Hilfe zwischen Herz und Ökonomie

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Nach dem Ausfüllen des Pflegeberichtes bleibt noch Zeit für ein paar Sätze mit dem Patienten. Doch immer hat dabei die Krankenschwester Anne Kemper die Uhr im Kopf, da der nächste Patient schon wartet. ▪

KIERSPE ▪ In der Welt der Pflegeversicherung geht es nicht um Zuwendung, Herzenswärme und Verständnis, sondern um Minuten, Leistungskataloge und lückenlose Dokumentationen. In der Welt des Patienten geht es um die Wünsche nach Versorgung, Hilfsbereitschaft, einer helfenden Hand und einem offenen Ohr.

In diesem Spannungsfeld zwischen Herz und Ökononomie müssen sich die Mitarbeiter des Pflegedienstes jeden Tag bewegen. Ein Spagat, der zur Selbstausbeutung verführt und doch ein hohes Maß an Zufriedenheit bringen kann.

„Entweder bleiben die Mitarbeiter viele Jahre oder sie sind nach spätestens einem Jahr wieder weg“, so Heike Böseler, Leiterin der Awo-Sozialstation. Eine, die seit Jahren – genauer seit acht Jahren – dabei ist, ist Anne Kemper. Gelernt hat die Kiersperin Krankenschwester. Und viele Jahre war die Ambulanz des Gummersbacher Krankenhauses ihr Arbeitsplatz. Doch drei Kinder und der Wunsch nach einem näher an Kierspe liegenden Dienstort führten zu einem Arbeitsplatzwechsel zur Sozialstation. Gemeinsam mit zehn weiteren Pflegekräften, zwei Verwaltungsangestellten und drei Kolleginnen, die im sozialen Hilfsdienst haushaltsnahe Dienstleistungen erledigen, betreut sie insgesamt 82 Patienten.

Manche dieser Menschen sehen die Pflegedienstmitarbeiter nur einmal die Woche, um beim Duschen zu helfen. Andere werden viermal am Tag besucht, weil sie ihre Tabletten nicht mehr alleine einnehmen können oder eine Insulinspritze benötigen. Manchmal sind die helfenden Hände nur für fünf bis acht Minuten eingeplant, um eben eine Spritze zu geben oder die Tabletten zu verabreichen, bei anderen sind die Helfer dann auch 45 Minuten. Doch auch dann bleibt wenig Zeit, denn neben der „Körperwäsche“ stehen auch ein Toilettengang, die Hilfe beim Anziehen und das richtige Lagern auf dem Einsatzplan. Und jede Minute, die es länger dauert, müssen andere Patienten warten. „Da bleibt wenig Zeit für Tiefgreifendes. Und bei Gesprächen mit Patienten oder Angehörigen gibt es immer einen verstohlenen Blick auf die Uhr“, erklärt Böseler, deren Aufgabe es ist, die Touren ihrer Mitarbeiter so zu planen, dass möglichst wenig Kilometer auf die Tachometer der Dienstwagen kommen, kurze Wege zurückzulegen und die Pflegerinnen pünktlich bei den wartenden Patienten sind. Geprägt sind die Gedanken der Stationsleiterin dabei meist von wirtschaftlichen Überlegungen: „Unsere Kosten sind in den vergangenen zehn Jahren um gut 20 Prozent gestiegen, die Vergütung aber nur um sieben Prozent. Ohne die Hilfe des Fördervereins wäre vieles gar nicht mehr zu finanzieren. Wir haben bereits die Fahrzeugflotte reduziert und Personal abgebaut. Doch jetzt haben wir die Leistungsgrenze erreicht.“

Geprägt durch den Wunsch nach Optimierung legt Böseler die Mitfahrt der Presse mit einer Hospitanz der Bundestagsabgeordneten Petra Crone zusammen. Die SPD-Politikerin ist nicht nur als Mitglied des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit solchen Themen befasst, Crone ist auch Vorsitzende des Fördervereins der Sozialstation. Doch trotz der Nähe zu der Kiersper Einrichtung – mit einer Pflegerin war sie noch nie auf Tour.

Der erste Besuch von Anne Kemper führt zu Fuß in die Nachbarschaft der Station. Dort wartet ein älterer Herr auf die Einnahme seiner Medikamente. Er kann sich kaum verständlich machen, strahlt aber das ganze Gesicht, als die examinierte Krankenschwester mit dem eigenen Schlüssel die kleine Wohnung betritt. Die Tabletten sind schneller genommen als der Pflegebericht, der griffbereit auf dem Tisch liegt, ausgefüllt ist. Noch ein paar aufmunternde Worte, dann geht es weiter. Später sagt Kemper, dass sie ihre Tour gerne mal ein paar Minuten früher startet, um wenigstens ein bisschen mehr Zeit für die ersten Patienten zu haben.

