Todesursache: „Allgemeine Lebensschwäche“

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Beschäftigt sich seit Jahren mit den Zwangsarbeitern. Vor allem das Schicksal der in Kierspe Verstorbenen interessiert ihn. ▪

KIERSPE ▪ „Vor allem das Schicksal eines Kindes, das 1943 geboren wurde und noch im gleichen Jahr starb, hat mich immer besonders interessiert. Denn 1943 ist auch mein Geburtsjahr. Doch wenn ich Fragen innerhalb der Familie zu den Zwangsarbeitergräbern stellte, bekam ich immer nur unbefriedigende Antworten“, erinnert sich Rolf Janßen an seine ersten Begegnungen mit dem Gräberfeld am Rand des Friedhofs. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis er die Antworten bekam, nach denen er suchte.

Während die Situation der Zwangsarbeiter in den Nachbarstätten relativ gut aufgearbeitet war, fehlten in Kierspe entsprechende Werke. Bei seiner Suche im Archiv stieß Janßen auf einen Aufsatz des Archivars Marin Witscher, den dieser im Zusammenhang mit der Entschädigung von jüdischen KZ-Insassen und Zwangsarbeitern verfasst hatte und auf die Forschungen einiger geschichtsinteressierter Kiersper.

In ganz Deutschland, in seinen damaligen Grenzen, wurden, so schreibt es Witscher, rund 7,6 Millionen Zwangsarbeiter eingesetzt. Der größte Teil (2,8 Millionen) war aus der damaligen Sowjetunion verschleppt worden. Auch in Kierspe stellten die Russen, wie sie gerne genannt wurden, den größten Teil der rund 1400 Zwangsarbeiter.

Rund die Hälfte der Arbeitssklaven wurde in dem Lager Ebenstück untergebracht. Von dort wurden diese Menschen jeden Tag auf rund 15 Firmen in Kierspe verteilt. Die andere Hälfte verteilte sich auf andere Lager im Stadtgebiet. Insgesamt nutzten 31 Firmen und zahlreiche Landwirte dieses „Angebot“ an Arbeitskräften.

Unter welchen Bedingungen die Verschleppten in der Volmestadt leben mussten, zeigt der Bericht eines Polizisten, der über das Lager der Firma Otto Backhaus in Berkenbaum schrieb: „In dem großen Raum des Lagers befanden sich 63 Eisenbetten. Auf den Betten Matratzen und Wolldecken. Dadurch, dass sich auf den Betten kein Bettzeug befindet, werden die Matratzen und Decken sehr beschmutzt, denn die Russen ziehen sich vor ihrem Schlafengehen nicht aus, sondern legen sich gestiefelt und gespornt ins Bett. Fast alle russischen Zivilarbeiter besitzen keine Unterwäsche zum wechseln und keine zweite Oberbekleidung mehr. Da die Russen zum größten Teil an Bakelitpressen arbeiten, bringen sie Bakelitstaub mit ihrer Kleidung in das Lager und ins Bett. Sitzgelegenheiten sowie Tische sind im Lager nur vereinzelt und höchstens für zehn Personen vorhanden. Hieraus ergibt sich, dass die Russen in ihrer Freizeit (Sonntags) sich notgedrungen im Bett aufhalten müssen. Waschgelegenheit ist nicht vorhanden. Auf meine Frage meldeten sich von 63 Russen vier, die sich in der ganzen Woche gewaschen hatten. Es ist noch nicht einmal Wasser im Lager zu haben, denn dieses muss mittels einer Pferdekarre von Berken herangeschafft werden. Der Fußboden des Schlaflagers ist noch nie geschrubbt worden, denn der Dreck lag dick auf den Fußbrettern. In einem Waschraum verrichteten die Russen ihre Notdurft. Die Toilette war derartig verdreckt, dass sie von einem ordentlichen Menschen nicht mehr zu benutzen war. Frische Kothaufen lagen zu Dutzenden auf dem Lagerplatz herum.“ Witscher ergänzt dieses Zitat mit den Worten: „Zynischerweise war der berichtende Polizist nicht an der Gesundheit der Russen interessiert, sondern an der mit ihnen zusammen arbeitenden Deutschen.“ Die Firmenleitung antwortete auf die Beschreibung mehr als menschenverachtend: „Es ist ja allgemein bekannt, dass die Russen große Schweine sind, was uns auch von anderen Lagern bestätigt worden ist.“

