Umweltausschuss will 56 Alleebäume fällen lassen

Wenn es nach dem Willen der Mehrheit der Kiersper Umweltausschussmitglieder geht, soll der prächtige Anblick der alten Kastanienallee bei Haus Isenburg bald Vergangenheit sein.

KIERSPE ▪ Eigentlich sollte die Verwaltung, so jedenfalls der Beschlussvorschlag, nur beauftragt werden, die Kastanienallee bei Haus Isenburg auf ihre Verkehrssicherheit hin zu untersuchen. Seien Pflegeschnitte ausreichend, so sollten diese durchgeführt werden. Nur bei wirklichen Gefahrenbäumen sollte eine Fällung vorgenommen werden. Außerdem sollte gleich festgelegt werden, dass aufgrund des teilweise aggressiven Pilz- und Bakterienbefalls andere heimische Gehölze wie Linden, Eichen, Buchen oder Eschen angepflanzt werden sollten, wie es in der Sitzung des Bau- und Umweltausschusses am Dienstag schon ganz konkret hieß. Doch dann kam alles ganz anders.

In einer Kampfabstimmung votierte das Gremium ganz knapp dafür, die aus 56 teilweise 100 Jahre alten, kapitalen Bäumen bestehende und einfach zum Ortsbild von Kierspe gehörende Allee in einer für die Volmestadt beispiellosen Aktion komplett zu fällen und der Motorsäge zum Opfer fallen zu lassen. Dies geschah, obwohl die Politiker wissen, dass die Allee in der Bevölkerung bei jungen wie älteren Menschen beliebt ist und daher klar ist, dass diese Entscheidung auf wenig Zustimmung, wenn nicht sogar massive Kritik stoßen wird. Hintergrund war, dass in der Vergangenheit immer wieder Äste auf die Gemeindestraße gefallen waren und sogar schon eine Telefonleitung beschädigt hatten.

Aus dem Grund hatte eine Begutachtung der Allee durch einen unabhängigen Sachverständigen von der Landwirtschaftskammer NRW, den Diplombiologen Hermann Reinartz, stattgefunden. Er stellte fest, dass zwar alle Bäume geschädigt sind, wobei der Schweregrad aber von gering bis sehr hoch reicht. Teilweise, so Reinhartz müssten einzelne Bäume gefällt werden, weil sie sonst eine Gefährdung der Verkehrssicherheit darstellten. Langfristig, so der Vorschlag des Gutachters weiter, sollte überlegt werden, ob die Bäume nicht durch resistentere Gewächse ersetzt werden sollten. Eine Erhaltung der Allee käme in Betracht, sei jedoch nur durch einen deutlich erhöhten Kontroll- und Pflegeaufwand möglich. Dabei ging er von Kosten von schätzungsweise 25 000 Euro pro Jahr aus.

In der Sitzung des Bau- und Umweltausschusses wurde das Thema äußerst kontrovers diskutiert: Schnell zeichnete sich eine starke Gruppe von Politikern besonders aus dem konservativen Lager ab, die die Ansicht vertraten, dass bei einem Waldanteil von fast 50 Prozent im Stadtgebiet nicht um jeden einzelnen Baum so viel Aufhebens gemacht werden müsse. „Von den 7200 Hektar sind 3400 Hektar Wald“, machte sich unter anderem Bernd Stubenrauch von der CDU zum Fürsprecher dieser Ausschussmitglieder, die außerdem die hohen Kosten für die Erhaltung und die Verkehrssicherungspflicht als wichtigste Argumente für eine „beherzte Vorgehensweise bei der Allee“, wie Jürgen Rothstein von der FDP es formulierte, vorbrachten. Damit meinte er letztlich das Abholzen des gesamten Bestandes.

Trotzdem zeichnete sich erst eine Mehrheit für die Beschlussvorlage ab, die jedoch bröckelte, als von dem Sozialdemokraten Erich Mürmann der Vorschlag kam, ergänzend hinzuzunehmen, dass alle Entscheidungen über Maßnahmen bei den Kastanien immer von einem unabhängigen Sachverständigen begleitet werden sollten. Warum er das wollte, brachte Martin Kulosa von den Grünen auf den Punkt, als er kritisierte, dass der Beschlussvorschlag letztlich zu einem Freibrief für die Stadtverwaltung und den Bauhof werden könne. Dabei hatte er wie Mürmann große Bauchschmerzen, zumal es in Kierspe schon mehrere zweifelhafte Fällungen in regelrechten Nacht- und Nebelaktionen gegeben hat.

Nach dem Ergänzungsvorschlag von Mürmann ließ sich weder für diesen noch für den Beschlussvorschlag der Verwaltung eine Mehrheit finden. Über die Alternative von Ordnungsamtsleiter Axel Boshamer, dass bis zur nächsten Ausschusssitzung erst einmal genaue Kosten für die Erhaltung der Allee ermittelt werden sollten, um dann anhand konkreter Zahlen besser entscheiden zu können, und bis dahin notwendige Pflegeschnitte durchzuführen, wurde gar nicht mehr abgestimmt. Sondern als die Christdemokratin Marie-Luise Linde ansetzte, endgültige Fakten zu schaffen, die aus ihrer Sicht leidige Diskussion zu beenden und daher den Antrag stellte, sämtliche Bäume zu fällen und geeignete Nachpflanzungen vorzunehmen, fand sich dafür dann tatsächlich eine, wenn auch kleine Mehrheit.

Anschließend herrschte bei einigen dann ernüchtertes Schweigen bis hin zu Entsetzen: „Wie hatte es dazu kommen können?“ Erich Mürmann kündigte an, den Beschluss beanstanden und überprüfen lassen zu wollen, weil nicht einfach immer neue Anträge gestellt werden dürften, bis irgendeiner eine Mehrheit finde. Auch die BUND-Vorsitzende Gudrun Barth, die zuvor als Naturschützerin gehört worden war und sich nochmals massiv für die Kastanien eingesetzt hatte, verließ tiefenttäuscht und ebenfalls verärgert über dieses radikale Abstimmungsergebnis den Ratssaal.

Rolf Haase

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