Tagespflege in Kierspe arbeitet unter gänzlich anderen Bedingungen als noch im März

Den Gästen fehlt die Nähe

Das Messen der Körpertemperatur erfolgt bei jedem Betreten der Einrichtung
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Das Messen der Körpertemperatur erfolgt bei jedem Betreten der Einrichtung: Hier führen die stellvertretende Pflegedienstleiterin Erika Neustädter und Einrichtungsleiter Ralf Ulrich vor, wie das aussieht.

Kierspe – Platz, viel Platz haben die sechs Gäste in der Tagespflegeeinrichtung Rat und Tat an der Kölner Straße.

Den Betreibern und auch den Angehörigen wäre es lieber, wenn mehr Menschen jeden Tag in die Einrichtung kommen könnten – doch das macht das Corona-Virus unmöglich.

„Ich denke, dass die Situation wie sie jetzt ist, noch lange bleiben wird“, sagt Ralf Ulrich, Geschäftsführer und Inhaber des Unternehmens. Eigentlich finden 13 Besucher einen Platz in der Tagespflege von Ulrich, derzeit sind es nur sechs. Doch Ulrich ist froh, wenigstens diese Menschen täglich aufnehmen zu können. Zwei Monate lang waren die Räume an der Kreuzung Wildenkuhlen komplett verweist – eine große Belastung für den Geschäftsmann und sein Team – vor allem aber für die Angehörigen, die die Pflegebedürftigen im eigenen Wohnumfeld rund um die Uhr betreuen mussten.

Vielen unserer Gäste fehlt die Nähe und manche haben es uns auch anfangs übel genommen, dass wir die Distanz suchen.

Ralf Ulrich, Rat&Tat

Als das Virus im März dieses Jahres um sich griff und immer mehr ins Bewusstsein der Menschen rückte, kamen immer weniger Besucher in die Einrichtung. Ulrich: „Kurz bevor wir schließen mussten, kamen gerade noch drei Gäste. Meist waren es die Angehörigen, die Angst hatten, Vater oder Mutter könnten sich infizieren.“

Ab 27. März war dann aber auch generell Schluss im Rat und Tat. Da verfügte das Land, dass die Tagespflegeeinrichtungen schließen mussten. Erst im Juni durften die Türen wieder geöffnet werden, doch unter ganz anderen Voraussetzungen. Oberstes Gebot war und ist der Abstand. Das trifft gerade die Menschen, die dort Gemeinschaft und Nähe erleben sollen und wollen, besonders hart. „Vielen unserer Gäste fehlt die Nähe und manche haben es uns auch anfangs übel genommen, dass wir die Distanz suchen“, erklärt Ralf Ulrich. Das wird auch deutlich, wenn man aus dem Bürobereich die eigentliche Tagespflege betritt – natürlich erst als die Gäste das Haus verlassen haben. Denn Besucher sollen das Wohl der betagten Menschen nicht gefährden.

Der Individualbereich: Tisch, Stuhl und Sessel sind vom Raum mit Klebeband abgetrennt. Nur in diesem Bereich kann auf den Mund-Nasen-Schutz verzichtet werden.

Dort wo früher ein großer Tisch stand, an dem gemeinsam gegessen, gebastelt und geklönt wurde, steht nun eine der sechs „Inseln“, die die Besucher nutzen. Jeder Gast hat nun seinen eigenen Bereich, sauber mit rot-weißem Klebeband abgetrennt vom Rest des Raums. Darin ein Tisch, ein Stuhl und einer der großen Ruhesessel. Verlässt ein Bewohner diesen Bereich, dann nur mit Mund-Nasen-Schutz – und meist auch in Begleitung eines Mitarbeiters. „Gerade die Gäste, die an Demenz leiden, verstehen das oft nicht. Da braucht man viel Geduld, doch ohne den Schutz geht es nicht“, so Ulrich.

