Ungewöhnlicher Ausritt auf sanftem Riesen

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Der Aufstieg auf den Riesen ist nur mit Hilfe von Getränkekisten möglich.

Kierspe - Mit dem Hund eine Runde durch den Wald drehen – normal. Auf Waldwegen auch mal Ross und Reiter antreffen – kommt vor. Beim Spazieren gehen einem Ochsen begegnen? „Da erschrecken sich einige Leute manchmal“, schmunzelt Annabell Klaus.

Kein Wunder, immerhin ist Leroy mit mehr als 1,70 Metern Höhe, über eine Tonne Gewicht und seinen stattlichen Hörnern nicht nur eine eindrucksvolle Erscheinung. Dass Annabell Klaus auf ihm reitet, sorgt meist auch für ungläubiges Staunen.

„Für Leroy sind Halfter und Zügel gar nicht ungewöhnlich“, erzählt Annabell Klaus, während ihr Ochse gemächlich am Boden in seinem Stall liegt, „die kennt er schon seit seinem zweiten Lebenstag. Da habe ich ihn das erste Mal ausgeführt.“

Manchmal ein bisschen stur

„Ruhig, ausgeglichen, wissbegierig, nicht so schreckhaft, dafür manchmal ein bisschen stur“, beschreibt Annabell Klaus den Charakter ihres Tieres. Wie zum Beweis setzt sich Leroy, der von einem norwegischen Rotvieh und einem Limousin-Rind abstammt, nur mit liebevollem Locken und nach ein paar Zwiebäcken langsam in Bewegung, erhebt sich schließlich – und beeindruckt mit seiner gewaltigen Größe. „Dass er so groß werden würde, haben wir nicht geahnt“, erzählt Annabell Klaus. Dies hänge wohl damit zusammen, dass er als Bulle früh kastriert wurde.

Während ihre Schwester schon früher, wie viele Mädchen, für Pferde schwärmte, liebte Annabell Klaus Kühe. Als Kind verbrachte sie die meiste Zeit bei ihrer Freundin auf dem Bauernhof, half am liebsten im Stall. „Als wir einmal im Urlaub waren, durften die Kinder melken. Die Bäuerin war verwundert, dass Annabell das alles schon konnte“, berichtet ihre Mutter Susanne.

"Sie hat mich gefunden"

Auf dem Milchviehhof in Kierspe gab es Nissy: „Sie hat sich mit mir angefreundet“, beschreibt die Abiturientin lächelnd. Die schwarz-weiße Kuh entdeckte Annabell, sobald sie auf den Hof kam. „Sie kam immer angerannt wie eine Verrückte“, erinnert sich die 18-Jährige. „Ich hab’ sie mir nicht ausgesucht, sie hat mich gefunden.“ Als gute Milchkuh war Nissy für den Hof unentbehrlich, daher kaufte die Familie Klaus eine andere Kuh: Luna. Diese bekam bald ein Kälbchen: Leroy.

Dass der Name so sehr zu ihm passen würde, wusste seine junge Besitzerin damals noch nicht. Aus dem Französischen übersetzt, bedeutet Leroy „König“ – und majestätisch sieht der braune Riese in der Tat aus.

Einen Sattel hat der Ochse nicht

Dass es möglich ist, auf einem Ochsen zu reiten, davon war Annabell Klaus überzeugt. Die Unterscheidung zwischen Nutz- und Reittier zählt für sie nicht. „Alle Tiere haben eine Seele“, steht für sie fest. Daher möchte die Familie ihren beiden Pferden und drei Rindern, auch Nissy lebt neben Luna und Leroy inzwischen auf ihrem Bauernhof, etwas zurückgeben: „Stellvertretend für die Millionen Tiere, die es nicht so gut haben.“

Nissy, Luna und Leroy sollen ihr Leben genießen – der Wunsch von Annabell Klaus erfüllt sich für die drei Rinder auf dem Hof in Holt. Die Ausflüge mit seiner Besitzerin, die gerade in den Abiturprüfungen am Evangelischen Gymnasium in Meinerzhagen steckt, gehören für Leroy aber zum Freizeitprogramm. Einen Sattel hat der Ochse nicht – angesichts seiner überdurchschnittlichen Größe wäre das wohl auch ein Problem.

Auch wenn die Familie von Leroys sanftem Wesen überzeugt ist, zählt bei Ausritten mit dem Ochsen die Sicherheit. „Leroy ist wie ein Reitpferd versichert“, betont Susanne Klaus, die ihre Tochter meistens zu Fuß begleitet.

Kühe sind sturer als Pferde

Für die junge Kiersperin steht fest: „Was man mit Pferden machen kann, ist auch mit Rindern möglich.“ Und ihrem inzwischen fast fünfjährigen Ochsen ist klar: „Wenn das Halfter kommt, wird gearbeitet.“ Pylonen-Parcours, Flatterband, Luftballons – an der Longe passiert Ochse Leroy alles spielend. Auf Kommando schubst er einen Ball vorwärts, läuft über eine Wippe, dreht sich im Kreis, geht rückwärts, sobald ihm dies mit einem Seil und einem sanften Stupser mit der Gerte angezeigt wird.

Eines hat allerdings auch Kuhfan Annabell Klaus, die darüber nachdenkt, Tierärztin zu werden, gelernt: „Man braucht Geduld.“ Kühe seien wohl etwas sturer als Pferde: „Wenn die nicht wollen, kann man nichts machen.“ Locken lässt sich Schwergewicht Leroy höchstens mit seiner Lieblingsspeise Zwieback. Dafür genießt der Riese mit den sanften braunen Augen die Kuschel- und Streicheleinheiten, mit denen er ausgiebig verwöhnt wird.

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