Königliches Reskript aus 1723 bringt Ernennung ins Gespräch

Unglaublicher Plan: Rönsahl als Stadt?

Bewegte Zeiten hat das unmittelbar an der Grenze vom Westfälischen zur Rheinprovinz gelegene Dorf Rönsahl – hier eine historische Dorfansicht um 1901 – im Laufe manchen Jahrhunderts hinter sich gebracht.
+
Bewegte Zeiten hat das unmittelbar an der Grenze vom Westfälischen zur Rheinprovinz gelegene Dorf Rönsahl – hier eine historische Dorfansicht um 1901 – im Laufe manchen Jahrhunderts hinter sich gebracht.

Rönsahl – Beim Blättern in alten Unterlagen tauchen von Zeit zu Zeit immer mal wieder interessante Hinweise auf die reiche geschichtliche Vergangenheit des im äußersten südwestlichen Zipfel des Märkischen Kreises gelegenen Dorfes Rönsahl auf.

Manche dieser im Laufe mehrerer Jahrhunderte von den damaligen Zeitzeugen schriftlich festgehaltenen Notizen werfen durchaus das eine oder andere Schlaglicht auf die damals mehr oder minder bedeutsamen Geschehnisse im engeren heimischen Raum – und bieten heute durchaus Anlass zum Schmunzeln.

So stieß Heimatforscher Hans-Ludwig Knau jetzt bei der Durchsicht alter Schriftstücke auf einen Bericht im Zusammenhang mit Rönsahl: Die entsprechende Nachricht stammt aus der „Sammelecke“ in der Zeitschrift „Der Märker“, die in Altena seit 1952 herausgegeben wird. Sie steht in der Ausgabe von 1954 unter der Überschrift „Rönsahl soll Stadt werden“ und zitiert ein Rescript (Anordnung) des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. (genannt der Soldatenkönig), der durch seine merkantilistische Politik bekannt wurde, die letztlich dazu diente, durch ein staatlich kontrolliertes Lenkungssystem mehr Einnahmen als Ausgaben im Staat zu erzielen. Dazu diente der Aufbau einer fähigen Verwaltung und die Aufstellung eines starken Heeres. Für den Außenhandel galt: Begünstigung der Einfuhr von Rohstoffen und der Ausfuhr von Fertigwaren. Diesem Motto folgt das in den nachstehenden Zeilen zitierte Rescript von 1723.

Weil jegliches Handwerk nach damaliger Ansicht „städtisch“ zu sein hatte und die Rönsahler Wollarbeiter unter der günstigen Voraussetzung der am Ort befindlichen Walkmühle und Tuchschere produzieren konnten, war es für den König logisch, seine Beamten zu fragen, ob man unter dieser gegebenen Voraussetzung Rönsahl nicht zur Stadt erheben solle, um durch die Wollmanufaktur mehr Einnahmen für den Staat zu generieren (Accise).

Alte Ansicht: Blick auf die Dorfstraße von Rönsahl vor 1900.

Offensichtlich aber wurde diese Überlegung nach einem Bericht des Steuerrates von Esselen verworfen, weil man eine Erhebung des Dorfes Rönsahl zur Stadt unter den gegebenen Bedingungen für unrealistisch hielt. Insofern kann man Meinerzhagen als Beispiel anführen, das ja zur Stadt erhoben wurde (Accisestadt), diesem Anspruch damals jedoch nicht gerecht werden konnte und deshalb praktisch wieder zu seinem ursprünglichen Charakter des Kirchspiels (wie Kierspe und Rönsahl) zurückkehrte.

Die Grafschaft Mark, zu der ja auch Rönsahl zählt, gehörte seit 1609 zu Brandenburg/Preußen. Wollarbeiter aus der Frem(b)de zu holen, so wie es im nachstehend weitgehend im Original wiedergegebenen und oben zitierten Bericht aus dem „Märker“ anklingt, hieß, sie aus dem Bergischen Land, dessen Textilindustrie rund um Wuppertal eine große Bedeutung hatte, ins Westfälische zu holen.

Die unter den Überschrift „Rönsahl sollte Stadt werden“ bekannt gewordene Anweisung an den königlichen Steuereinnehmer im Märkischen Kreis hatte folgenden (zum Teil altertümlichen) Wortlaut:

„Weil laut Eures Berichts vom 21. ds. Mts. in dem Dorf Rönsahl wegen der darin vorhandenen Walkmühle und Tuchschere vor die Wollarbeiter sich gute Gelegenheit findet und bereits drei aus dem Bergischen dorthin gezogen sind, so befehlen wir Euch zu überlegen und uns pflichtmäßig zu berichten, ob nicht mehrere Wollarbeiter aus der Frembde dorthin gezogen, mithin dieser Ort zu einer Stadt gemachet und die Accise allda mit Vortheil eingeführet werden könne.

... so befehlen wir Euch zu überlegen und uns pflichtmäßig zu berichten, ob nicht (...) mithin dieser Ort zu einer Stadt gemachet und die Accise allda mit Vortheil eingeführet werden könne.

Aus der Anordnung des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I.

Sollte dieses nicht practicabel sein, wollen wir dennoch obbtn. drei Wollarbeitern noch ein Jahr lang zu Rönsahl zu wohnen vergönnen. Die Anstalt, welche Ihr macht, daß die Bergischen Unterthanen keine Tücher als allein auf den Jahrmärkten ausschneiden und verkaufen sollen, wird hiermit völlig approbiert, und müssen sie mit keinen Waren, sie mögen Namen haben wie sie wollen, auf dem Lande herumb hausieren gehen. Wegen der Wolle habt Ihr zu untersuchen, ob deren in der Grafschaft Mark soviel gewonnen wird, als die Wollarbeiter davon gnugsamb providieret werden können oder ob selbige auch aus dem Bergischen und übrigen benachbarten Provinzen solche nehmen müssen, und was vor Mittel zu gebrauchen ohne sonderlichen bruit und Schwächung des mutui commercii mit dem benachbarten Herzogthumb Bergen die Ausfuhr der Wolle außer Landes soviel möglich zu verhindern. Allenfalls müssen in den Städten Wollmärkte angeleget, alle auf dem platten Lande gewonnene Wolle dahin zu Verkauf gebracht und so wenig denen Bergischen als unseren Unterthanen Auf- und Vorkauferey der Wolle auf dem platten Lande verstattet, sondern, wie in unserer Churmark und übrigen Provinzen geschiehet, solche in den Städten auf den dazu angeordneten Märkten gekaufet werden.“

Nach einem Bericht des Steuerrates Esselen wurde das Projekt mit kgl. Reskript vom 2. Juli 1723 hinsichtlich Rönsahls wieder fallengelassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare