Palliativ-Care eine Haltungsfrage

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Jede Betreuung ist eine neue Herausforderung: Mit Anja Kussek, Kerstin Jensen, Judith Tutt und Brita Schöttler betreuen vier Schwestern im Rahmen des Palliativmedizinischen Konsilardienstes zurzeit 170 Patienten von Balve bis Kreuztal. ▪

KIERSPE ▪ Die Arbeit fällt den Schwestern oft schwer, besonders wenn junge Menschen betreut werden, die ihren bevorstehenden Tod vor Augen haben. Anja Kussek, Kerstin Jensen, Judith Tutt und Brita Schöttler gehören zum Team des Palliativmedizinischen Konsiliardienstes Lüdenscheid-Olpe, der sein Büro in Kierspe hat und gegenwärtig 170 Patienten von Balve bis Kreuztal versorgt. Dieser besteht in dieser Form offiziell jetzt etwa seit eineinhalb Jahren. Im September 2011 wurden die ersten zwei Pflegefachkräfte eingestellt.

„Nachdem ich Patienten verlassen hatte, musste ich schon Rotz und Wasser heulen“, erklärt Schwester Kerstin, wie sehr sie manchmal emotional beteiligt ist. Dagegen kann sie sich kaum wehren. Denn bei jungen Menschen, die eigentlich noch ihr ganzes Leben vor sich hätten, wären sie nicht sterbenskrank, sei das schon etwas anderes, als wenn ein Mensch 80 oder 90 vielleicht erfüllte Jahre hinter sich hat. Aber auch sie durchliefen meist alle Sterbephasen und stellen dabei ganz viel in Frage bis hin zum Glauben an Gott.

„Durch die Begleitung der Patienten bekommt man auch selbst einen ganz anderen Fokus aufs Leben“, beschreibt Schwester Judith, wie sich die Arbeit auf sie persönlich ausgewirkt hat. Man werde gelassener und setze neue Schwerpunkte. Aus ihrer Sicht ist die Tätigkeit im Bereich Palliativ-Care eine Haltungsfrage, anders funktioniere es nicht.

Ob es schon ein älterer oder aber ein junger Patient ist, für alle gilt die Devise, dass es vielfach nicht darum geht, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Qualität. Dieses Ziel verfolgen die vier Mitarbeiterinnen bei ihrer Tätigkeit. Ganz wichtig am Anfang des Kontaktes sei es immer, den Menschen die Sicherheit zu vermitteln, dass sie jederzeit einen Ansprechpartner haben. Danach geht es um die richtige Medikation oder auch um Hilfsmittel, wo die Frauen entweder sofort oder binnen weniger Stunden helfen können.

Grundlage des Palliativ-Angebots ist der Beschluss des Gesetzgebers aus dem Jahr 2007, dass jeder gesetzlich Versicherte das Anrecht auf eine ambulante palliativmedizinische Versorgung hat. Schon 2009 schlossen sich in einem ersten Schritt die Ärzte aus dem heimischen Raum zusammen. „Palliativmedizin ist gefordert, wenn eine Erkrankung nicht mehr heilbar und die Lebenszeit durch diese Erkrankung verkürzt ist. Dies betrifft nicht nur onkologische, sondern auch kardiologische, pulmonologische oder auch neurologische Erkrankungen. Dabei ist das Angebot für den Patienten kostenlos“, erläutert der Kiersper Mediziner Guido Kussek.

Das Wort Palliativ komme aus dem Lateinischen und bedeute Mantel. „Dieser Mantel wird also von verschiedenen Fachgebieten der Medizin und Institutionen zusammengefügt“, so Kussek weiter zu dem von ihm skizzierten Bild. Im Mittelpunkt stehe dabei der Mensch mit seiner Erkrankung und den dabei möglichen Symptomen wie Schmerzen, Luftnot, Übelkeit, Erbrechen und Unruhe. „Zur palliativmedizinischen Betreuung gehört aber auch die Beachtung seiner familiären, psychischen, religiösen und spirituellen Situation. Aufgrund der Komplexität der Aufgaben müssen sogenannte Palliativnetze gegründet werden, wie es auch im heimischen Raum geschehen ist“, informiert der Mediziner.

