Vergessene Silvesterbräuche: Glockengeläut und Schüsse

+
Bei besonderen Gelegenheiten – wie hier auf dem vor wenigen Wochen stattgefundenen Rönsahler Weihnachtsmarkt – kommt sie wieder zum Einsatz, die lange in Vergessenheit geratene „Zangenpann“, die vor Zeiten an Silvester und Neujahr in „wohlhabenden Häusern“ hoch im Kurs stand und so manchen leckeren „Eiserkauken“ lieferte.

Kierspe - Immer wieder ist es schön, wenn aus Rönsahls alten Tagen erzählt wird. Von alten Bräuchen, wie sie vor langer Zeit in Rönsahl in der Nacht von Silvester auf Neujahr gepflegt wurden, soll nachfolgend die Rede sein.

Von Rainer Crummenerl

So weiß man zu berichten, dass Rönsahl bis etwa nach dem Kriege von 1870 seinen eigenen Nachtwächter hatte. Das Leben und Treiben der Dorfbewohner in der Neujahrsnacht war erfüllt von altem Brauchtum, das sich teilweise noch lange Zeit erhalten hat. Dem Wächter des Dorfes jedenfalls verhalf diese Nacht zu einer besonderen Würde.

Dann nämlich musste er einmal nicht auf Ruhe und Ordnung achten, weil die Bürger einfach über seinen Kopf hinweg bestimmten. In dieser Nacht war der Nachtwächter die Hauptperson, dem von den Mitbürgern manches Trinkgeld zugesteckt wurde und der dann auch manches Glas auf den Gesundheit anderer leerte. Horn und Spieß, die romantischen Wahrzeichen des Nachwächters, lehnten in einer Ecke irgendeiner der zu damaliger Zeit im Dorf noch zahlreich vorhandenen Wirtschaften, während der Nachtwächter unverdrossen seinem Hobby, dem Kartenspiel, frönte.

Um Mitternacht erklingt das Neujahrslied

In allen Wirtschaften wurde damals um die beliebten Neujahrsplätze gekartet, nicht etwa um einen oder zwei, sondern gleich um Dutzende. Da kam es dann oft vor, dass ein treusorgender Hausvater schwer geladen und schwer beladen mit vier oder fünf Neujahrsplätzen nach Hause wankte. Selbst die „bessere Hälfte“, so sagt das alte Vertelleken, schwieg in dieser Nacht, und die Kinder aßen am anderen Tage vergnügt den vom Vater sauer verdienten Kuchen.

Pünktlich mit dem Glockenschlag um Mitternacht erklang das alte Neujahrslied „Das alte Jahr vergangen ist...“. Böller krachten, Jubel erhob sich in den Häusern und auf den Straßen. In den Häusern waren die Familienmitglieder versammelt.

Dort hatten die jungen Burschen und Mädchen das Vorrecht. In der elften Stunde wurde viel Blei gegossen, denn mit Bestimmtheit konnte „sie“ aus der Form des im Wasser erstarrten Bleis erkennen, wer ihr Zukünftiger war und welche Beschäftigung er ausübte. Der Fantasie stand nichts im Wege, und glaubwürdig wird versichert, dass die Voraussagen dieser Nacht danach auch prompt eingetroffen sind.

Eierkuchen aus der Zangenpann

Zu den Silvester- und Neujahrsbräuchen gehörten auch die vielen Hafermehlwaffeln und Eierkuchen, die in der „Zangenpann“ gebacken wurden. Von diesen Waffeln und Eierkuchen wurden schon vor Weihnachten eine Menge gebacken, aber in den frühen Nachmittagsstunden der Neujahrsnacht wurden noch einmal die alten Waffeleisen, auf denen verzeichnet stand, wie viel Mehl Butter und Eier man zu nehmen habe, und die alten Zangenpannen in Tätigkeit gesetzt. Die Frauen backten am Herd die Waffeln, die Männer über dem offenen Buchenholzfeuer die Eierkuchen.

Diese Backkunst mit dem schweren Eisen konnte nämlich nur von Männern ausgeübt werden. Danach häuften sich die Stollen am offenen Fenster (es gab noch keine Kühlschränke) zum Abkühlen. Und oftmals, so erzählen es die Alten, bekamen sie dabei „Beine“ – die Neujahrsjungen hatten sie verschwinden lassen.

Küster schlägt Glocken bis zum Morgen

Das neue Jahr wurde mit Glockengeläut und durch Schießen mit Gewehren angekündigt. Der Küster hatte einst an allen hohen Feiertagen das „Beiern“ der Glocken bis zum Beginn des Gottesdienstes morgens um 10 Uhr zu besorgen. Dieser Brauch endete im Kriege 1914/18.

Hatte der Küster gut „gebeiert“ (die Glocken wurden per Hand angeschlagen), dann bekam er zum Neujahrstag auch ein reichliches Opfer auf den Altar.

Der Rönsahler Nachtwächter, und den gab‘s wirklich, war ursprünglich mit einer Hellebarde bewaffnet und musste zunächst die Stunde ansagen.

Später bekam er von der Familie Cramer ein Jagdhorn geschenkt zum Blasen der Zeitansage. Diese Überlieferung stammt übrigens vom alten Rönsahler Dorfschuster Fritz Asbeck, auf den auch das eine oder andere „Vertelleken“ aus Rönsahls alter Zeit zurückgeht, wovon vielleicht bei anderer Gelegenheit einmal die Rede sein soll.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare