Helmut Belka erinnert sich an seine Schreinerlehre in Schlesien

Der Ausbildungsvertrag aus dem Jahr 1941, den Helmut Belka hier präsentiert, regelte alles und gibt Aufschluss über die vielfältigen Pflichten des Lehrlings. ▪

KIERSPE ▪ Während Auszubildende heute eine bestimmte finanzielle Vergütung pro Monat erhielten, hätten sie zu seiner Zeit stattdessen umgekehrt sogar ein Lehrgeld an das Unternehmen zahlen müssen, erinnert sich Helmut Belka an die Jahre, als er in Schlesien seine Schreinerausbildung absolvierte. Wie man so schön sagt, galt da in besonderem Maße der Satz „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, das zeigt sich an seinen Schilderungen.

„Richtig großmütig erklärte mir mein Meister nach der bestandenen Gesellenprüfung, als normalerweise noch eine Geldzahlung ausstand, dass er mir diese schenke“, denkt der Kiersper zurück an das Jahr 1944.

Die Arbeitswelt hat sich im Vergleich zu früher stark verändert, sie scheint sich sogar immer rasanter zu verändern. Viele Berufe, die es früher gab, existieren heute nicht mehr, weil die fortschreitende Entwicklung der Technik sie wegrationalisiert hat. Zugenommen hat in vielen Berufen der Stress, wie viele Arbeitnehmer klagen. Demgegenüber hat sich die soziale Absicherung und die Entlohnung jedoch verbessert, wie auch das Beispiel des 1927 in Giessmannsdorf zwischen Görlitz und Breslau geborenen Helmut Belka zeigt. Nachdem die MZ anlässlich des Tages der Arbeit nach den Erfahrungen der Leser in ihrem Arbeitsleben gefragt hat, hat sich jetzt der Kiersper gemeldet und kam mit seinem Lehrlingsvertrag, seinem Prüfungszeugnis sowie einigen alten Fotos und erinnerte sich an den Beginn seines Arbeitslebens mitten im Zweiten Weltkrieg, der natürlich seine Lehre prägte.

„Eigentlich hatte ich gerne Schlosser lernen wollen, doch gab es in der Gegend mit sehr wenig Industrie keine Stellen“, denkt er zurück. Sein Heimatort, der entlang von zwei Straßen auf beiden Seiten eines Baches lag, hatte die beträchtliche Länge von neuneinhalb Kilometern. Seinen Lehrbetrieb fand er 1941 aber im 20 Kilometer entfernten Siegersdorf. „Mein Meister stellte schon etwas dar, denn er war Beisitzer in der Handwerkskammer und Ortsgruppenleiter der NSDAP“, berichtet Belka. Es war damals üblich, dass die Lehrlinge beim Chef in Kost und Logis waren. Neben Belka hatte der Schreiner noch drei weitere, die alle zusammen in einem winzigen Zimmer schlafen mussten, in dem gerade mal Platz war für die schmalen Betten und einen Koffer, aus dem die Jungen lebten. „Ich hatte meine Sachen in einem Reisekorb“, schmunzelt der Kiersper, der am Wochenende immer nach Hause fuhr. Das war kein großes Problem, denn zwischen den Orten verkehrte die Eisenbahn. Während der Woche aber waren die Auszubildenden komplett der Familie des Meisters ausgeliefert und ebenfalls miteinander mussten sie klarkommen.

Um 6.30 Uhr wurden die Lehrlinge geweckt. Nach dem Anziehen kamen zum Frühstück Mehlsuppe oder Bratkartoffeln auf den Tisch. „Es gab in der Zeit ja nicht viel.“ Für über den Tag hatten sich die Jungen etwas von Zuhause mitgebracht wie Brot, Wurstaufschnitt, Butter und Milch. „Wir hatten Kaninchen und auch Ziegen, so war an Milch kein Mangel“, erklärt Helmut Belka.

Aus dem vierseitigen Lehrvertrag gehen die umfangreichen Pflichten des Auszubildenden hervor: Sollte er beispielsweise länger als vier Wochen krank sein, musste er diese Zeit im Anschluss an die reguläre Lehrzeit nachlernen. Die Krankenkassenbeiträge musste der Lehrmeister nur zu einem Drittel zahlen und den Rest die Eltern von Belka, bei der Arbeitslosenversicherung war es jeweils die Hälfte.

