verleugnen zu müssen. Zumindest dann, wenn man die Zeit nach 1949 betrachtet. Das Ende des NS-Regimes, der Wiederaufbau des Landes und die Demokratisierung wirkten auch im Bildungsbereich wie eine Zäsur. So wurden die Volkshochschulen zu einem Instrument, um aus den nationalsozialistisch verblendeten Deutschen zumindest formale Demokraten zu machen. 

Im Gleichklang mit Schulen, Hochschulen und anderen Einrichtungen des zivilen Lebens ist das auch mehr als gelungen. 

„Noch 1963 standen Vorträge wie ,Unsere deutschen Sorgen und Nöte – Das Ringen um Berlin’, ,Das beschäftigt Vertriebene’ oder Filmabende mit dem Titel ,Eine Mauer klagt an’ im Programmheft der Kiersper VHS“, weiß Marion Görnig zu berichten. Die Leiterin der VHS Volmetal kann aus den Anfangsjahren der Bildungseinrichtung natürlich auch nur aus den Erzählungen ihrer Vorgänger und den Unterlagen, die sich im Archiv der VHS befinden, berichten. 

In den Anfangsjahren fanden sich in den Kommunen Kierspe, Meinerzhagen, Halver und Schalksmühle eigene Volkshochschulen, die sich 1978 zum Zweckverband zusammenschlossen – Herscheid entschied sich erst 1986 dem Verband beizutreten. Zu dieser Zeit hatte sich das Bild der VHS bereits komplett gewandelt. Görnig: „Nach dem Krieg standen politische Themen und Vorträge über damals noch viel fernere Länder im Programm. Doch auch die Sprachenbildung gewann schnell an Bedeutung – vor allem Englisch-Kurse erlebten eine starke Nachfrage. Aber auch Lichtbildvorträge waren gut besucht, schließlich gab es noch kein Fernsehen. Da war die VHS ein Fenster zur Welt.“ 

Wenn auch in den 1960er-Jahren immer noch politische Themen einen Großteil des Programms ausmachten, spielte die berufliche Bildung eine zunehmende Rolle. Schulabschlüsse und Technikkurse finden sich verstärkt in den Heften der einzelnen Volkshochschulen. In den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stärkte die Politik die Rolle der Einrichtungen im ganzen Land. Die NRW-Regierung wollte Garantien, dass der Zugang zu den Volkshochschulen im gesamten Land möglich ist. Daraus resultierte, dass fortan (1979) alle Volkshochschulen hauptamtlich geführt wurden. Kleine Einrichtungen mussten fusionieren, um diese Kosten stämmen zu können – und um auch Zuschüsse des Landes zu bekommen. Görnig: „Der Erhalt und Betrieb der VHS ist bis heute eine kommunale Pflichtaufgabe.“ 

Ende der 1970er-Jahre wandelte sich aber auch das Programm der VHS. Gut die Hälfte des Programms entfiel damals auf kreative Kurse, rund 20 Prozent machten die Fremdsprachen aus, etwas weniger stark waren Gesundheits- und Bewegungsangebote vertreten und die politischen Kurse und Vorträge machten nur noch zehn Prozent aus. So erzählt es Görnig und fügt an: „Aus dieser Zeit stammt auch noch der Vorwurf: ,VHS, dass sind doch die mit dem Makramee – meist geäußert von Menschen, die selbst nichts über die Kunst der orientalischen Knüpftechnik wissen.’“ 

Bereits wenige Jahre später zeichnete sich ab, dass die berufliche Bildung eine immer stärkere Rolle spielen würde. „Maschineschreiben“ war ein gern gebuchter Kurs – gleichzeitig Vorbote der Computerkurse, die in den späten 80er- und 90er-Jahren die Programmhefte beherrschen sollten. Da wurde aus dem Maschine- das Tastschreiben – und dort wo noch vor einigen Jahren geknüpft und gehardangert wurde, saßen nun Menschen hinter monströsen Bildschirmen, paukten BASIC als Programmiersprache, lernten DOS-Grundlagen kennen und vertieften sich in Office-Programme. Letztere gibt es sogar heute noch. „Das zog sich bis ins heutige Jahrtausend. Im Jahr 2000 hatten wir noch rund 40 PC-Kurse im Programm, jeder einzelne war ausgebucht und keiner viel aus“, sagt Görnig und schätzt, dass damals diese Kurse rund 20 Prozent des gesamten Programms ausgemacht hätten. „Bei den Computerkursen haben wir unsere gesellschaftliche Aufgabe erfüllt“, ist die VHS-Leiterin überzeugt. 

