Einsamer Kranich

Ungewöhnlicher Gast an der Volme

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Majestätisch und mit großem Flügelschlag gibt der Kranich ein imposantes Bild ab.

Kierspe - Von einem besonderen Ereignis in der Kiersper Naur berichtet der für seine Tierfotos bekannte Lüdenscheider Fotograf Ulrich Diez.

„Als ich jetzt im Volmetal in der Nähe von Haus Rhade mit meiner Kamera unterwegs war, traute ich zunächst meinen Augen nicht. Ich war es gewohnt, dass auf den zahlreichen Wiesen sowohl Silber- als auch Graureiher auf Jagd nach Mäusen, Maulwürfen, Regenwürmern und anderem Kleingetier gehen, aber hier war mir sehr schnell klar, dass es sich um einen Kranich handeln musste, der eine ganz ähnliche Speisekarte bevorzugt.“ 

Zwar seien Kraniche im Sauerland durchaus ein vertrauter Anblick, denn im Spätherbst und Spätwinter ziehen sie in V-Formation laut rufend in ein paar hundert Metern Höhe regelmäßig über die Köpfe der Kiersper hinweg. Diez fragte sich aber: „Was macht ein einzelnes Exemplar auf Sauerländer Scholle? Die Hauptreisezeit der Kraniche ist längst vorbei und fast alle dürften schon in ihren Brutgebieten angekommen sein, um sich der Nachkommenspflege zu widmen. Hier musste es sich um eine besondere Situation handeln.“ 

Erinnerungen an Usedom

Der Anblick des Kranichs habe bei ihm sofort Erinnerungen an seine jährlichen spätsommerlichen Streifzüge auf Usedom und im Peenetal in unberührter Natur geweckt. Dort versuche er, sich behutsam den Vögeln bis auf angemessene Fotodistanz zu nähern.

„Öfter mal wird man dann aber von der Erkenntnis eingeholt, dass die Kraniche den Fotografen trotz all seiner Vorsicht wahrnehmen und dies mit ihren markerschütternden Rufen quittieren. Nach diesem kurzen akustischen Genuss in ansonsten völliger Stille heben sie Augenblicke später ab und es bleibt nur noch Zeit für ein paar Flugaufnahmen.“ 

Daher galt es nun, brauchbare Aufnahmen von dem einzelnen Kranich zu machen – und zwar unter Beachtung seiner Fluchtdistanz von 150 bis 200 Metern. Die Lichtverhältnisse seien nicht ideal für gute Aufnahmen gewesen, sodass Ulrich Diez zunächst nur einige Fotos zu dokumentarischen Zwecken schoss („Was man hat, das hat man“). 

Seine Ortskenntnis navigierte ihn dann jedoch zu einem Punkt, der geeignet erschien. „Die letzten Meter noch im Schleichmodus in Richtung eines großen Ilex-Strauches vorgepirscht und vorsichtig nach dem Kranich gespäht, der sich unterhalb meines Standpunktes aufhalten musste.“ Das Problem: Er war von der Bildfläche verschwunden. 

"Ein faszinierend schönes Gefühl"

„Da ich ihn aber auch nicht habe auffliegen sehen, war mir klar, dass er irgendwo zwischen Büschen entlang des Kierspe-Baches verschwunden sein musste. Ich hoffte nun, dass er zurückkam und tatsächlich wurden seine Konturen nach kurzer Zeit schemenhaft hinter Gräsern sichtbar. Unzumutbar allerdings für den Autofokus, der verrückt spielte. Dann aber kam der Kranich doch in eine freiere Position, die dann auch ein paar annehmbare Aufnahmen aus kurzer Distanz – circa 80 Meter – zuließen. In diesen Momenten spüre ich als leidenschaftlicher Tierfotograf, wie sich das eine oder andere Endorphinchen in mir freisetzt; es ist einfach ein faszinierend schönes Gefühl, sich so nah diesen herrlichen Vögeln nähern zu können und sie im Bild festzuhalten.“ 

Nun blieben die kurze Distanz und das Auslösegeräusch der Kamera aber auch dem Kranich nicht verborgen – und schon kurze Zeit später hob er ab, um sich eine andere Nahrungsquelle zu erschließen. „Beim Betrachten der Fotos stellte sich das raus, was ich bereits vermutet hatte. Es handelte sich um einen Jungvogel aus dem Vorjahr. Da er von seinem Bewegungsablauf erkennbar keine Verletzungen aufwies, schien er einfach den Zeitpunkt des Abfluges verpasst zu haben. Möglich, dass er sich nicht ausreichend Fettreserven für den langen Flug angefressen hatte.“

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