„Empfänger unbekannt“ gedenkt der Progromnacht

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Martina Schnerr-Bille und Michael Malinowski vervollständigten das Team der Rezitatoren beim Leseabend am Freitag in der Historischen Brennerei. Im Fokus stand bei „Empfänger unbekannt“ die Reichsprogromnacht. ▪

RÖNSAHL ▪ „Empfänger unbekannt“ oder auch „Adress unknown“, so die Überschrift in der Originalfassung der amerikanischen Autorin Katherin Kressman-Taylor, blieb nichts, aber auch gar nichts schuldig. Der am Freitagabend in der Brennerei in Rönsahl und tags darauf auch in der Galerie Langenohl in Meinerzhagen arrangierte Rezitationsabend zu einem Thema, das in unserer Zeit leider immer noch viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird, legte in geradezu schonungsloser Offenheit den Finger in eine Wunde, die auch heutzutage immer noch nicht gänzlich verheilt scheint.

Angesprochen wird in dem fiktiven, möglicherweise jedoch zumindest in Teilen durchaus authentischen Briefwechsel zwischen zwei ursprünglich eng befreundeten Geschäftspartnern, der eine ein amerkanischer Jude, der andere ein angesehener Kaufmann aus Deutschland, das zersetzende Gift des Nationalsozialismus und dessen in menschenverachtender Weise wirkende zerstörerische Kraft.

VHS-Leiterin Marion Görnig und Martina Schnerr-Bille, dabei assistiert von Michael Malinowski, schlüpfen – dezent in schwarz gewandet und damit den entsprechenden Zeitgeist zur Zeit der Handlung zusätzlich unterstreichend – bei ihrer Lesung in die Rolle der beiden Freunde, die sich im Laufe weniger Monate mehr und mehr voneinander entfremden, was letztlich unausbleiblich zum endgültigen Bruch und zu einem Ende voller Dramatik führen muss.

Der eigentlichen Handlung vorangestellt war das Gedenken an den kürzlich verstorbenen Künstler Marek Tomicki aus Halver, dessen Wunsch nach verstärkter Publikation des bis vor wenigen Jahren in Deutschland kaum bekannten Briefdokumentes die VHS Volmetal damit gern aufgriff und in die Tat umsetzte.

In bewegender Eindringlichkeit schildern die wechselseitig zwischen dem in San Franzisko lebenden jüdischem Kaufmann Max Eisenstein und seinem wieder nach Deutschland zurückgekehrten Geschäftspartner Martin Schulze gewechselten Briefe menschliches Schicksal, so wie sich das im Jahr der Machtergreifung Hitlers 1933 und darauf abgespielt und Millionen ins Verderben gestürzt hat. Nach zunächst von hoffnungsvoller Neugier geprägter abwartender Distanz zum Hitler-System wandelt sich Schulzes Weltbild innerhalb weniger Monate in der Weise, dass aus dem ehedem toleranten und weltoffenen Freund ein Mann wird, der mit den Schergen des Nationalsozialismus gemeinsame Sache macht und seinen ehemaligen jüdischen Freund in perfider Weise verachtet.

Das Schicksal will es so, dass der dann irgendwann den Spieß umdreht und von nun an mit provozierenden Briefen seinen ehemaligen Freund in eine so missliche Lage bringt, dass auch der letztlich ein Opfer der Nationalsozialisten wird. Der letzte Brief aus Amerika kommt dann auch ungeöffnet zurück mit dem Vermerk: „Empfänger unbekannt.“

Aufmerksam sowie sichtlich in sich gekehrt folgen die Zuhörer der Handlung beim VHS- Rezitationsabend in der Brennerei, der am Wochenende im Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 stattgefunden hat.

Rainer Crummenerl

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