Auf der Flucht getrennt – aber in Kierspe vereint

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Hornijdar ist glücklich, mit ihren Kindern in Kierspe leben zu dürfen. Azdsher und Saiwan besuchen genau wie ihre Schwester Rewra und ihr Bruder Poshan (der auf den Bildern fehlt) die Gesamtschule – und wollen dort auch ihr Abitur machen.

Kierspe - Getrennt und unmittelbar von der Terrormiliz Islamischer Staat bedroht, machte sich eine syrische Familie auf den Weg nach Europa. Dass heute alle gemeinsam in einem Haus des Bauvereins in Kierspe leben, grenzt an ein Wunder – und ist dem Einsatz eines Kiersper Ehepaars zu verdanken.

Der Etagenflur vor der Wohnung ist genau wie die Etagenhaustür geschmückt. Die bunte Schleife und die übrige Dekoration weisen auf ein freudiges Ereignis hin, denn vor sechs Tagen hat eine Tochter der syrischen Familie, die im vergangenen Jahr nach Kierspe kam, ein Kind bekommen. Die kleine Manesa weiß nichts von dem Schicksal ihrer Familie von der Flucht, der Ungewissheit und der Verzweiflung. Sie hat die Chance, in Kierspe und damit in einem friedlichen Land aufzuwachsen. 

Der Eingang auf der Etage ist nach der Geburt von Manesa geschmückt: Die stolzen Eltern Pewra und Kamiran freuen sich.

2014 standen die Terroristen des Islamischen Staates schon vor der Stadt Kobane, die unweit der türkischen Grenze in Syrien liegt – und vorwiegend von Kurden bewohnt war. Honijdar, die dort mit ihren Söhnen und Töchtern ein Haus bewohnte, entschloss sich zur Flucht. Zu Fuß erreichte die Frau mit ihren fünf Kindern und einem zukünftigen Schwiegersohn die Türkei. Doch eine neue Heimat sollte die Familie in den knapp zehn Monaten, die sie dort lebte, nicht finden. „Wir hatten Bekannte, die damals nach Deutschland geflüchtet waren, deshalb beschlossen wir, auch dorthin zu flüchten“, erzählt Azdsher. Der Junge ist heute 13 Jahre alt, spricht ein fantastisches Deutsch und übernimmt im Gespräch mit der Meinerzhagener Zeitung die Übersetzung – auch wenn das weitenteils gar nicht mehr nötig ist, denn auch seine drei Geschwister beherrschen die Sprache erstaunlich gut – und auch wenn seine Mutter Honijdar spricht, möchte man nicht glauben, dass sie erst seit eineinhalb Jahren in Kierspe lebt. 

Der Weg nach Deutschland führte zuerst über das Meer nach Griechenland. „In Schlauchbooten sind wir dort nachts rüber gefahren“, sagt der 13-Jährige. Danach begann der lange mühsame Weg bis an die deutsche Grenze, ein Weg den im vergangenen Jahr Hunderttausende gingen. Auf dieser Flucht wurde die Familie getrennt. Als erster erreichte der älteste Sohn Poshan die Bundesrepublik und landete letztlich in Eschweiler. Hornijdar, die mit ihren Kindern Azdsher und Saiwan – die heute 13 und 16 Jahre alt sind – unterwegs war, kam schließlich nach Kierspe und ihre älteste Tochter Pewra (19) erreichte mit ihrem Mann Kamiran – die beiden haben noch in der Türkei geheiratet – Holzwickede. „Es war ein großes Glück, dass alle in Nordrhein-Westfalen Aufnahme fanden, denn über die Grenzen der Bundesländer hinweg ist eine Familienzusammenführung fast unmöglich“, sagt Karin Schmid-Essing vom Arbeitskreis Flüchtlinge. 

Doch auch innerhalb des Landes war das Zusammenführen der Familie alles andere als einfach, dass es trotzdem gelang, haben die Syrer vor allem Karin und Paul Molter zu verdanken. Die beiden, die ebenfalls im Arbeitskreis sehr aktiv sind, und sich von Anfang an um Honijdar und ihre beiden bereits hier lebenden Kinder kümmerten, übernahmen es, mit den Behörden zu sprechen, reisten zu den Kindern in die beiden Städte, sorgten dafür, dass die Familie sich wenigstens immer wieder für kurze Zeit sehen konnte und schafften es schließlich, dass alle nun in Kierspe wohnen – zuerst sehr beengt in einer Wohnung. 

Mittlerweile hat sich die Wohnsituation entspannt. Die älteste Tochter ist mit ihrem Mann in eine eigen Wohnung auf der gleichen Etage gezogen. Gerade jetzt, nach der Geburt von Manesa, ist das sicher eine ideale Lösung. Alle fühlen sich in Kierspe wohl und gut aufgenommen. Und während Hornijdar und drei ihrer Kinder eine Anerkennung haben, warten derzeit noch Pewra, ihr Mann Kamiran und die kleine Manesa auf das Bleiberecht. Eine Chance auf Rückkehr nach Kobane sehen alle nicht. Hornijdar: „Unser Haus ist zerstört, dahin können wir nicht zurück.“ Außerdem ist die Region aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und den Kurden nicht als befriedet zu bezeichnen. 

Die Kinder haben Ziele vor Augen. Azdsher spricht für alle, wenn er sagt: „Wir wollen hier Abitur machen, das ist doch klar.“ Er selbst ist mittlerweile auch Fußballer im KSC. „Ich habe aber noch keinen Spielerpass“, sagt er bedauernd, als er nach der Vereinsmitgliedschaft gefragt wird. Und Fritz Schmid vom Arbeitskreis erklärt: „Die jungen Syrer dürfen hier nur spielen, wenn der syrische Fußballverband dem Deutschen Fußballbund eine Freigabe erteilt – das ist nicht so ganz einfach in einem Land, in dem Krieg mit unvorstellbarer Härte geführt wird.“ 

Die Nachnamen sind von der Redaktion bewusst weggelassen worden.

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