Amtshaus-Brand: Familie verliert Zuhause

Ist auf der Suche nach ihren „Rettern“: Jennifer Paulini mit ihren Kindern Fynn und Jara. Derzeit lebt die vierköpfige Familie in der Kellerwohnung der Eltern von Jennifer Paulini. - Foto: Becker

KIERSPE - Für den fünfjährigen Fynn ist der Brand, der vor rund drei Wochen sein Leben und das seiner Familie veränderte, noch sehr präsent. Kein Wunder, verlor er doch bei dem Feuer im Alten Amtshaus das erste Zuhause, das er kannte. Dass es damals nicht noch schlimmer gekommen ist, verdankt seine Familie Fynn der Geistesgegenwart der VHS-Teilnehmer.

„Ich hatte schon eine ganze Weile den Brandgeruch in der Nase. Konnte aber weder in der Wohnung, noch auf dem Dachboden oder im Treppenhaus etwas feststellen“, erinnert sich Jennifer Paulini an den Nachmittag des 11. Oktober. Doch wenig später klopfte es an der Etagentür im obersten Geschoss des Amtshauses. Unbekannte Männer standen vor der Tür und teilten der jungen Mutter mit, dass es brenne und sie sofort die Wohnung verlassen müsse.

„Anschließend trugen die Männer meine Kinder nach unten, dadurch konnte ich wenigstens noch Schuhe und Jacken für die Kleinen mitnehmen. Auf der Straße waren die beiden Helfer dann plötzlich verschwunden. Ich konnte mich nicht einmal bedanken“, so Paulini, die erst dort erkannt hat, dass es an diesem Nachmittag knapp war: „15 Minuten später wären wir nicht mehr durchs Treppenhaus gekommen, dann war da alles voller Rauch. Dann hätte ich auf der kleinen Plattform vor einem Fenster mit den Kindern ausharren müssen, bis uns die Feuerwehr abgeholt hätte.“

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Doch dieses Schicksal blieb ihr durch die Unbekannten erspart. Und durch die Hilfe des Praxisteams von Dr. Reiffert musste sie auch nicht lange auf der Straße bleiben. Dort hätte sie auch nur zusehen müssen, wie ein Feuerwehrfahrzeug nach dem anderen eintraf, die Wehrleute den Brand aber erst nach längerer Zeit mit der Wärmebildkamera fanden. Um diesen zu löschen, mussten sie die Decke zwischen VHS-Verwaltung und der Wohnung der Paulinis zum Teil aufreißen. Um Platz zu schaffen, mussten Möbel weichen.

Ein Teil der Einrichtung landete aus dem vierten Stock des Gebäudes mit gehörigem Krachen auf der Straße. Doch auch alles andere, was sich in der geräumigen Wohnung fand, wurde durch die Ablagerungen nach dem Brand oder das Löschwasser so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass nur wenig zu retten war.

„Wir sind an dem Abend noch mal ganz kurz in der Wohnung gewesen, um Kleidung zu holen und am nächsten Morgen die wichtigsten Papiere. Küche, Wohn- und Esszimmer existierten im Grunde nicht mehr. Wir werden wohl nur unser Schlafzimmer behalten können, wenn dieses von einer Spezialfirma gereinigt wurde. Die Kinderzimmer werden entsorgt, dazu hat uns die Versicherung geraten. Lediglich die Kleidung kann durch mehrfaches Waschen von den Brandrückständen gereinigt werden“, so Paulini.

Doch es ist auch nicht so sehr der materielle Schaden, der die 26-Jährige trifft. Denn neben der gemeinsamen Wohnung, in der sie sich mit ihrem Mann Tobias und den Kindern Fynn und Jara (16 Monate) ein Heim geschaffen hatte, sind es vor allem viele persönliche Dinge, die verloren sind. Sicher, die knapp 600 Bücher lassen sich neu kaufen, wenn man sich denn an jeden Titel erinnern würde. Gleiches gilt auch für die CDs. Doch die Fotobücher mit den Kinderbildern oder auch die Fußabdrücke ihrer Kleinen in Gips, die sie nach der Geburt angefertigt hatte, sind verloren.

Doch die junge Mutter beschwert sich gar nicht, erzählt viel mehr von der großen Anteilnahme und Hilfe, die sie und ihre Familie erfahren hat. Bei den eigenen Eltern am Wagnerweg konnte die Familie sofort einziehen, auch wenn dort nur zwei Kellerräume mit Küchenzeile zur Verfügung stehen. Die Eltern des katholischen Kindergartens haben viel Spielzeug gespendet, damit der Verlust den Kindern nicht so deutlich wird, und 500 Euro gab’s von der Gemeinde als Träger des Kindergartens.

Auch die Awo hat angekündigt, etwas spenden zu wollen. Ein Mitarbeiter der Stadt hat sich gemeldet, um eine Wohnung im eigenen Haus zur Verfügung zu stellen – sobald er vor dem jetzigen Mieter den Schlüssel bekommt, soll es einen Besichtigungstermin geben. Denn zumindest bis die Wohnung im Alten Amtshaus wieder bewohnbar ist, suchen die Paulinis eine Bleibe für die Übergangszeit. Auch die Stadt hat sich direkt nach dem Brand gemeldet und eine Wohnung angeboten. Diese hätte auch in direkter Nachbarschaft zum Alten Amtshaus gelegen – im Feuerwehrgerätehaus Stadtmitte.

„Das wäre aber für Fynn nichts gewesen, der hat ja nach dem Brand überall nur noch Feuer und Feuerwehrautos gesehen“, so Jennifer Paulini, für die es ab heute noch einmal stressiger wird. Denn nun beginnt nach den Herbstferien das Semester wieder. Sowohl die Kiersperin als auch ihr Mann sind Studenten in Dortmund. Und beide haben auch noch Jobs neben dem Studium. Während die Lehramtsstudentin an der Hochschule in Dortmund arbeitet, hat sich ihr Mann, der Informatik studiert, in diesem Bereich selbstständig gemacht.

In Zukunft wollen aber nicht nur Job und Familie erledigt werden, die Akten, die noch zu retten waren, müssen zu einer Spezialreinigung gebracht werden. Im Amtshaus steht ein Besichtigungstermin an, um die Inventarliste für die Versicherung zu vervollständigen. Später werden die vier dann sicher auch etliche Zeit in Geschäften und Möbelhäusern verbringen, um eine neue Wohnung einzurichten. Doch vorher möchte Jennifer Paulini vor allem eines, die Männer ausfindig machen, die sie und ihre Kinder aus der Wohung holten, „um mich endlich zu bedanken.“ - Johannes Becker

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