Kiersper Umweltausschuss tagt dort, wo vor Kurzem noch Wald stand

Fichten weg und Zukunft ungewiss

Förster Uwe Treff vermittelte den Mitgliedern des Umwelt- und Bauausschusses, aber auch interessierten Kierspern und zukünftigen Ratsmitgliedern einen Einblick in die Situation des Stadtwaldes.
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Förster Uwe Treff vermittelte den Mitgliedern des Umwelt- und Bauausschusses, aber auch interessierten Kierspern und zukünftigen Ratsmitgliedern einen Einblick in die Situation des Stadtwaldes.

Kierspe – Drastischer hätten die Bilder kaum sein können. Die Mitglieder des Ausschusses für Umwelt und Bauen sahen auf ihrem Weg zum Ausgangspunkt der Exkursion im Wienhagen riesige Stapel mit Fichtenstämmen, abgestorbene Bäume und die Freiflächen, auf denen vor nicht allzu langer Zeit dichter Wald stand.

Bereits am Samstag waren die Mitglieder des Ausschusses, der am gestrigen Dienstag tagte, auf Einladung des Vorsitzenden Christian Reppel in den Stadtwald am Wienhagen gefahren, um sich über den Zustand des Waldes informieren zu lassen. Gemeinsam mit den beiden Kiersper Förstern Uwe Treff und Klaus Pokrand sowie Forstamtsleiter Jörn Hevendehl ging es in einem langen Autokorso in den Wald, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

Ursprünglich wuchs Heide auf dem 455 Meter hohen Wienhagen, doch seit Jahrzehnten beherrscht die Fichte das Bild. Ein Baum, der mit den ehemals feuchten und nährstoffarmen Böden gut zurechtkam. Doch drei Trockenjahre in Folge und eine große Borkenkäferpopulation haben zunichte gemacht, was jahrzehntelang gewachsen war. „Die Fichte wird komplett verschwinden, da bin ich mir sicher. Auch die Bäume, die noch grün sind, sind befallen und werden nicht überleben“, vermittelt Förster Uwe Treff ein Bild von der Zukunft des Waldes.

14 Hektar des Kiersper Waldes sind schon Kahlfläche, weitere 35 Hektar werden noch dazukommen.

Insgesamt sind knapp 48 Prozent der Fläche Kierspes mit Wald bedeckt, aber nur 110 Hektar davon gehören auch der Stadt. In den vergangenen Jahren wurden durch Einschlag immer einige zehntausend Euro für die Stadtkasse erlöst. Und auch die vergangenen drei Jahre brachten Erlöse, auch wenn diese – auf den Festmeter gerechnet – in keinem Verhältnis zu den Einnahmen aus Vorjahren stehen. Ist der Preis fürs Fichtenstammholz doch von 98 Euro im Jahr 2017 auf mittlerweile 32 Euro gesunken.

Die Fichte wird komplett verschwinden, da bin ich mir sicher. Auch die Bäume, die noch grün sind, sind befallen und werden nicht überleben.

Uwe Treff, Förster

Das Holz, dass derzeit sauber aufgeschichtet am Wegesrand im Wienhagen liegt, konnte noch für 36 Euro abgerechnet werden und tritt nun seinen Weg nach Südkorea an. „Doch dagegen muss man auch die Kosten für den Holzeinschlag und Gebühren von gut 23 Euro pro Festmeter rechnen“, betonte Treff.

Aber nicht nur der Holzpreis ist gesunken, auch müssen die Stämme auf ein Maß von rund sechs oder zwölf Meter gekürzt werden, um in Containern Platz zu finden. Dadurch bleiben lange Stammstücke dort liegen, wo die Bäume gefällt wurden. „Wenn es finanziell darstellbar ist, holen wir dieses Holz von den Flächen, ansonsten bleibt es dort liegen und verrottet“, erklärt der Kiersper Förster. Auf Nachfrage eines Ausschussmitglieds bestätigte Treff, dass sich Privatleute dieses Holz für den eigenen Ofen gerne und kostenlos holen könnten – jedoch nur nach Anmeldung und auch nur, wenn sie über die entsprechende Sachkenntnis verfügen, dazu gehört unter anderem ein sogenannter Motorsägen-Führerschein.

Der Tourismus wird noch einge Zeit unter dem Holzeinschlag leiden.

Uwe Treff, Förster

Derzeit, so Treff, seien etwa nach dem Einschlag 14 der 110 Hektar Stadtwald Freiflächen, „da kommen aber noch weitere 35 Hektar hinzu.“

Nun stellt sich das Problem der Wiederaufforstung. Doch da konnten die Forstfachleute keine Empfehlung geben. So beschränkten sie sich darauf mitzuteilen, welche Baumarten in ihrem Anbau gefördert werden.

Schon jetzt sei aber klar, führte der Förster aus, dass man auf Zäune verzichten wolle, um die Setzlinge zu schützen. Treff: „Da sind die Jäger gefordert. Wenn wir merken, dass diese ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, werden wir sie schadensersatzpflichtig machen.“ Der Förster betonte aber auch, dass es mit den heimischen Jägern dabei auch kaum Probleme gebe, schwieriger sei es da schon mit Pächtern, die einen weiten Anfahrtsweg ins Revier hätten.

Unter den abgestorbenen Fichten drängen die Nachpflanzungen ans Licht.

Klaus Müller von der Stadtverwaltung sah es als kritisch, auf Zäune zu verzichten und den Jägern die Verantwortung „zuzuschieben“. In diesem Zusammenhang wies Forstamtsleiter Hevendehl darauf hin, dass die Zuschüsse des Landes zur Wiederaufforstung nicht ausreichen würden, um die Kosten zu decken. „Kommen dann noch Zaunkosten dazu, wird es noch teurer. Pro Hektar benötigt man rund 400 Meter Zaun. Jeder Meter kostet 8 Euro, dazu kommen noch Kosten für die Erhaltung und auch noch einmal für den Rückbau. Außerdem wird der Lebensraum der Wildtiere massiv eingeschränkt“, so Hevendehl.

Bedenken, dass die Neuanpflanzungen zu einem finanziellen Risiko führen könnten, wenn es weitere Trockenjahre gebe, konnte Treff zerstreuen: „Nachpflanzungen – wenn die Bäume vertrocknen – werden bis zu 60 Monate nach der Erstanpflanzung ebenfalls gefördert. Das gilt aber eben nicht bei Verbiss durch Tiere und Verwahrlosung.“

Interessiert zeigten sich die Besucher auch an der Pflege der Wege, die derzeit durch schwere Maschinen und Holztransporte gefordert werden. „Das Problem wird vor allem dann kommen, wenn die Wege nicht mehr genutzt werden, denn dann beginnen diese von den Rändern her zuzuwachsen. Und den Waldbesitzern ist nur schwer zu vermitteln, dass sie für die Pflege eines Weges, den sie auf lange Sicht nicht mehr nutzen werden, zahlen sollen“, so Treff. Der Förster nutzte den Termin aber auch für einen Appell an die Spaziergänger und Radfahrer im Wald: „Der Tourismus wird noch einige Zeit unter dem Holzeinschlag leiden. Da kann ein einvernehmliches Miteinander nur bei gegenseitiger Rücksichtnahme gelingen.“

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