In diesen Lagern mussten auch die Kinder aufwachsen, die gemeinsam mit ihren Eltern in osteuropäischen Ländern verschleppt wurden oder die in den Baracken geboren wurden. Doch auch vor den Kindern machte das menschenverachtende System nicht halt. So gab es ab 1943 eine Anweisung, in der festgelegt wurde, dass die Schwangeren zur Ausbildung von Studenten und Hebammen-Schülerinnen herangezogen werden konnten, um „Untersuchungsmaterial zu beschaffen“. In den Baracken sollten, so schreibt Witscher aufgrund seiner Forschungen, für „Ausländerkinder Pflegestätten eingerichtet werden“, denn: „Die von den ausländischen Arbeiterinnen geborenen Kinder dürfen auf keinen Fall durch deutsche Einrichtungen betreut, in deutsche Kinderheime aufgenommen oder sonst mit deutschen Kindern erzogen werden.“

So ist es wohl auch kein Wunder, dass unter den 28 Zwangsarbeitern, die in Kierspe ihren Tod fanden, acht Kinder sind – das jüngste gerade einen Tag alt, das älteste starb mit 14 Jahren.

Darunter auch die Geschwister Fomina. Während Anna Fomina bereits am 11. Dezember 1943 im Alter von elf Jahren an einer Rippenfellentzündung starb, kam ihr Bruder Oleksey Fomina ein Jahr später im Lager Ebenstück zu Tode. Bei ihm wurde Lungentuberkulose in die Sterbeurkunde eingetragen. „Bei den Todesursachen muss man sicher Vorsicht walten lassen, denn allzuviel Mühe werden sich die Ärzte nicht gegeben haben“, so Janßen, der zu allen Zwangsarbeitergräbern die Totenscheine im Archiv herausgesucht hat. Das ist ihm auch bis auf einen einzigen Verstorbenen gelungen.

So verwundert es nicht, dass auch bei einem der Kinder eines weiteren Geschwisterpaares, die in dem Lager Ebenstück zu Tode kamen, als Ursache des Ablebens ebenfalls Lungentuberkulose vermerkt ist. Vera Schischkina starb am 8. September 1944 daran im Alter von drei Jahren. Ihre Schwester Alexandra wurde nur neun Monate alt und starb angeblich an Masern.

Auch die Todesursache der beiden 1943 geborenen Kinder konnte Janßen klären: So starb eines am Tag seiner Geburt (10. November 1943), als Todesursache wurde angegeben, dass das Kind in Steißlage zur Welt kam und während der Geburt verstarb. Bei dem Grab dieses Kindes wird auch deutlich, wie wenig sorgfältig die Behörden beim Umgang mit den korrekten Daten waren, denn auf dem Grabstein ist nicht der Name des Kindes vermerkt, sondern der der Mutter. Doch es gibt nach den Recherchen von Rolf Janßen keinen Hinweis auf den Tod von Luba Kuzjenko.

Das zweite 1943 geborene Kind, Anton Frabotko, kam am 20. Juli zur Welt, gestorben ist es am 13. November 1943 – als Todesursache ist für den nicht einmal vier Monate alten Säugling „allgemeine Lebensschwäche“ angegeben.

Zwei Zwangsarbeiter hielten wohl die Bedingungen, unter denen sie in Kierspe leben mussten, nicht mehr aus. Auf den Sterbeurkunden ist zumindest bei der 28-jährigen Anna Adamenko ein solcher Verdacht geäußert. Auf der Urkunde wird dies mit der Bemerkung „spirituose Flüssigkeit getrunken“ untermauert. Mit dem „Öffnen der Halsschlagader“ setzte der aus Polen stammende 38-jährige Karol Nowik laut des amtlichen Dokuments seinem Leben ein Ende und entzog sich so den Menschen, die ihm die Freiheit entzogen hatten und ihn als Sklaven schuften ließen.

Die Geschichte der Zwangsarbeiter in Kierspe geht auch noch über die Zeit des Krieges hinaus. Die amerikanischen Truppen, die im April 1945 auch Kierspe befreiten, päppelten die meist unterernährten Verschleppten auf und quartierte sie zum Teil in Wohnhäusern ein. Am 21. Juli 1945 verliert sich ihre Spur, denn an diesem Tag ging es in ein Sammellager nach Siegen.

„Es wäre schon schön, wenn es gelingen könnte, einen Bruder oder eine Schwester eines in Kierspe verstorbenen Zwangsarbeiters ausfindig zu machen“, so Rolf Janßen, dem aber auch klar ist, dass nach so langer Zeit wohl wenig Hoffnung auf einen solchen Kontakt besteht. ▪ Johannes Becker

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