Theater Total spielt vor großem Publikum

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Das Bürgertum am Vorabend der Russischen Revolution war vor allem mit sich selbst beschäftigt. ▪

KIERSPE ▪ „Das Theaterstück hat alles, was ein richtiges Stück braucht: Spannung, Höhepunkte, einen Pistolenschuss.“ Humorvoll fasste Fritz Schmidt, der sich im Namen von KuK bei den Schauspielern bedankte, den Abend in einem Satz zusammen. Vor zahlreichem Publikum führe Theater Total im PZ der Gesamtschule ein Frühwerk von Anton Tschechow auf, das nur selten inszeniert wird. Aus gutem Grund, denn im Original dauert das Stück siebeneinhalb Stunden. Die Bochumer Theatertruppe griff deshalb entschlossen zum Stift und strich den Text auf eine Fassung von zweieinhalb Stunden zusammen.

Im ersten Teil trifft sich eine Gesellschaft im Haus der Generalswitwe Anna Petrowna. Man trinkt, redet, tanzt und beklagt die Nutz- und Sinnlosigkeit des eigenen Lebens. Im Mittelpunk steht der Lehrer Platonow, umschwärmt von allen Frauen, gehasst von allen Männern. Die Liebe ist sein Lebensthema, aber für eine Frau entscheiden kann er sich nicht. Denn jede der vier Frauen, die ihn für sich reklamiert, spricht eine andere Seite an in dem intellektuell brillanten, aber charakterschwachen jungen Mann: Die dominante Generalin, seine Jugendliebe Sofja, die leicht hysterische Grekowa. Und dann ist da noch Ehefrau Sascha, die er ob ihrer naiven Religiosität belächelt, die seinem Leben aber Halt gibt. Platonow ist überfordert mit der Situation, ergibt sich dem Alkohol und wird am Ende von Sofja erschossen.

Das russische Bürgertum am Ende des 19. Jahrhunderts bildet den sozialen Rahmen dieser „Komödie“, die in der Inszenierung von Theater Total mehr tragisch als komisch daherkam. Sämtliche Hauptpersonen fühlen sich weit erhaben über die Dienstboten und Bauern der Umgebung, führen aber selbst ein dekadentes Dasein. „Vielleicht sollte ich arbeiten?“ überlegt die Generalin, als ihr gerade mal wieder langweilig ist, wischt diese absurde Idee aber gleich beiseite.

Die schauspielerischen Leistungen der jungen Darsteller waren grandios: Nicht nur Tim Werths als Platonow und Anna Schacherl als Anna Petrowna gaben ihren Rollen Tiefe, auch die zahlreichen Nebenrollen waren sorgfältig gestaltet: Der rachsüchtige Abramowitsch und der Kriminelle Ossip sind beide verliebt in die die Generalin und treiben mit ihren Rollen die Handlung voran, die Dienstmädchen, Bote Marko und Kaufmann Bugrow verkörpern die verschiedenen Schichten in diesem, auch sozialkritischen, Theaterstück.

Vor allem für die jüngeren Schüler blieben manche Bezüge unverständlich. Sie hatten vor allem Schwierigkeiten, das Beziehungsgeflecht der vielen Personen mit den langen russischen Namen zu durchschauen. Die Reaktionen reichten deshalb von „langweilig“ bis „super“.

Das Publikum bedankte sich mit viel Applaus bei den jungen Schauspielern, vom pädagogischen Leiter der Gesamtschule Frank Bisterfeld gab es zum Schluss noch ein Bonbon für die Schüler im Zuschauerraum: Weil es an diesem Abend so spät geworden war, brauchten sie am nächsten Morgen erst zur zweiten Stunde zum Unterricht zu kommen. ▪ Von Birgitta Negel-Täuber

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