Anhalten zu

guten Sitten

Der Lehrmeister sollte den Jungen nicht nur fachlich in allen im Betrieb anfallenden Arbeiten anleiten, sondern ihn auch „zur Arbeitssamkeit und zu guten Sitten anhalten“, ist weiter zu lesen. Der Lehrling sollte sich „der väterlichen Zucht des Lehrmeisters unterwerfen“ und alle ihm anvertrauten Arbeiten mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit ausführen. Hintergehen des Meisters, Diebstahl, „liederlicher Lebenswandel“, unbefugtes Verlassen der Lehre, „unvorsichtiges Umgehen mit Feuer und Licht, vorsätzliche Sachbeschädigung, Verleitung von Familienangehörigen des Meisters zu ungesetzlichen und unsittlichen Handlungen, „abschreckende Krankheit“ oder Vernachlässigung des Berufsschulbesuchs, all das konnte ohne Ankündigung zur Entlassung führen.

Bloß mündlich vereinbart wurde das Lehrgeld, „sonst hätte es keine Anstellung gegeben“, wie Belka unbeschönigend feststellt: 100 Mark im ersten Jahr, 150 im zweiten und 200 im dritten. Diese Beträge als Entschädigung konnte der Lehrmeister zudem geltend machen, das auch wieder laut Vertrag, wenn der Lehrling die Lehre abbricht oder sich etwas zu Schulden kommen lässt.

Langer Arbeitstag

von zehn Stunden

Sein Arbeitstag war mit zehn Stunden ziemlich lang. Trotzdem war es aus Helmut Belkas Sicht keine schlechte Zeit, er verbindet daran auch viele positive Erinnerungen. „Es war halt so“, fand er sich mit den Gegebenheiten ab. Im Betrieb wurden Fenster gebaut, auch mal Schränke und anderes Mobiliar und ab und zu Särge, die immer gleich in großer Stückzahl entstanden. „So viele auf Vorrat, wie Platz zum Lagern existierte.“ Der Schreiner sei zugleich immer Bestatter gewesen. Auch die Jungen mussten beim Abholen der Leichen und beim Aufbahren helfen, was für sie nicht immer angenehm war.

Natürlich sei der Bedarf an neuen Sachen in der Bevölkerung zu der Zeit gering gewesen, trotzdem sei es immer wieder vorgekommen. Zwar hätten die Kunden die Arbeit dann regulär bezahlt, aber es habe nebenher meist noch zusätzliche Vereinbarungen gegeben, „von denen wir Lehrlinge offiziell aber nichts wissen durften.“ Geld sei überall knapp gewesen. So hatte ein Bauer das Holz für ein in Auftrag gegebenes Möbelstück selbst geliefert.

Nach der Gesellenprüfung dauerte es ein paar Monate, bis Helmut Belka im Alter von siebzehneinhalb Jahren zur Wehrmacht einberufen wurde. Lange dauerte der Krieg dann nicht mehr, doch kam er in Kriegsgefangenschaft. Zunächst in der Nähe von Brüssel, dann in Zolder, wo er zweieinhalb Jahre war. Um im Winter nicht frieren zu müssen, meldete er sich freiwillig zur Arbeit in einer dortigen Kohlengrube. Was das bedeutete, merkte er erst später bei der Tätigkeit unter Tage im Bergwerk.

Über verwandtschaftliche Kontakte an die Nahe, die einzige Adresse, die alle hatten, fand die Familie nach dem Krieg in Kierspe wieder zusammen. Auch die Mutter, die aus Schlesien zu Fuß mit einem Handkarren geflohen war, und der Vater, der als 59-Jähriger nach dem Ersten auch im Zweiten Weltkrieg nochmals als Soldat verpflichtet worden und genauso in belgische Gefangenschaft geraten war. Die älteste Schwester und der älteste Bruder der insgesamt sechs Kinder hatten im Krieg ihr Leben verloren.

Direkt im Jahr 1947, als Helmut Belka aus der Gefangenschaft entlassen wurde und als Flüchtling aus Schlesien nach Kierspe kam, fand er eine Anstellung in der Schreinerei Bisterfeld. Seinen Lohn, 55 Pfennig in der Stunde, weiß er noch. Zwei Jahre später wechselte er den Betrieb und ging zu Hans Heinrich Plate und 1953 dann nach Halver in die Schreinerei Wellenbeck, wo er 37 Jahre lang bis zum Erreichen des Rentenalters blieb. ▪ rh

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare