Tyrannische Kinder sorgen für Hilflosigkeit bei Eltern

Kinderpsychiater und Buchautor Michael Winterhoff hielt seinen Vortrag vor großem Publikum.

KIERSPE ▪ Der Kinderpsychiater und Buchautor Michael Winterhoff kam aufs Land, um sein neues Buch vorzustellen. Er sprach vor vollem Haus im PZ der Gesamtschule Kierspe. Dabei wusste er durchaus auch sein Publikum zu provozieren.

„Als ich gesagt habe, ich hätte gern Michael Winterhoff hier, da sagten alle, das schaffst Du nicht, den hierher aufs Dorf zu kriegen,“ begann Schulleiterin Monika Hahn ihre Begrüßung. Sie hat es, mit Unterstützung von KuK, dann doch geschafft.

Die Resonanz war groß, offensichtlich hatte der Autor mit seinen Thesen beim Publikum den richtigen Nerv getroffen. Auffällig war vor allem der große Anteil des Fachpublikums: Nicht nur Eltern, auch viele Lehrer und Sozialpädagogen, aber auch Oberstufenschüler waren gekommen, um sich aus erster Hand über ein Problem zu informieren, das vielen unter den Nägeln brennt.

Winterhoff kam ohne Umschweife zum Thema: „Wie kommt es, dass unsere Kinder so aus dem Ruder laufen?“ Der kürzlich veröffentlichte Bildungsbericht der Bundesregierung habe ergeben, dass die Hälfte der Schulabsolventen „nicht ausbildungsreif“ sei. „Sie haben keine Arbeitshaltung, sie können nicht priorisieren, sie haben keinen Sinn für Pünktlichkeit,“ zitierte Winterhoff die Klagen aus der Wirtschaft.

Aus seiner Sicht ist der Fall klar: Viele Kinder und Jugendliche seien in ihrer psychischen Entwicklung auf dem Stand von Kleinkindern steckengeblieben. Provokant formulierte er: „Die Kinder von heute haben fast durchgängig einen Reifegrad von 10 bis 16 Monaten.“ Bei diesem Satz ging ein Raunen durchs Publikum.

Verantwortlich dafür sei eine veränderte Sichtweise der Eltern: Früher sei allen Eltern klar gewesen, dass ihre Kinder noch unfertig seien und deshalb Verhaltensweisen und Werte einüben müssten. Diese Haltung habe sich Anfang der 90er Jahre geändert, als ein partnerschaftlicher Erziehungsstil Einzug in die Elternhäuser hielt. Seit dieser Zeit versuchten Eltern ihren Kindern „auf gleicher Augenhöhe“ zu begegnen. Kinder seien aber überfordert, wenn man sie zu früh selber wählen und entscheiden lasse – aus seiner Sicht ein Wohlstandsproblem.

Wechsel zu einer

chaotischen Gesellschaft

Die zweite große Veränderung habe es in den letzten Jahren gegeben: Viele Gründe, nicht zuletzt der technische Wandel, habe einen „Wechsel von einer geführten zu einer chaotischen Gesellschaft“ gebracht. Seitdem würden Eltern verstärkt Liebe und Bestätigung bei ihren Kindern suchen. Die würden dadurch künstlich in einer lustbetonten Haltung fixiert, einem Reifegrad, wie er eben Kleinkindern entspreche. Ein Problem sei auch, dass viele Eltern symbiotisch mit ihren Kindern verbunden und deshalb kaum in der Lage seien, sie real einzuschätzen.

Winterhoff betonte zwar, dass er keine pädagogischen Konzepte favorisiere, teilte aber etliche Seitenhiebe an Kindergarten und Grundschule aus: „Buffet-Erziehung“ und Gruppentische nähmen den Kindern den Blick auf den Lehrer, Kuschelecken seien in erster Linie eine Brutstätte von Kopfläusen. Seine lockeren Polemiken wurden vom Publikum mit Beifall aufgenommen. Winterhoff forderte kleine Vorschulklassen für alle Fünfjährigen, um die oft fehlende Grundschulreife zu erreichen.

Weitere konkrete Maßnahmen konnten die Zuhörer ihm auch bei der sich anschließenden Fragerunde nicht entlocken. Eine Schlüsselrolle beim notwendigen Paradigmenwechsel wies er aber den Lehrern zu, sie müssten sich das Problem bewusst machen und als Auftrag an die Gesellschaft weitergeben. Er selber bezeichne Kinder nicht als Tyrannen, verwahrte er sich gegen den Vorwurf einer Lehrerin. Aber unter den gegebenen Umständen würden Kinder dazu gemacht. Zum Schluss kam dann doch noch die gute Botschaft: „Nachreifen ist möglich.“ Wie, blieb allerdings im Unklaren.

Monika Hahn kündigte in ihrem Schlusswort an, dass die Lehrer beim nächsten Studientag dieses Problem weiter diskutieren würden. Das taten auch viele Zuhörer nach Ende der Veranstaltung.

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