Verfahren wegen schwerer Körperverletzung eingestellt

Kierspe - Angeklagt war eine schwere Körperverletzung, deren Hergang sich in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft las, als habe man ein Drehbuch für die Action-Serie eines Privatsenders vor sich.

Nach der Beweisaufnahme blieb davon aber nicht viel übrig. Höchstens der Eindruck, als ob drei junge und reichlich alkoholisierte Männer etwas voreilig die Polizei gerufen hätten.

Nach einer Feier in Lüdenscheid im August des vergangenen Jahres hatte sich eine Gruppe junger Kiersper von dem Lüdenscheider Fahrer eines Großraumtaxis in ihre Heimatstadt fahren lassen. Nach einem ersten Stopp in der Volmestadt blieben noch drei Brüder in dem Wagen, um sich zu ihrem Elternhaus in einem Außenbezirk fahren zu lassen.

Was dann geschah, darüber gingen die Darstellungen der Staatsanwaltschaft, des Angeklagten und des Zeugen im Meinerzhagener Amtsgericht auseinander. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrer Klageschrift formuliert, dass es beim Aussteigen der Brüder zu einem Streit über den zerstörten Adapter-Stecker eines Ladegerätes gekommen sei. Im Verlaufe dieser Auseinandersetzung habe der Fahrer plötzlich Gas gegeben – und das, als ein Mitfahrer noch nicht ganz aus dem Wagen ausgestiegen sei. Dadurch sei dieser rund 80 Meter mitgeschleift worden und schließlich unsanft auf einer Wiese gelandet.

Der 43-jährige und bis jetzt strafrechtlich völlig unauffällige Fahrer schilderte die Situation anders. Er habe sich nach einem kurzen Streit mit seinen Fahrgästen geeinigt. Einer der „Jungs“ habe ihm 20 Euro für den defekten Stecker gegeben und im Gegenzug sogar eine Visitenkarte des Fahrers bekommen. Als der Fahrer seine Geldbörse in der geöffneten Fahrertür deponieren wollte, sei einer der Brüder plötzlich zwischen Tür und Fahrzeug aufgetaucht. „Ich war alleine unterwegs und bekam Angst. Da habe ich Gas gegeben“, erinnert sich der Fahrer. Daraufhin habe sich der junge Mann an der B-Säule des Fahrzeuges festgehalten, sei ein Stück mitgelaufen, anschließend auch ein paar Meter mitgeschleift worden. Dann habe er losgelassen und sei auf einer Wiese liegengeblieben. „Ich habe dann angehalten und den Mann, der wieder aufgestanden war, gefragt: Was machst Du denn da für einen Mist? Anschließend bin ich gefahren“, so der Angeklagte.

Der betroffene Fahrgast hat wiederum eine andere Erinnerung an den Vorfall. Er habe sich durch die Tür hinter dem Fahrersitz in das Fahrzeug gebeugt, um sich den zerstörten Stecker anzuschauen, dann habe er dem Fahrer einen Geldschein für den entstandenen Schaden nach vorne geworfen. Als dieser daraufhin plötzlich startete, habe er sich an der B-Säule festgehalten. Danach decken sich die Aussagen wieder. Und der junge Mann räumte auf Nachfragen des Richters ein, dass das Festhalten wohl die falsche Reaktion gewesen sei, zu der es wohl auch aufgrund des vorherigen Alkoholgenusses gekommen sei. Die Schürfwunde, die er sich am Rücken zugezogen habe, bezeichnete der Zeuge als so geringfügig, das er sich nicht einmal einer Behandlung habe unterziehen müssen.

Überhaupt schien dem Zeugen die Erinnerung an die Geschehnisse in jener Nacht eher unangenehm zu sein. Nicht einmal die Schäden an seiner Jacke hatte er dem Taxifahrer in Rechnung gestellt.

Schließlich wurde das Verfahren eingestellt, wobei der Taxifahrer die Kosten, die durch den eigenen Anwalt entstanden sind, selbst tragen muss.

Johannes Becker

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