Wenn der Sinn des Textes für immer verborgen bleibt

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Dr. Aysegül Altun möchte mehr Analphabeten erreichen, um ihnen in einem speziellen Kursus, der seit Jahren bei der VHS läuft, Hilfe anzubieten. ▪

KIERSPE ▪ Sie können keine Zeitung lesen, keine Einkaufszettel schreiben und auch keine Straßenschilder entziffern. Rund sieben Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben. Damit gehören sie zu den rund 800 Millionen Analphabeten, die es weltweit gibt.

„Die Analphabeten, die gar nicht lesen oder schreiben können und mit drei Kreuzen unterschreiben müssen, sind glücklicherweise selten, wobei es auch von ihnen in Deutschland rund zwei Millionen gibt. Bei unserem Kurs, der bereits seit Jahren läuft, kommen dieses aber glücklicherweise selten vor“, erklärt Dr. Aysegül Altun, die bei der Volkshoschule Volmetal für die Deutschkurse verantwortlich zeichnet. Aber auch bei den sogenannten funktionalen Analphabeten, die zwar geringe Kenntnisse im Lesen und Schreiben haben, sind die Auswirkungen gravierend, da sie nicht in der Lage sind, den Sinn von Texten zu erfassen. Betroffen sind davon rund 13 Prozent der 18- bis 29-Jährigen, 15 Prozent der 30- bis 39-Jährigen und 16 Prozent der Deutschen, die älter als 50 Jahre sind. Von den rund sieben Millionen Menschen in Deutschland, die der Gruppe der Analphabeten zugeordnet werden müssen, sind 4,4 Millionen Deutsche, denen als Erstsprache (Muttersprache) Deutsch zugeordnet wird. Doch auch für die verbleibenden 2,6 Millionen Menschen mit „Migrationshintergrund“ kann das mangelnde Verständnis für die Schrift gravierende Folgen haben. So urteilte der Verwaltungsgerichtshof in Baden-Württemberg, dass Analphabetismus ein Grund sei, Ausländern die deutsche Staatsbürgerschaft zu verweigern.

Um nicht dauerhaft als „Menschen zweiter Klasse“ ihr Leben meistern zu müssen, gibt es nur den Ausweg, auch als Erwachsener noch einmal die Schulbank zu drücken, zum Beispiel in dem Kursus „Lesen und Schreiben lernen“, den die Volkshochschule auch in diesem Jahr wieder mittwochs ab dem 19. September in der Gesamtschule anbietet.

Altun: „Dieses Angebot gibt es bereits seit Jahrzehnten bei der VHS. Und häufig buchen die gleichen Betroffenen den Kursus mehrfach. Zwischen fünf und zehn Teilnehmern schwankt die Zahl von Kursus zu Kursus. Die geringe Zahl hat natürlich den Vorteil, dass sich die Referentin jedem Einzelnen intensiv widmen kann. „Doch hätten wir mehr Menschen, die diesen Kursus buchen, dann könnten und würden wir das Angebot gerne intensivieren.“ Wobei die VHS-Mitarbeiterin auch weiß, dass das Angebot der heimischen Einrichtung nie an die großangelegten Kampagnen der Großstädte und Ballungszentren heranreichen kann.

Meist sind es nicht die Betroffenen selbst, die sich an die VHS wenden, sondern Ehepartner, Verwandte, Arbeitskollegen oder Freunde. „Denen sichern wir natürlich Anonymität zu“, so Altun, die auch die Literatur kennt, mit der das Erlernte vertieft werden kann. „Es gibt durchaus gute Bücher und auch eine spezielle, leicht zu verstehende Zeitung für deutsche Muttersprachler, damit lässt sich dann leichter Anschluss an die Menschen finden, die schreiben und lesen können“, so die VHS-Mitarbeiterin.

Natürlich können sich die Betroffenen auch an eine bundesweit einheitliche Telefonnummer wenden, wo eine erste Hilfe zu erhalten ist. Zu erreichen ist die Hotline unter der Rufnummer 08 00 53 33 44 55.

Die Integrationsbeauftragte weist in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf die Kurse für die Menschen hin, für die Deutsch eine Fremdsprache ist. Diese Angebote starten ebenfalls Mitte des kommenden Monats wieder. Weitere Informationen zu den Sprach- und Alphabetisierungskursen erteilt Dr. Aysegül Altun unter der Rufnummer (0 23 59) 2 99 97 87, per Mail ist sie unter altun@vhs-volmetal zu erreichen. ▪ Johannes Becker

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