„Trauer ist keine Krankheit“

Clownin Sophia Altklug machte sich auf Spurensuche.

KIERSPE ▪ Auf berührende Weise nahm Sophia Altklug alias Dr. Kristin Kunze im ehemaligen Gemeindehaus Felderhof rund 50 interessierte Zuschauer mit auf ihre Reise durch das Trauerland.

Unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Frank Emde hatten das Awo-Seniorenzentrum und die Ehrenamtliche Hospizgruppe Kierspe-Meinerzhagen zum Theaterstück „Wenn die Clownin Trauer trägt“ eingeladen. „Diese Kulturveranstaltung ist der Auftakt zu unserer gemeinsamen Reihe ‚Sanftes Sterben‘, die im Oktober und November fortgesetzt wir“, ließ Seniorenzentrums-Leiterin Kristin Aubert die Gäste zur Begrüßung wissen.

„Als meine Mutter starb, blieb alles stehen und wurde grau. Komisch, schließlich war ich doch eine gestandene Frau, die schon andere Schicksalsschläge bewältigt hatte“, sinnierte die alte Dame mit Pumphose und roter Clownsnase, die da auf dem Dachboden verstaubte Erinnerungsstücke betrachtete. Mit einer Melodie aus der Spieldose wurde alles in ihr wieder lebendig und so nah, als wäre es gestern gewesen.

Widersprüchliche Gefühle

Begleitet von Trude Herrs Lied „Niemals geht man so ganz“, konfrontierte Sophia Altklug ihr Publikum mit einer Palette widersprüchlicher Gefühle. Viele Zuschauer fanden ihre eigene Art zu trauern nur all zu gut im Dornröschen hinter einer dicken Dornenhecke, dem stets beschäftigten Aschenputtel, dem eiskalten Schneewittchen im Glassarg oder dem wutschnaubenden Rumpelstilzchen auf dem Rachefeldzug wieder.

Humorvoll, aber mit Verständnis und Anteilnahme hielt die Clownfrau den Anwesenden den Spiegel vor: Nagende Schuldgefühle beim lauten, herzlichen Lachen, Wut über die Brüder, die stets bevorzugt worden waren, erst am Grab ausgesprochene Liebesbekenntnisse und immer wieder die bodenlose Trauer, gegen die auch die Schnapsflasche machtlos war. Mit rudernden Armen und hektischen Atemzügen demonstrierte die Clownin, wie sie durch ein Meer von Tränen schwamm. Ihre ausdrucksstarke Mimik und Körpersprache hauchten den vielen verschiedenen Empfindungen im Trauerprozess auf treffende Weise Leben ein.

„Oberwasser“ bekam sie erst mit der Erkenntnis ihrer eigenen Ähnlichkeit zur Mutter und der Erfahrung, die Verzweiflung, die in Gestalt eines Wolfes gelegentlich um die Ecke schaute, aushalten zu können. „Irgendwann kam das Gelb zu mir zurück, dann das Blau und das Rot“, erklärte Sophia Altklug ihrem Publikum, während sie mit den Farben des Regenbogens jonglierte. Sein Herz dem Lebendigen zu öffnen, brächte neben Schmerz auch Bewegung, Leichtigkeit und Freude, so ihre Erfahrung.

Martina Haski

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