Totschlag-Prozess

Überraschender Total-Ausfall eines Zeugen

Kierspe/Köln - Die Zeugenbefragung im Prozess gegen einen 33-Jährigen aus Kierspe wegen Totschlags vor dem Kölner Landgericht gestaltet sich vier Jahre nach der Tat als schwierig. Am Mittwoch verwickelte sich ein wichtiger Zeuge in haarsträubende Widersprüche.

Der 23-jährige Azubi aus Hürth war der vierte Beteiligte an der tödlichen Auseinandersetzung vor einer Gummersbacher Diskothek. Er soll, nach Angaben des Kierspers, als erster von den beiden Brüdern angegriffen worden sein, von denen einer an seinen tödlichen Kopfverletzung starb.

Dabei begann die Aussage des 23-Jährigen zunächst sehr klar: Er habe sich, als Fahrer für den Disko-Abend, das Auto seines Vaters geliehen. Während er bei Disko-Schluss vor der Tür auf den Angeklagten und dessen Frau gewartet habe, hätten die Brüder Halt an dem Auto gesucht. „Sie waren schwer betrunken, sind fast auf die Motorhaube gefallen. Ich habe sie ganz nett gebeten, das zu lassen. Ich wollte keinen Kratzer am Auto haben.“

Von dem Angriff auf ihn habe er zunächst gar nichts mitbekommen. „Ein Mädchen sah mich ganz entsetzt an und zeigte mit dem Finger hinter mich. Als ich mich umdrehte, kam schon der Schlag.“ Der Angeklagte sei ihm zur Hilfe gekommen, doch er habe nichts sehen können. „Ich hatte Tränen in den Augen.“ Das habe genau so lange gedauert, bis die Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten und seinem Opfer vorbei war. „Das ist verwunderlich, dass Sie genau so lange nichts mitbekommen haben“, bemerkte Richterin Dr. Leonie Ackermann.

Der Zeuge gab an, dass der eine Bruder gestanden und der andere gekniet habe, als er mit dem Angeklagten weggefahren sei. Kurze Zeit später sagte er dann, er habe gesehen, dass der 24-Jährige zum Eingang getragen wurde. Der 23-Jährige sagte aus, der Angeklagte sei nicht betrunken gewesen, erzählte aber, dass er ihm den Autoschlüssel weggenommen habe, damit er nicht betrunken Auto fährt. Der Azubi sagte aus, dass er den Angeklagten und seine Frau direkt nach Hause gefahren habe, dann wieder räumte er ein, sie wären erst an eine Tankstelle und dann in eine Bar gefahren. Mal war der Angeklagte ein enger Freund von ihm, dann wieder nur ein Freund von seinem älteren Bruder. Der Zeuge gab an, dass die Polizei bei ihm eine Verletzung festgestellt habe, in den Polizeiakten stand das Gegenteil: Keine aktuellen Verletzungen.

Dr. Ackermann erklärte: „Ehrlich gesagt, ich habe den Eindruck, dass Sie sich an manche Dinge nicht erinnern wollen.“ Der Zeuge stieg ganz aus: „Ich kann nach vier Jahren nicht mehr auseinander halten, was ich erlebt und was ich gehört oder gelesen habe.“

Um die Verwirrung komplett zu machen, erklärte ein Sachverständiger der Polizei, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit mindestens zwei Schläge mit dem Gipsarm in das Gesicht des Verstorbenen gegeben haben muss. Bei dem zweiten Schlag sei die Nase des Opfers schon gebrochen und voll beweglich gewesen. Bisher hatten die meisten Zeugen von einem Schlag gesprochen. Der Staatsanwalt hatte einen Schlag und einen Tritt vor den Kopf angeklagt. Der Angeklagte hatte einen Schlag und einen Tritt gegen den Körper eingeräumt.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Das Urteil wird am Freitag erwartet.

Der Fall:

Ein 33-jähriger Kiersper muss sich seit vergangenem Donnerstag vor dem Kölner Landgericht wegen Totschlags verantworten: Laut Anklage soll er am frühen Morgen des 29. April 2012 in einer Diskothek in Gummersbach-Niederseßmar mit seinem eingegipsten Arm einen 24-jährigen Mann niedergeschlagen haben. Anschließend, so heißt es in der Anklage, habe er dem am Boden liegenden Mann gegen den Kopf getreten. Der junge Mann erlag noch am selben Tag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Da die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass der Angeklagte zumindest beim Tritt gegen den Kopf den Vorsatz hatte, den 24-Jährigen zu töten, wird der Kiersper wegen Totschlags angeklagt.

Dass bis zum Prozess vier Jahren vergingen, begründet das Landgericht mit der Tatsache, dass das Verfahren nicht mehr zu den „vorrangig behandelten Haftsachen“ gezählt habe. Der Angeklagte war noch am Tag der Tat festgenommen und im Juni 2012 aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

Von Sigrid Schulz

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