Mit der starken Ausrichtung auf die berufliche Bildung hatte die VHS Volmetal im Grunde bereits einen Paradigmenwechsel eingeleitet, den die Politik ab dem Jahr 2000 verbindlich machte. Erst drei, später vier Pflichtbereiche wurden definiert und mit Stundenzahlen hinterlegt. Fortan musste eine Volkshochschule von der Größe der Einrichtung im Volmetal 4800 Pflichtstunden in den Bereichen berufliche Bildung, Sprachenbildung, politische und kulturelle Bildung sowie sowie Gesundheitsbildung (wenn diese der Prävention dienen) nachweisen. Ein Kunststück war das für die VHS Volmetal nicht. Görnig: „Von den 13 000 Stunden im vergangenen Jahr fallen die allermeisten in den Pflichtbereich, da liegen vielleicht 500 außerhalb.“ Wobei die Leiterin darauf hinweist, dass das Spektrum beim Pflichtprogramm so weit gefasst sei, dass auch VHS-Theaterkurse oder Dia-Vorträge darunterfallen. 

Die Aufgaben der Gegenwart sind auch ohne Probleme in diesen Bereichen anzusiedeln – und haben ihre Ursprünge in den 1990er-Jahren. Damals herrschte Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Viele Menschen befanden sich auf der Flucht und trafen in Deutschland ein – in einem Land, das in keiner Weise auf diesen Zuzug eingerichtet war. Deutschkurse waren stark gefragt – und ab 2003 die Integrationskurse, die aufgrund des damals neuen Integrationsgesetzes eingerichtet wurden. 

Diese Kurse erlebten in den vergangenen drei Jahren einen regelrechten Boom. „Jetzt muss das fortgesetzt werden, beispielsweise mit Kursen wie ,Deutsch für den Beruf’“. Doch natürlich findet auch vieles neben diesem Schwerpunkt statt. „Wir haben das Angebot bei den Fremdsprachenkursen aufgrund der Nachfrage ausgeweitet, genauso unsere Kurse im Bereich der beruflichen Weiterbildung – und ganz stark wird auch der Gesundheitsbereich ausgebaut“, erzählt Görnig und fügt lächelnd an: „Wer früher Makramee machte, macht heute Yoga.“ Das Bewusstsein für die eigene Gesundheit sei gestiegen und drücke sich in der Nachfrage nach entsprechenden Kursen aus, die aber auch Resultat einer geänderten Lebenswirklichkeit der Menschen seien. 

Görnig macht zwei Gruppen von Teilnehmern aus: „Die einen haben einen konkreten Weiterbildungswunsch, die anderen blättern im Programm auf der Suche nach einem Kurs, den sie belegen könnten.“ Willkommen sind ihr beide.  

Die langjährige VHS-Chefin wagt aber auch einen Ausblick. Sie sieht die Digitalisierung als das Thema der Zukunft – nicht nur als Unterrichtsinhalt, sondern auch als didaktisches Mittel: „Auf Landesebene wird an neuen Lernplattformen gearbeitet, die im Internet angesiedelt werden, es gibt Versuche mit virtuellen Klassenzimmern und auch Webinare (Seminarangebote im Internet).“ 

Görnig erwartet aber auch eine kleine Renaissance bei den kreativen Angeboten – als Ausgleich zur voranschreitenden Digitalisierung in allen Bereichen. „Die Menschen möchten wieder etwas selbermachen – auch um Gemeinschaftserlebnisse zu haben.“

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