Die Volme: Begradigt, verrohrt und überbaut

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Großer Andrang: Rund 150 Interessierte nahmen am Montagabend an einer Informationsveranstaltung zur Volme-Renaturierung im Kiersper Rathaus teil. ▪

KIERSPE ▪ In einem Punkt sind sich alle einig: Die Volme ist ein geschundenes Ökosystem. Begradigt, verrohrt, überbaut und mit insgesamt 42 Wehren versehen, ist sie nur noch ein blasses Abbild des Flusses, der sie einst war. So fristen Fische, Amphibien, Pflanzen und Kleinstlebewesen dort ein trostloses Schattendasein.

Immer mehr Hochwasser verursachen hohe Schäden und der Freizeitwert für die Menschen ist auch eingeschränkt.

Da die Volme dieses Schicksal mit den meisten anderen Flüssen teilt, die der Mensch sich durch mehr oder weniger drastische Maßnahmen zunutze machte, sah man auf europäischer Ebene dringenden Handlungsbedarf. Das Ergebnis ist die Europäische Wasserrahmenrichtlinie. Sie muss von den Mitgliedsländern in nationales Recht umgesetzt werden und obliegt in unserer Region dem Märkischen Kreis, insbesondere der Unteren Wasserbehörde. Die hatte daher für Montagabend zu einer Informationsveranstaltung ins Kiersper Rathaus eingeladen, wo anschaulich dargestellt wurde, wie eine Renaturierung der Volme im Bereich Kierspe, Lüdenscheid, Halver und Schalksmühle aussehen könnte. Mitte Januar hatte es auch in Meinerzhagen bereits eine entsprechende Veranstaltung gegeben, die von rund 100 Interessierten besucht wurde.

Dass dieses Thema die Menschen nicht kalt lässt, zeigte sich auch in Kierspe an dem großen Andrang im Saal: Bürgermeister Frank Emde begrüßte rund 150 Interessierte, darunter viele Kommunalpolitiker, Naturschützer und Volme-Anlieger, die die Ausführungen von Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper und Diplom-Biologen Michael Sell vom Planungsbüro Viebahn-Sell aufmerksam verfolgten.

Sell legte unterhaltsam und anschaulich dar, wie der Umsetzungsfahrplan aussieht. Zunächst nutzten die Verantwortlichen die Gunst der Stunde und meldeten ihre Renaturierungsziele als eigenes Projekt für die Regionale 2013 an. Titel: „Ein Kreis packt aus.“

Mittlerweile hat es schon den zweiten Stern erhalten und damit gute Chancen auf eine finanzielle Förderung. In seinem Vortrag lag Sell eines besonders am Herzen: Immer wieder deutlich zu machen, dass man derzeit erst im Stadium der Ideenfindung sei und einzelne Etappenziele ausschließlich im Einvernehmen mit den Anwohnern und anderen Interessengruppen realisierbar sind. Die Grundidee ist folgende: Da eine Renaturierung des Flusses auf ganzer Länge unrealistisch ist, sollen viele kleine Teilstücke mit möglichst geringem Aufwand zu Natur-Oasen umgestaltet werden, in denen die Flussbewohner sich erholen und Kraft tanken können, um sich für den Weg durch die weniger lebensfreundlichen Abschnitte zu wappnen.

„Trittsteinkonzept“ heißt das Modell. Neben diesen erholsamen „Rastplätzen“ soll es auch einige besonders urwüchsige Abschnitte geben, „Strahlursprung“ genannt, die der Natur als Kinderstube dienen und die eine gewisse Strahlkraft auf den ganzen Fluss ausüben. Manches könne mit wenig Aufwand deutliche Verbesserungen bringen, so der Fachmann. Fischtreppen könnten den Tieren ein umschwimmen der Wehre ermöglichen, ins Ufer eingegrabene Bäume, die in den Fluss ragen, würden Strömungen und Querströmungen hervorrufen. Dadurch könnte der Fluss selber wieder Kies ablagern, natürliche Prozesse würden in Gang gesetzt. Sell dokumentierte zahlreiche Beispiele für praktikable Maßnahmen. Jetzt hoffen die Verantwortlichen auf einen möglichst regen Gedankenaustausch mit den Bürgern und insbesondere den Volme-Anliegern.

In akribischer Kleinarbeit habe man nahezu alle Grundstücksbesitzer ermittelt und angeschrieben, erklärte Dienstel-Kümper. Interessierte können sich in wenigen Tagen ausführlich auf der Internetseite http://www.maerkischer-kreis.de über das gesamte Projekt informieren und mit den Mitarbeitern der Unteren Wasserbehörde Kontakt aufnehmen. Ideen, Kritik und Anregungen werden dringend erbeten – vor allem aber sollten Anlieger über eine Verpachtung ihres Flusslands über einen Zeitraum von 30 Jahren nachdenken. „Die gesamte Pacht würde bereits im ersten Jahr gezahlt“, erklärte die Kreisdirektorin.

Zudem könnten Betriebe durch Renaturierungs-Maßnahmen Ökopunkte sammeln, die ihnen bei einer betrieblichen Erweiterung erhebliche Vorteile bringen würden. Nach dem Vortrag schloss sich eine rege Diskussion an. Neben Sorgen, Ideen und Kritik, brachten viele Anwesende ihr Lob für die Informationsveranstaltung zum Ausdruck.

„Schön dass die Bürger so früh und umfassend informiert werden“, lobte ein Besucher. ▪ ps

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