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Vizeweltmeister bearbeitet Eschen mit Kettensägen

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Von: Johannes Becker

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Mit wenigen Strichen skizziert Ricardo Villacis die Bäume. Nach dem Stift greift er dann zur Säge.
Mit wenigen Strichen skizziert Ricardo Villacis die Bäume. Nach dem Stift greift er dann zur Säge. © Becker, Johannes

Derzeit ist Ricardo Villacis selten zu sehen – aber dafür um so deutlicher zu hören. Besser gesagt, seine Kettensägen sind zu hören – und diese bedient der Bildhauer mit einer Leichtigkeit wie andere einen Stift auf Papier. Rund zwei Wochen wird es dauern, bis Villacis mit seiner Arbeit fertig ist – und den Kierspern einen neuen Blick auf ihre Heimatstadt schenkt.

Kierspe - Wenn man den Künstler auf dem Gerüst sieht, die Geschwindigkeit, mit der er auf den Stämmen, die er zuvor von der Rinde befreit hat, Figuren, Gebäude und Wappen skizziert, die er später mit einer seiner 25 Kettensägen aus dem Holz herausarbeiten wird, glaubt man sofort, dass er in diesem Jahr bei den Weltmeisterschaften der Kettensägenkünstler Vizeweltmeister wurde.

In Ecuador geboren und aufgewachsen lebt Villacis seit rund 25 Jahren in Süddeutschland – derzeit in Weitnau, nicht weit vom Bodensee entfernt. Doch sein Arbeitsplatz ist die ganze Welt, vor allem, seit er sich vor rund 15 Jahren dazu entschlossen hat, von seiner Kettensägenkunst zu leben. „Ich habe schon in Japan gearbeitet, den USA und Europa – in Lateinamerika veranstalte ich Symposien zur Kettensägenkunst und in Deutschland unterrichte ich auch“, erzählt er.

Kristina Schmitz und Gerd Reppel (rechts) freuen sich, den Kettensägenkünstler Ricardo Villacis für das Projekt gewonnen zu haben.
Kristina Schmitz und Gerd Reppel (rechts) freuen sich, den Kettensägenkünstler Ricardo Villacis für das Projekt gewonnen zu haben. © Becker, Johannes

Gesponsert wird Villacis von einem schwedischen Kettensägenhersteller, der auch die Spezialsägen anfertigt, mit denen der Künstler arbeitet. Manche laufen spitz zu, andere haben eine gerade einmal 1,4 Millimeter starke Kette. Alles ist abgestimmt auf die Bildhauerei mit Holz. Das verwendete Öl und der Treibstoff sind biologisch abbaubar. Nur gegen den Lärm kann auch moderne Technik nicht viel anrichten.

Ursprünglich arbeitete Villacis als Holzschnitzer, bis er vor 20 Jahren bei einem Aussteller die Kettensägenkunst entdeckte. „Ich war begeistert. Mit den Sägen ist es möglich, viel größere Werke zu schaffen. Auch erweiterten sie die Bildhauerei. Wurde früher im Außenbereich vor allem mit Stein und Bronze gearbeitet, kann nun auch Holz verwendet werden.“ Was da möglich ist, kann man gerade in Kierspe sehen. Rund sieben Meter hoch sind die Stämme der beiden Eschen, die Villacis bearbeitet. An anderer Stelle hat er auch schon mal in zehn Meter Höhe gearbeitet.

Beauftragt wurde der Künstler vom Stadtmarketingverein. Dieser hatte nach dem Fällen der beiden Eschen mit der Firma Gallo, auf deren Grundstück die Bäume im Kreuzungsbereich Friedrich-Ebert-Straße/Fritz-Linde Straße stehen, Kontakt aufgenommen und sie dafür gewinnen können, dass die beiden Stämme „verziert“ werden.

Kierspe Motive sollen die Stämme schmücken. „Das sind Gebäude, Wappen und anderes, was mit Kierspe in Verbindung steht“, erklärt Gerd Reppel vom Stadtmarketing. Ganz oben jedenfalls soll der Rabe sitzen und in die Ferne schauen.

Doch bevor die Kettensäge das erste Mal angeworfen werden konnte, lag viel Arbeit vor dem Kiersper Verein. Einfach war es noch, die anderen Mitglieder von dem Projekt zu überzeugen. Doch dann musste auch die Finanzierung gesichert werden. „Möglich wurde die Umsetzung letztlich durch die Zusage von Fördermitteln, die aus dem Leader-Programm kommen“, erklärt Stadtmarketing-Geschäftsführerin Kristina Schmitz. Danach musste ein Künstler gefunden werden, der die noch unkonkreten Pläne des Vereins verfeinerte und die Arbeit ausführte. Letztlich wurden die Kiersper im Internet fündig und kontaktierten Villacis.

Gemeinsam wurde dann an der Umsetzung gearbeitet. Skizzen wurden ausgetauscht und der Künstler aus Süddeutschland beschäftigte sich im Netz intensiv mit der Volmestadt. „Das ist einfach toll. Durch meine Arbeit lerne ich so viel Neues über Deutschland und beschäftigte mich mit Themen, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass es sie gab“, erzählt der Künstler. Als Beispiel nennt er den Heimatdichter Fritz Linde, der – beim Dengeln der Sense – in einem der Stämme seinen Platz finden soll.

Nicht nur wo gehobelt wird fallen Späne, sondern auch dort, wo gesägt wird.
Nicht nur wo gehobelt wird fallen Späne, sondern auch dort, wo gesägt wird. © Becker, Johannes

Letztlich musste noch ein vierstöckiges Gerüst aufgebaut werden, das von allen Seiten einen Zugriff auf die Bäume erlaubt und die vorbeifahrenden Autos aber auch die Fußgänger schützt. Doch dieser Schutz verhindert auch den Blick auf die Bäume und den Künstler. „Das Gerüst hat die Firma Matschulat aufgestellt – und ist uns beim Preis sehr entgegengekommen“, berichtet Reppel.

Doch auch, wenn das Gerüst etwas günstiger war, am Ende werden einige Tausend Euro auf der Rechnung stehen. Vor allem für die Arbeit des Künstlers, der gut zwei Wochen arbeitet – und dabei eine Woche im Hotel „Unter den Linden“ und eine weitere Woche im Hotel „Haus Berkenbaum“ wohnt. Reppel: „Wie viel das alles genau kostet, wissen wir noch nicht. Auch nicht, wie groß der Eigenanteil des Vereins sein wird.“

Doch jetzt ist erst einmal nicht von Kosten die Rede, sondern von der Vorfreude auf das neue Kunstobjekt mitten in Kierspe. „Wenn alles fertig ist, bringen wir noch Tafeln mit einem QR-Code an, damit sich Interessierte über das Werk und den Künstler informieren können“, sagt Reppel.

Der Künstler

Wer bereits jetzt mehr über den Künstler Ricardo Villacis erfahren möchte, wird im Internet fündig. Auf der Seite www.ricardo-villacis.de finden sich viele seiner Arbeiten als Fotos.

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