Verkehrsplanung beschlossen

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Das Baugebiet Östlich Rathaus soll durch den zweiten Teilabschnitt erweitert werden.

KIERSPE - Es gibt mehrere Anträge, die in Richtung neuer Wohnbaugebiete vor Ort zielen: So will die FDP seit diesem Jahr das Baugebiet Östlich Rathaus durch den zweiten Bauabschnitt weiterentwickeln und SPD sowie UWG streben bereits seit 2011 Bautätigkeit in Rönsahl an.

Von Rolf Haase

Dass beide Initiativen grundsätzlich ganz wichtig für Kierspe sind, aber lange noch nicht ausreichen, war sicherlich die entscheidende Erkenntnis für die Mitglieder des Ausschusses für Stadtentwicklung, Planung und Wirtschaftsförderung am Mittwochabend im Rathaus. Hans-Joachim Hamerla vom Düsseldorfer Planungsbüro Architektur, Stadtplanung und Stadtentwicklung hatte zuvor die Grundüberlegungen für ein Stadtentwicklungskonzept dargelegt.

Auf der Tagesordnung stand als Thema die künftige Wohnbauentwicklung in derStadt und in dem Zusammenhang die Ermächtigung der Verwaltung zur Vergabe eines Verkehrsgutachtens für den zweiten Teil des Baugebietes Östlich Rathaus. Behandelt wurde zudem der Antrag der Grünen und der Freien Wähler zur Erstellung eines Baulücken- und Leerstandskatasters.

Dazu wies der städtische Planer Rainer Schürmann darauf hin, dass das Baulückenkataster von 1991 in den vergangenen Monaten aufgearbeitet worden sei: „Von den damals registrieren 226 klassischen Baulücken sind inzwischen 160 bebaut, 66 sind in dem Siedlungsraum noch vorhanden.“ Schon damals habe sich gezeigt, dass die Gründe für die Baulücken entweder fehlendes Verkaufsinteresse sind, eine private Nutzung als Garten oder auch die Aufbewahrung für spätere Generationen. „Die Mobilisierung solcher Flächen unterliegt weitestgehend dem Markt“, so der Stadtmitarbeiter. Was genauso für Leerstände innerhalb des Wohnungsbestandes gelte, die der Kommune zudem nicht angezeigt würden, so dass sie auch nicht bekannt seien. Außerdem gebe es Bereiche im Stadtgebiet, die als Bauerwartungsland gelten wie Trimpenstück, Östlich Rathaus oder auch am Büscherweg oberhalb des Friedhofs, für die aber noch kein Baurecht existiere.

In einer Aktualisierung des Regionale-Planungskonzeptes, das ausdrücklich den Neubedarf an Wohnsiedlungsraum in Kierspe nachgewiesen hat, stellte anschließend Hans-Joachim Hamerla in der Sitzung die neuesten Zahlen vor: Er legte die Einwohnerstatistik der Kommune, die einschließlich Haupt- und Nebenwohnsitze für 2012 17 055 Einwohner ausweist, zugrunde, nannte jedoch auch das Zensus-Ergebnis von 16 139 Einwohnern, wobei das aber nur die Hauptwohnsitze beinhalte. Gegenüber 2008 bedeute das einen Verlust von 629 Einwohnern oder 4,9 Prozent beziehungsweise 1466 Einwohnern oder 8,3 Prozent. Die Ursachen für den Rückgang als Folge des demografischen Wandels sah Hamerla dabei unterschiedlich: „Die Bevölkerung wird nicht nur älter, sondern es bleiben weniger junge Menschen in Kierspe und es ziehen weniger hierhin.“ Die Fort- und Zuzüge ließen sich ganz klar durch entsprechende Aktivitäten beeinflussen. „Doch gegenwärtig steuern sie die Wohnungsmarktentwicklung gar nicht, könnten es aber“, die Kritik des Experten war deutlich und bestätigte die derzeitigen Initiativen aus der Politik für neue Wohnbaugebiete. Seine Aussagen belegte er mit Zahlen, so ist die Bilanz bei den Zu- und Fortzügen seit Jahren stark negativ, während das Verhältnis von Geburten und Sterbefällen annähernd gleich geblieben ist. Die Prognosen für Kierspe bis zum Jahr 2020 schwanken zwischen 15 805 und 16 831 Einwohnern.

Das Düsseldorfer Planungsbüro hat auf der Grundlage einen Eigenbedarf von 433 Wohneinheiten berechnet. „Wenn Sie die nicht schaffen, zwingen sie weitere Menschen aus Kierspe wegzuziehen“, erklärte Hamerla am Mittwochabend schonungslos. Eine aktive Wohnungsmarktentwicklung, wie sie erforderlich wäre, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken, würde die Schaffung dieser Anzahl Wohnungen allerdings auch noch nicht bedeuten. Selbst bei Umsetzung aller Wohnbaupotenziale vor Ort wie Baulücken, rechtswirksame wie auch in Aufstellung befindliche Bebauungspläne sowie weiteren Flächen laut Flächennutzungsplan zeigt sich, dass ohnehin zudem nur 375 Wohneinheiten zusammenkämen.

„Kierspe droht eine gravierende Abnahme der Bevölkerung, weil Sie nicht gegensteuern. Und das ist negativ für alle Lebensgrundlagen, nicht zuletzt die städtischen Finanzen“, ließ der Fachmann keinen Zweifel. Hamerla empfahl dringend, den Eigenbedarf bis 2020 zu befriedigen und darüber hinaus eine behutsame, zielorientierte aktive Wohnungsmarktentwicklung zu betreiben. Als Zielobjekte nannte er konkret Familien mit Kindern sowie Mehrgenerationenhäuser.

Hermann Reyher (Grüne) zweifelte die gutachterlichen Einschätzungen an und bemühte zur Begründung Laienmeinungen wie, dass junge Familien gerne auch gebrauchte Immobilien erwerben würden und andernorts Baugebiete nur schwer zu füllen seien. Außerdem regte er an, dass auf die Eigentümer von Baulückengrundstücken von der Kommune Einfluss genommen werden könne.

Zur Erweiterung des Baugebietes Östlich Rathaus kamen von Erich Mürmann (SPD) und Marl Fricke (CDU) vehemente Bedenken wegen der verkehrlichen Erschließung: So werde der Lausebergaufstieg vermutlich für absehbare Zeit nicht gebaut und die Straßen Haunerbusch und Im Hofe könnten kein weiteres Auto Mehrbelastung aushalten. Zudem habe es beim ersten Bauabschnitt geheißen, dass der nächste erst komme, wenn die verkehrliche Erschließung gesichert sei. Auch Martin Schlüchting (Freie Wähler) unterstrich, dass es dazu keine Alternative gebe. Ansonsten aber freute er sich darüber, dass endlich die lange Forderung seiner Gruppierung nach einem Stadtentwicklungskonzept angegangen worden sei.

Dieter Grafe (UWG) stellte fest, dass es sich um ein sehr attraktives Baugebiet handele und dem Bevölkerungsrückgang entgegengetreten werden müsse. Armin Jung (FDP) erwähnte, dass es hier um rund 30 weitere Wohneinheiten gehe und verwies nochmals darauf, dass die Stadt mit ihrer Grundstücks- und Gewerbeentwicklungsgesellschaft Eigentümer der Flächen sei. Jürgen Tofote (CDU) plädierte für intelligente Lösungen bei der verkehrlichen Erschießung. Mit 9 zu 7 Stimmen sowie zwei Enthaltungen wurde die Verwaltung beauftragt, das Verkehrsgutachten erstellen zu lassen.

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