Um den Abstand einhalten zu können, kommen nun noch maximal sechs Besucher in die Einrichtung. Betreut werden sie von zwei Fachkräften – von ehemals vier. Ulrich: „Zwei Mitarbeiter sind seit März in Kurzarbeit. Aber die Mitarbeiterzahl legt der Betreuungsschlüssel fest.“ Um auszuschließen, dass sich eine Infektion unter allen Nutzern der Einrichtung ausbreiten könnte, werden die Gruppen nicht gemischt. Das heißt, dass eine sechsköpfige Gruppe montags, mittwochs und freitags in der Einrichtung ist, weitere fünf Gäste kommen dienstags und donnerstags. „Fällt ein Gast beispielsweise durch einen Arztbesuch aus, kann niemand anders nachrücken, das geht nur dann, wenn es einen wochenlangen Ausfall gibt, etwa, wenn ein Gast in die Kurzzeitpflege geht“, erklärt Ulrich.

Ohne den Rettungsschirm würde gar nichts gehen.

Ralf Ulrich

Ins Haus kommt morgens auch nur, wer keine Erkältungssymptome aufweist und beim Fiebermessen keine erhöhte Temperatur hat – das gilt für Gäste und Personal, aber auch für Therapeuten, die in der Tagespflege mit den Besuchern arbeiten.

Ein wirtschaftlicher Betrieb ist mit dem Geld, das die Pflegekassen für die tägliche Betreuung zahlen, nicht mehr möglich. „Ohne den Rettungsschirm würde gar nichts gehen“, ist sich Ulrich sicher. Am Ende eines jeden Monats meldet er die Mindereinnahmen an die Pflegekasse, die dann das Geld vorschießt und es sich selbst aus der Staatskasse erstatten lässt. Gleich zu Anfang der Pandemie bekam die Einrichtung auch 15 000 Euro Soforthilfe.

Das Hygienekonzept bestimmt den Alltag in der Tagespflege.

Fürs Pflegepersonal gab und gibt es dann auch noch die von Gesundheitsminister Spahn versprochene Prämie. Da die Einrichtung allerdings zwei Monate geschlossen war und ein Anspruch erst dann besteht, wenn man drei Monate unter Pandemiebedingungen gearbeitet hat, wird das Geld erst in einigen Wochen ausgezahlt. „Die Mitarbeiter, die in der hauswirtschaftlichen Betreuung arbeiten, konnten das auch im April und Mai tun und bekamen die Prämie bereits“, erklärt der Geschäftsführer.

Auf den Angehörigen lastet ein enormer Druck.

Ralf Ulrich, Rat&Tat

Doch wie sehen diese Entwicklung die Gäste und deren Angehörige? „Anfangs gab es Bedauern aber auch großes Verständnis. Doch Letzteres lässt von Monat zu Monat nach und weicht bei einigen großer Verärgerung, die wir dann auch in den Gesprächen in drastischer Weise zu hören bekommen“, sagt Ulrich. Er könne diese Verärgerung durchaus verstehen, so Ulrich, „auf den Angehörigen lastet ein enormer Druck“. Er betont aber auch, dass er keinen Einfluss auf die Situation habe und in ständigem Kontakt mit dem Gesundheitsamt des Kreises stehe. „Hier wird nichts entschieden, bevor das Amt nicht seine Zustimmung gegeben hat.“

Schutzkonzept

Um Gäste und Mitarbeiter zu schützen, gibt es ein Konzept in der Tagespflege Rat und Tat. Dazu gehören die sogenannten Individualbereiche, die mit Klebestreifen markiert sind. Darin muss der Besucher keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Verlässt er den Bereich, ist die Marke unverzichtbar. Bevor die Einrichtung betreten werden darf, wird die Körpertemperatur gemessen. An vielen Stellen im Haus stehen Spender mit Desinfektionsmitteln. Flächen (dazu gehören auch Tür- und Fenstergriffe) werden mehrmals täglich desinfiziert. Auch die Desinfektion der Toiletten nach jeder Benutzung ist Teil des Konzepts.

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