Selbstausbeutung würden das Gewerkschaftsvertreter nennen. Für die Kiersperin ist es einfach Nächstenliebe. Denn Helfen ist für die Krankenschwester Leidenschaft. Nachts liegt oft der Meldeempfänger der „Helfer vor Ort“ auf dem Nachttisch und nach der Tour für die Awo wird sie an diesem Abend noch als Sanitätswache für die Herzsportgruppe in der Sporthalle bereitstehen. „Ich liebe meinen Beruf. Hier kann ich eigenverantwortlich arbeiten. Keiner redet mir rein und bei den Fahrten zu den Patienten kann ich auch ein bisschen abschalten“, erklärt Kemper. Doch auch sie kennt die Schattenseiten nur zu gut: „Egal ob man vor Glatteis kaum gehen kann, ein Sturm Bäume umwirft oder ein Unfall das Befahren der Straße unmöglich macht, die Patienten warten.“ Und die Angst fährt auch immer ein bisschen mit: „Wenn ich dem Patienten eine Insulinspritze gegeben habe, ist es lebenswichtig, dass er danach auch etwas isst. Doch dann bin ich schon lange wieder weg. Da kann man nur hoffen, dass der Betroffene am nächsten Tag nicht im Koma liegt.“ Wenn noch Angehörige da seien, würde sich die Situation entspannen.

Doch manchmal hilft das auch nur bedingt. Denn als Anne Kemper vor dem Haus ihrer nächsten Patientin anhält, atmet sie auf dem Hof noch einmal tief durch. Nach dem Öffnen der Haustür wird klar, warum. Bereits auf dem Flur mischen sich die Gerüche von urinverschmutzer Wäsche mit Tabakrauch. Und obwohl die zu pflegende Dame regelmäßig Besuch von ihrem Sohn bekommt, ist die Wohnung komplett verdreckt, in der Küche stapelt sich das Geschirr, die Spinnweben an den Fenstern zeugen davon, dass diese lange nicht mehr geöffnet wurden. Im Aschenbecher stapeln sich die Kippen – eine Hinterlassenschaft des Filius bei seinen Besuchern bei der Mutter. „Da sind wir nahezu hilflos. Ich darf hier nur Medikamente verabreichen und ein paar Worte wechseln“, so Kemper, die an diesem Abend aber auch froh ist, als sie die Tür hinter sich schließen kann.

Bei dem nächsten Patienten auf der Liste muss der teilamputierte Fuß eingerieben werden. Da gibt es dann auch Hilfe beim Ausziehen der Strümpfe. „Das sind unsere Engel. Wenn wir die nicht hätten, ich wüsste nicht, wie alles gehen sollte“, räumt der betagte Patient freimütig ein.

Ähnlich äußert sich auch der nächste „Kunde“ der Pflegedienstmitarbeiterin. Ein bisschen Angst vor der Insulinspritze hat er immer noch. Doch da helfen Routine und Professionalität der Helferin. Noch ein paar Sätze über die Kinder in Kanada und den anstehenden Besuch der Enkel, dann geht es weiter. Insgesamt werden an diesem Abend 16 Patienten in vier Stunden aufgesucht.

„Vielen ist es wichtig, bekannte Gesichter zu sehen. Etliche kennen auch meine Eltern oder Schwiegereltern. Da entsteht oft ein gutes Verhältnis, das Jahre andauert und das ich nicht missen möchte. Ganz anders als in der Ambulanz des Krankenhauses. In meinem jetzigen Job kann ich die Menschen wirklich begleiten. Früher waren es nur Minuten, die für den Einzelnen zur Verfügung standen“, so Kemper.

Aufhören oder in einen anderen Beruf wechseln – solche Fragen stellen sich für die Kiersperin nicht. Doch damit stellt sie zunehmend eine Ausnahme dar. Als vor einiger Zeit zwei Stellen bei der Awo-Sozialstation zu besetzen waren, musste Heike Böseler ein halbes Jahr suchen, bis das Team wieder vollständig war: „Der Markt ist komplett leergefegt. Aber ohne die ausreichende Zahl an Fachkräften können wir unsere Arbeit auf Dauer nicht aufrechterhalten.“ Für die Leiterin des Dienstes ein großes Problem, doch für die Gesellschaft könnte der fehlende Nachwuchs bei den Pflegekräften zu einer Katastrophe werden. ▪ Johannes Becker

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