Der Konsilardienst besteht aus Fachärzten, die nach entsprechender Ausbildung und Prüfung die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin erworben haben. In diesem Fall sind es neben Kussek nochDaniel Babczynski (Meinerzhagen), Reimer Böhm (Halver), Dietrich Kämpfe (Lüdenscheid), Joachim Matuszewski (Altena) Ha-Phuoc Hoang (Olpe) und Inge Mangold (Kreuztal). Im Mittelpunkt steht jedoch die Koordination, die von ausgebildeten Palliativ-Care-Schwestern geleistet wird. Das Team, das allein im Jahr 2012, das weist die nüchterne Statistik aus, 309 Patienten aufgenommen und betreut hat, ist im oder über das Büro in Kierspe erreichbar.

Von den vier Schwestern sind drei in Vollzeit beschäftigt und eine auf 400-Euro-Basis, die ansonsten noch eine Dreiviertelstelle im Krankenhaus hat. Alle arbeiten gerne in diesem Bereich, finden darin Erfüllung und erleben auch so etwas wie Berufung. Sie finden es ganz wichtig, dass Menschen beim Sterben begleitet werden und dass ihnen der Abschied von dieser Welt so leicht wie möglich gemacht wird, sie zumindest keine Schmerzen haben oder aus anderen Gründen unnötig leiden müssen.

Die Schwestern schätzen das gute Betriebsklima im Team, wo sich jeder auf den anderen verlassen könne. Bei Kerstin Jensen entstand der Berufswunsch, im Bereich der Palliativmedizin zu arbeiten, bereits während der Ausbildung. Judith Tutt hatte sich das erst gar nicht vorstellen können, wurde dann aber von ihrer Mutter geprägt. Sie hörte von dieser, das zwar jeder Mensch sterben muss, aber Sterben vielfach alles andere als einfach ist.

Für die Patienten, die in der palliativmedizinischen Versorgung aufgenommen worden sind, ist stets eine der Schwestern über 24 Stunden erreichbar. Parallel hat ein Facharzt ebenfalls Bereitschaft. Somit steht ein Team beratend, aber auch aktiv behandelnd den ganzen Tag über, jede Woche, jeden Monat und jedes Jahr dem Patienten und seinen Angehörigen zur Verfügung. Diese Betreuung gilt auch für Menschen in Seniorenheimen oder im Hospiz. Weitere wichtige Glieder des Palliativnetzes sind die Haus- und Fachärzte, die Palliativstation des Klinikums Lüdenscheid, Pflegedienste, Hospiz, Seniorenheime, Physiotherapeuten, Apotheken, Seelsorge und Sanitätshäuser. „Wir sind quasi die Schnittstelle“, erläutern die vier Frauen.

Das Schwesternteam hat also die Aufgabe, nicht nur die medizinischen, sondern auch alle Problematiken bezüglich des Patienten selbst oder seines Umfeldes zu lösen. Ziel ist es, wie auch im Vertrag mit den Krankenkassen beschrieben, eine Krankenhauseinweisung zu verhindern und die Versorgung im häuslichen Bereich zu gewährleisten. Teilweise können die Haus- und Fachärzte auch selbst die Betreuung übernehmen und sich vom Konsilardienst nur fachlich beraten lassen, teilweise leistet dieser aber auch eine Vollversorgung der Patienten. Das ist aktuell bei 50 sterbenden Menschen der Fall. „Die besondere Versorgungssituation des Palliativpatienten funktioniert nur im Rahmen des Netzwerkes“, unterstreicht Guido Kussek.

Der Palliativmedizinische Konsilardienst ist über die Büronummer (02359) 5090112, in wirklich dringenden Fällen über das 24-Stunden-Bereitschaftstelefon mit der Nummer 0170 2494783 oder aber auch per E-Mail unter pkdlo@online.de erreichbar.

Rolf Haase

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